Finale

Der Rest der Welt

Twitter schläft nie, Facebook macht keine Pause, und Menschen fabrizieren zu jeder Tages- und Nachtzeit Blödsinn. Foto: Getty Images / istock

Hatten Sie auch schon einmal eine Beziehung mit jemandem, von der oder dem Sie einfach nicht loskamen? Erinnern Sie sich auch an eine Hass-Liebe, die natürlich zum Scheitern verurteilt war und trotzdem an Ihnen klebte wie der Zucker von Sufganiot?

Mein permanenter Fast-Verflossener heißt Antisemitismus – und damit meine ich nicht mein kompliziertes Verhältnis zu manchen Stereotypen, die ich einerseits verabscheue und die mich andererseits dennoch fragen lassen: »Wenn uns schon die Welt gehört, haben wir doch sicherlich noch einen guten Job für mich, oder?«

Debatte Nein, was ich meine, ist das schwierige Verhältnis zu Diskussionen darüber, was antisemitisch ist. Übrigens bin ich nicht die Einzige, die von diesen Debatten nicht loskommt. Ich kenne genügend Leute, die sagen: »Ich rede nicht mehr über Antisemitismus!« Und die es dann doch tun. Inkonsequenz könnte ein neues Vorurteil werden!

In den vergangenen 200 Jahren gab es auf diesem Gebiet nicht sehr viel Innovation. Vielleicht sollten wir sie fördern. Zum Beispiel mit der alljährlichen Wahl des spannendsten Vorurteils. Aber so würden wir auch nur wieder »Geld scheffeln« und uns in die »Öffentlichkeit drängen«. Lassen wir das lieber.

Das Problem ist schließlich auch ein anderes: Wir müssen endlich von den Antisemitismus-Diskussionen wie kürzlich rund um Polak und Böhmermann loskommen. Dafür fehlt uns vor allem die klare, einheitliche Vorstellung davon, wann genau etwas antisemitisch ist. Manchmal wünsche ich mir deshalb eine Antisemitismusbeauftragte oder einen -beauftragten. Aber nicht in der Rolle eines Vermittlers, gar Beschützers, wofür sie aktuell in verschiedenen Bundesländern eingestellt werden. Nein, alles womit wir die oder den Beauftragte/n ausstatten sollten, sind zwei Stempel und ein hübsches Büro.

Karikaturen Die Aufgabe: Statements, Zitate, Witze, Karikaturen und so weiter auszuwerten und als »antisemitisch« beziehungsweise »nicht antisemitisch« abzustempeln. Kurz hatte ich noch überlegt, Unterkategorien einzuführen, zum Beispiel: »Nicht antisemitisch, trotzdem unlustig.« Doch dann wird die ganze Sache wieder zu kompliziert. Und gerade dagegen wollen wir ja etwas tun!

Allen, die sich nun denken: »Endlich: mein Traumjob«, möchte ich noch Informationen zur nötigen Qualifikation und den Arbeitszeiten geben. Die schlechte Nachricht zuerst: Wir brauchen Sie rund um die Uhr. Twitter schläft nie, Facebook macht keine Pause, und Menschen fabrizieren zu jeder Tages- und Nachtzeit Blödsinn. Sie müssen zuverlässig und immer erreichbar sein!

Die gute Nachricht aber ist, dass Sie keine bestimmte Ausbildung benötigen. Es geht hier schließlich nicht um Wahrheit, sondern um Ruhe. Ruhe von den Diskussionen, den stillen Selbstgesprächen, dem Abwägen.

Sie klären schließlich nur die einzige Frage, die bei derartigen Debatten in Deutschland wirklich zählt: Ist das Antisemitismus, oder kann das weg?

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 12.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  12.08.2026

TV-Kritik

Geschäftsmodell Hass - ARD zeigt Serie über gewaltbereite Hooligans im israelischen Fußball

Die Dramaserie »Hooligans« blickt in den Abgrund rechtsextremer Fußballgewalt. Dass sie es ausgerechnet in Israel tut, macht den Achtteiler zur hochpolitischen Unterhaltung

von Jan Freitag  12.08.2026

Programm

Summer Open Airs in Frankfurt und Hannover, und ein Rendezvous für Hercule Poirot - mit einer Leiche

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 13. August bis zum 20. August

 12.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 12.08.2026

Reportage

Unter die Haut

Für viele Jüdinnen und Juden ist ein Tattoo nicht nur Körperschmuck – sondern auch ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Vier tätowierte Menschen erzählen

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

New Yorker Geschichten: Zu viele Bücher kann es gar nicht geben

von Katrin Richter  11.08.2026

Filmkritik

»Noga« - Porträt der Sängerin Noga Erez zeigt persönliches Ringen

Ein dokumentarisches Porträt der israelischen Musikerin Noga Erez, deren internationaler Erfolg seit dem Hamas-Massaker und den antiisraelischen Kulturattacken ausgebremst wird

von Kathrin Häger  11.08.2026

Literatur

Tomer Gardi und Dana Vowinckel für Deutschen Buchpreis nominiert

Die Jury hat die Auswahl der 20 Kandidaten bekanntgegeben. Unter ihnen sind auch bekannte Autoren mit jüdischem Hintergrund

 11.08.2026