Finale

Der Rest der Welt

Daten, aber wie? »Guck, dass er ›a Mentsch‹ ist. Und triff dich mehrmals mit ihm. Nicht nur im Bett«, empfiehlt die 94-jährige Freundin. Foto: Thinkstock

Single zu sein, ist wichtig! Bei diesem Satz denken viele erst mal an die Selbstfindungsgründe, mit denen die »Huffington Post« Single-Frauen ein gutes Gefühl geben will. Aber es geht nicht ums Alleine-glücklich-Werden oder emanzipiertes Selbst-Klarkommen. Nein. Es geht um Pädagogik! Zu dieser Einsicht bin ich in der Oper gelangt.

Kulturveranstaltungen mit meinem Vater und seiner Frau zu besuchen, hat Vorteile: Papa zahlt die Karten und meine russisch-jüdische Stiefmutter das obligatorische Gläschen Wein davor. Schwierig kann es nur bei der Auswahl des Stückes werden. Zumindest für jüdische Familien sollte es zu Anatevka eine Trigger-Warnung geben, denn unangenehme Gespräche zu Partnerwahl und baldiger Heirat sind unumgänglich.

Aber an diese Problematik erinnerte ich mich erst kurz bevor wir unsere Plätze einnahmen. Ich war mir sicher: Zwischen meinem Vater und meiner Stiefmama sitzend, würde sich der Theatersaal noch während der ersten Szene in eine Hölle verwandeln. Und so kam es.

Revolutionär Als Tuvias älteste Tochter Zeitel ihr Match, den Metzger, ablehnt und stattdessen den armen Schneider Mottel heiraten möchte, flüsterte mein Vater großzügig von rechts: »Du darfst dich auch in einen armen Mann verlieben.« Und meine Stiefmutter ergänzte von links: »Und ein Schneider, das kann ganz nützlich sein.« Als die zweitälteste Tochter Hodel sich in den Studenten Perchick verliebt und ihm nach Sibirien folgt, kommt es gönnerhaft von rechts: »Von mir aus wäre auch ein Revolutionär in Ordnung.« Und nach kurzem Zögern: »... na ja, und ein Lehrer auch.« Von links: »Nur bitte nicht nach Sibirien!«

Als die dritte Tochter sich schließlich in den russischen Soldaten Fedja verliebt, flüstert es von rechts: »Du darfst dich auch in einen Soldaten verlieben.« Und dann scherzhaft: »Auch in einen Russen!« Von links gibt es dazu keinen Kommentar mehr. Mein Vater ist also schon so verzweifelt über mein Single-Dasein, dass ich an nur einem Abend die Erlaubnis erhalte, einen Armen, einen Studenten, einen Marxisten und einen Russen zu heiraten.

Zum Glück hat der arme Mann, anders als Tuvia, nur zwei Töchter. Für mich war es trotz aller Unannehmlichkeiten ein erfolgreicher Abend – und das ist doch sehr typisch in der Pädagogik. Ausharren – und das hohe, noch unverheiratete Alter erzieht die Familie dann wie von selbst zu toleranten und weltoffenen Menschen.

Schätzchen Sogar meine Großeltern werden, mit zunehmender Verzweiflung, ganz schön großzügig. Kürzlich gab meine Oma bekannt: »Schätzchen, du dürftest auch eine Frau mitbringen.« Auch mein Opa ist verdächtig ungeduldig, eine gute Freundin von mir kennenzulernen. »Lad’ sie gern mal ein«, sagt er mir ab und an mit einem Zwinkern.

Den wirklich hilfreichsten Dating-Tipp hat mir übrigens neulich meine älteste Freundin, sie ist 94, aus Israel gegeben: »Guck, dass er ›a Mentsch‹ ist. Und triff dich mehrmals mit ihm. Nicht nur im Bett.«

Jetzt suche ich einfach nach einem »Mentschen«, und wenn ich noch etwas warte, darf es vielleicht sogar ein muslimischer Bundeswehrsoldat sein, der in seiner Freizeit gerne Kleider schneidert, einen marxistischen Lesekreis leitet und irgendwann einmal mit mir nach Sibirien reisen wird.

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Mel Brooks

Entertainer mit Panikattacken

Eine HBO-Doku beleuchtet auch weniger bekannte Seiten des legendären Regisseurs und Komikers

von Ralf Balke  23.04.2026

Gastbeitrag

Anne Frank mit Kufiya: Ein Fall für die Justiz

Der grassierende israelbezogene Antisemitismus stellt die deutsche Justiz vor große Herausforderungen. Das zeigt sich besonders am Umgang mit dem Bild »Anne«, das die Schoa instrumentalisiert

von Susanne Krause-Hinrichs  23.04.2026

Meinung

Die Eurovision gehört der Musik

Abermals wird der Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert. Doch das liefe auf eine Untergrabung des Formats hinaus, das so zum politischen Instrument verkommen würde

von Nicole Dreyfus  22.04.2026

Programm

Chassidischer Workshop, uralter Blockbuster und eine vergessene Heldin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. April bis zum 30. April

 22.04.2026

Zahl der Woche

2010

Funfacts & Wissenswertes

 21.04.2026

Theater

Eine Party der perfidesten Art

Simone Blattner inszeniert in Weimar den subversiv-doppelbödigen Text »Rechnitz (Der Würgeengel)« von Elfriede Jelinek

von Joachim Lange  21.04.2026

Biografie

Konzertmeister des Stardirigenten

In seinem neuen Buch über Herbert von Karajan bezieht sich der Historiker Michael Wolffsohn auch auf den Schoa-Überlebenden Michel Schwalbé. Ein Auszug

von Michael Wolffsohn  21.04.2026

Literatur

Neue Literatur zur Frage: Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein?

Jüdische Gemeinschaften sind gespalten – nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg. Viele Linke sehen sich in ihrem eigenen Umfeld mit Antisemitismus konfrontiert. Zwei neue Bücher liefern Denkanstöße

von Leticia Witte  21.04.2026