Finale

Der Rest der Welt

In Antwerpen bei den megaspießigen Aschkenasen ist ja immer alles »tout comme il faut«. Foto: Thinkstock

Finale

Der Rest der Welt

Barmizwa in Cannes oder Von Cousinen und Stöckelschuhen

von Shira Silberstein  09.10.2017 11:51 Uhr

Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, zucke ich zusammen. Jetzt ist es passiert, denke ich. Chantal ist ausgerastet und hat dem Caterer die Knisches um die Ohren gehauen. Oder sie hat ihm einen Kinnhaken verpasst. Oder sonst irgendetwas Abgedrehtes.

Chantal ist meine supernervöse Freundin, deren Großer kurz vor seiner Barmizwa steht. Chantal ist ein nervliches Wrack! Sie ist vor einem Jahr von Paris nach Antwerpen gezogen, obwohl alle, aber auch wirklich alle ihre sefardischen Verwandten und Freunde sie davor gewarnt haben, sich freiwillig in die aschkenasische Vorhölle zu begeben. Und jetzt steht sie dumm da.

verwandtschaft In der ganzen Stadt ist natürlich kein einziger sefardischer Caterer aufzutreiben. Hier sind Knisches, Zimmes, Tscholent und Kugel angesagt. Der bevorstehende Erstkontakt der Verwandtschaft mit dem Buffet lässt Chantal vor Verzweiflung fast die Wände hochgehen. Und dann erst der Caterer! In Antwerpen bei den megaspießigen Aschkenasen ist ja immer alles »tout comme il faut«, nichts wird dem Zufall überlassen, es gibt Regeln für alles und jedes. Und anstatt, dass Chantal eine Vorauswahl von Caterern abchecken könnte, checken die Caterer sie ab.

Und so musste meine Freundin letzte Woche einen Besuch von Herrn Horowitz samt Frau über sich ergehen lassen, wobei sie selbst, ihr Mann, die Wohnung und die lieben Kleinen genauestens gescannt wurden: Frisur (kein Scheitel), Outfit (zu kurzer Rock), die Wohnlage (exklusiv), Einrichtung (bisschen viel Marmor), Familienstand (der Mann ist Anwalt), Haushaltseinkommen (siehe Marmor).

Woraufhin meine Freundin einen Kostenvoranschlag serviert bekam, dass ihr buchstäblich Hören und Sehen verging. Großzügig meinte daraufhin Caterer Horowitz, er könne die Mechiza umsonst liefern. Mechiza? Das Wort ließ Chantal endgültig an die Decke gehen.

buchsbäumchen Da könne man ja gleich einen Drahtverhau quer durch den Kiddusch-Saal ziehen! Etliche Telefonate mit dem örtlichen Chabad-Rabbiner waren nötig, um die Erlaubnis einzuholen, die mannshohe Holz-Trennwand durch eine Reihe kleiner Buchsbäumchen ersetzen zu dürfen.

Nachdem endlich alles organisiert war und Chantal sogar ein passendes Hotel für die Familie gefunden hatte (in der eleganten Isabellalei, der einzigen Straße des jüdischen Viertels, die von schönen alten Bäumen gesäumt ist), passierte das Desaster. Gestern rückten Bagger und Planierraupen an, um das ganze Grün plattzumachen. Zurück blieb ein rauchendes Inferno aus mannshohen Schutt- und Matschbergen, die erst einmal eine ganze Weile dableiben werden. Meine Freundin riss sich die Haare büschelweise aus. Die eleganten Pariser Cousinen ... mit ihren Stöckelschuhen ... im Antwerpener Schlammbad!

Das darf nicht sein! Chantal tat, was sie tun musste, buchte eine Suite im Carlton Intercontinental und verlegte die ganze Barmizwa stehenden Fußes nach Cannes – von wo aus ich diese Zeilen schreibe. 21 Grad, laues Lüftchen vom Meer, erstklassige Cuisine und weit und breit kein Aschkenase zu sehen.

Engagement

Erstklassig, Digga!

Der Fußballverein Hannover 96 ist nun beim Projekt »Shalom, Digga« in Niedersachsen mit dabei

 24.09.2026

Buchpremiere

Hinter jedem Namen steht ein Schicksal: Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1937 als Zeugnis jüdischen Lebens

Was wurde aus den Kindern auf einem Münchner Klassenfoto von 1937? Zwei Historikerinnen haben die Lebenswege der Schülerinnen und Schüler rekonstruiert. Ihr Buch erzählt von Verfolgung, Flucht, Überleben und Erinnerung

von Christiane Laudage  24.09.2026

Lesen!

»Leonard Cohen. 100 Seiten«

Dem Literaturwissenschaftler Oliver Kobold gelingt ein besonderes Porträt des Sängers

von Leon Stork  24.09.2026

»Imanuels Interpreten« (25)

Pancho Vladigerov: Meister der Klänge

Er studierte in Berlin, kooperierte mit Max Reinhardt und komponierte umwerfende Symphonien. Dennoch ist er fast nur in seinem Heimatland bekannt

von Imanuel Marcus  24.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  23.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  23.09.2026

Berlin-Wahl

»Die Linke ist keine antisemitische Partei, aber sie hat ein Problem mit Antisemitismus«

Der Comedian äußerte sich im Interview mit dem Tagesspiegel zur Berliner Wahl und zu einer progressiven linken Haltung zu Israel

 23.09.2026

Theater

Abgrund statt Parabel

In seiner Inszenierung von »Mephisto« spürt Frank Castorf den verborgenen Anziehungskräften des Faschismus nach und verzichtet dabei auf einfache Aktualisierungen

von Leon Stork  23.09.2026

Münchner Philharmoniker: Antrittskonzert von Lahav Shani

Musik

Berauschender Auftakt

Lahav Shani startet fulminant als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker

von Michael Schleicher  22.09.2026