Finale

Der Rest der Welt

Finale

Der Rest der Welt

Spaß beiseite: Warum ich mich alleingelassen fühle

von Beni Frenkel  30.08.2020 08:57 Uhr

In letzter Zeit stelle ich mir viele Fragen. Ich sitze zu Hause und bin Jude – nur für mich alleine. Seit einem halben Jahr bin ich nicht mehr in die Synagoge gegangen, auch nicht an den Feiertagen.

Ich stelle mir Fragen wie: »Würdest du für eine Million Euro die Schabbatgesetze übertreten?« Niemand würde es sehen, ich bin ja alleine. »Ein Tausender für einmal nicht beten? Machst du mit?« Vor einem Jahr hätte ich mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gebrüllt: »Was für eine Frage, natürlich nie! Für kein Geld der Welt!«

Glauben Der Ausbruch des Coronavirus hat meinen Glauben aber ziemlich erschüttert. Eigentlich mag ich den christlichen Motivationsspruch vor der Eheschließung: »In guten wie in schlechten Zeiten.« Man sollte zum Partner halten, und das in allen Lebenslagen. Gleiches gilt wohl auch für die Religion. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich momentan ein Motivationsproblem. Nicht mit der Religion selbst, ich hadere vielmehr mit manchen Rabbinern, zu denen ich früher aufschaute.

Ich lese von Polizeieinsätzen, die aufgeboten wurden, um religiöse Hochzeiten aufzulösen, weil die maximal zulässige Teilnehmerzahl nicht eingehalten wurde. Oder ich höre von Rabbinern, die sich nicht an die Vorschriften des Staates halten, ihre Jeschiwa oder Synagoge wieder öffnen und sich dann just selbst infizieren.

Smartphone Am schlimmsten finde ich aber die religiösen Erklärungsversuche, warum Corona überhaupt passieren konnte. Bei uns Juden! Viele Rabbiner gehen davon aus, dass in den Synagogen zu viel geredet wurde. Oder dass die Beter statt in den Siddur auf das Smartphone guckten. Das hat mit meinem Glaubensverständnis nichts mehr zu tun.

Auch mit den jüdischen Gemeinden in Zürich habe ich meine Probleme. Sie erinnern mich an Fitness-Instruktoren von Club Med: »Ja, wir schaffen das, super, wir sind alle toll!«

Der Rabbi lacht in die Zoom-Kamera und nimmt alles easy. Oder ich bekomme Einladungen zu den Gottesdiensten, die »verbindlich und obligatorisch« sind. Aber eine Karte mit »Hey, blöde Situation, können wir helfen?« wird nicht verschickt. Und Anrufe wie »Wir sind für euch da, was braucht ihr?« finden auch nicht statt. Das lässt einen ziemlich alleine zurück.

Und dann kommen diese Fragen immer näher an einen heran: »Hey, Mann, was hält dich noch an dieser Religion? Alter, niemand sieht es; und wenn schon?« Ich denke, da ergeht es vielen Juden momentan ähnlich.

Memoiren

Charlotte Knobloch schreibt, warum sie »trotzdem weiter« macht

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Und legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

London

Boy George nimmt Pro-Israel-Song mit großer Band neu auf

Mit diesem Schritt erhofft sich der britische Popsänger eine größere Verbreitung von »We Will Dance Again«. Auf den Hass von Israelfeinden reagiert er ebenfalls mit einem neuen Lied

von Imanuel Marcus  21.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 20.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026

Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Wie jüdische Mäzene im 20. Jahrhundert der Moderne zum Durchbruch verhalfen

von Jana Talke  20.08.2026

Kulturkolumne

Some like it cold

Warum Disneys Eiskönigin nicht nur gegen Hitze hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80 Jahre alt. Eine persönliche Würdigung

von Reinhard Mohr  20.08.2026