Glosse

Der Rest der Welt

Mitte war jestern: Wedding – ick liebe dir! Foto: Getty Images/iStockphoto

Vor etwa drei Jahren suchte ich eine Wohnung in Berlin. Nach dreimonatiger erfolgloser Suche, entschloss ich mich, meinen Radius auszudehnen und fing an, im Wedding auf Wohnungsschau zu gehen. Meine deutschen Freunde und Kollegen bekamen Schnappatmung: Wedding! Eine eigentümliche Mischung aus Warnungen und Spötteleien (glauben Sie mir, ich kenne alle Witze über den Wedding) prasselte auf mich ein.

Aber mir war das alles egal, und schließlich fand ich ihn: einen Altbau in der Nähe der Panke, mit hohen Decken, Holzdielen und viel, viel Platz. Ein Traum! Ich war kurz davor, den Mietvertrag zu unterschreiben, als plötzlich eine Art Anti-Wedding-Kampagne bei Bekannten und Freunden losging.

Ein Typ kam auf mich zu und begrüßte mich mit »Salam Aleikum«.

Polizei Ich sah mich also mit Statistiken zur Kriminalität im Bezirk oder mit gut gemeinten Ratschlägen konfrontiert, doch mal bei der Polizei anzurufen und mich zu erkundigen, ob es auch wirklich sicher ist, in den Wedding zu ziehen. Das große Finale allerdings sollte noch kommen: Wäre es nicht gefährlich, für mich als Jüdin und Israelin, dort zu leben? Wegen der vielen Araber?

Ich hätte denen allen gern erklärt, dass ich in einer Stadt in Israel mit Juden und Arabern aufgewachsen bin und Arabisch zu hören, mir das Gefühl vermittelte, zu Hause zu sein. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mir damals gerade einen abbrach, Deutsch zu lernen und froh war, mich überhaupt verständigen zu können. Also fertigte ich meine Kritiker, die sich das alles nicht vorstellen konnten, gekonnt mit dem Satz ab, dass ich etwas Arabisch spreche und schon alles gut werden würde.

Pizza Am Tag des Umzugs war ich müde und hungrig. Mit letzter noch verbliebener Energie ging ich in eine kleine Pizzeria. Ein Typ kam auf mich zu und begrüßte mich mit »Salam Aleikum«, und ich bestellte meine Pizza – ohne groß nachzudenken – auf Arabisch. Alle starrten mich an. Etwas verblüfft fragte er, ob ich dort essen wolle oder die Pizza mit nach Hause nehmen würde. Worauf ich ganz souverän antwortete, dass ich gerade erst aus Israel hergezogen sei. Irgendwie waren wir beide vielleicht etwas überrumpelt. Denn er erzählte nun, dass er im Libanon geboren wurde und Israel immer besuchen wollte.

Der Händler an der Ecke begrüßt mich mit »Boker tow«, und ich verstehe, was sich die Leute auf Arabisch zurufen.

Wir zeigten uns gegenseitig Bilder, und plötzlich fing ich an, mein bisschen Deutsch an ihm zu testen. Das an dem Ort zu tun, an dem offenbar jeder Gast von woanders herkam und ahnte, wie beängstigend es sein kann, die Landessprache nicht zu beherrschen, machte es für mich erträglicher. So wurde ich also langsam warm mit diesem Ort der Witze und Warnungen, mit diesem Wedding, in dem ich Gewürze und Geschmäcker fand, die ich von zu Hause kannte.

Boker Tow Ich lud meine deutschen Freunde ein, das doch mal kennenzulernen: die coolen Ecken, das tolle Essen. Wussten Sie, dass wir im Wedding das beste Hummus außerhalb von Israel haben? Der Händler an der Ecke begrüßt mich mit »Boker tow«, und ich verstehe, was sich die Leute auf Arabisch zurufen. Fast wie in Israel. Aber hier kann ich zeigen, dass es geht, dass wir befreundet sein können, wenn wir wollen: Syrer, Libanesen, Iraker. Hätten Sie das vom Wedding gedacht?

Julia Franck

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