Glosse

Der Rest der Welt

Unser Autor hat sich in den letzten 25 Jahren nie richtig anfreunden können mit Zürich. Foto: iStock

Zürich ist eine kalte, unsympathische Stadt. Ich habe mich in den letzten 25 Jahren nie richtig anfreunden können mit den Bewohnern hier.
Die Leute gucken mich mürrisch an, schütteln den Kopf, wenn ich an der Kasse nicht gleich die Kundenkarte im Portemonnaie finde, und hupen hysterisch, wenn ich mit dem Fahrrad ein paar Millimeter in ihre Fahrbahn gerate.

Nur wenn die Ambulanz durch die Stadt rast, kann ich mich für Zürich erwärmen. Die Autofahrer fahren blitzschnell auf die Bürgersteige, die Fahrradkuriere halten an, und die Straßenbahn, in der ich sitze, stoppt ruckartig. Das ganze Leben hält für ein paar Sekunden an. Auch die Gespräche in der Straßenbahn verebben. Das Mitgefühl um einen unbekannten Verletzten berührt mich jedes Mal tief in meinem Herzchen.

REFUA SCHLEMA In dieser Stille hört man dann immer eine Mädchenstimme, die laut brüllt: »Refua schlema!« Das Mädchen sitzt links von mir und ist meine Tochter. Sie geht in den orthodoxen Kindergarten und verehrt ihre Kindergärtnerin. Im Unterricht hat sie gelernt, dass man »Refua schlema« – also »Gute Besserung« – sagt, wenn jemand krank ist.

Meine Tochter übernimmt alles, was ihr die Kindergärtnerin beibringt. Sie schreit »Refua schlema!« so laut, dass es sich wie »Hipp, hipp, hurra!« anhört. Sie wiederholt ihren Kampfspruch mehrmals. Und zwar so lange, bis die ersten mürrischen Gesichter sich umdrehen und sie böse angucken und dann mich.

DILEMMA Ich stecke dann immer in einem Dilemma: Einerseits wünsche ich den Verunglückten auch in den meisten Fällen »Refua schlema«, und ich will meine Tochter auch nicht jedes Mal bremsen. Andererseits kenne ich die Zürcher nur zu gut. Die denken sicher: Wir Juden brüllen tatsächlich »Hipp, hipp, hurra!«, wenn sich ein Nichtjude verletzt. Oder noch schlimmer: »Refua schlema!« wäre ein alttestamentarischer Spruch: »Fahr zur Hölle!«

Ich habe schon häufig versucht, meiner Tochter beizubringen, nach dem hebräischen »Refua schlema« die deutsche Übersetzung zu brüllen. Meinetwegen auch wiederholend. Ich mache das ja auch immer, wenn Nichtjuden uns an Schabbat besuchen: Zuerst bete ich auf Hebräisch und dann auf Deutsch.

Ich will nicht, dass unsere Gäste denken, ich würde beten: »Und Herr, vergifte unsere nichtjüdischen Gäste. Amen!« Aber meine Tochter verweigert sich dieser Anleitung zum interreligiösen Dialog. Seit Neuestem brüllt sie sogar: »Masal Tow!«, wenn in der Straßenbahn ein Smartphone auf den Boden fällt.

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  28.05.2026

Musik

Drake hat mehr Hits als Michael Jackson

In den Top 10 Single-Charts entfallen neun der zehn Plätze auf den jüdischen Rapper. Sein neuer Song »Janice STFU« sprang soeben direkt auf Platz 1 der Billboard Hot 100

 28.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  27.05.2026

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026

Kino

»Über die Verkrampftheit hinwegkommen«

Andreas Brämer, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, über den jüdischen Filmclub in der Stadt am Neckar

von Ayala Goldmann  26.05.2026

»Imanuels Interpreten« (21)

Sammy Davis Jr.: Der Entertainer

Schon als Kind steht er auf der Bühne, als junger Erwachsener bekommt er den Rassismus zu spüren und wird dennoch ein Star. Im Jahr 1960 konvertiert der legendäre Unterhalter zum Judentum

von Imanuel Marcus  26.05.2026

Führung

Open-Air-Ausstellung zum jüdischen Leben in Erfurt

Ab Freitag führt ein Rundgang auf 19 Stationen durch das historische jüdische Viertel Erfurts und verbindet Geschichte mit digitalen Angeboten

 26.05.2026

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  24.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  24.05.2026