Finale

Der Rest der Welt

Der Spätsommer ist definitiv meine Lieblingsjahreszeit. Während viele den heißen Sommertagen hinterhertrauern und dabei oftmals so tun, als sei dies ein Abschied für immer, denke ich ohne Wehmut an 38 Grad in der S-Bahn, 30 Grad im Büro und 25 Wespen in meinem Eiskaffee.

Berlin ist momentan in diesen goldenen Filter getaucht, den man eigentlich nur von Instagram kennt. Das satte Grün der letzten Monate überlässt feurigem Orange, Blutrot und Rostbraun die Bühne. Schwäne ziehen ihre Runden, Flip-Flops können endlich wieder gegen richtiges Schuhwerk getauscht werden, und nervige Strandbar-Pärchen werden von nicht mehr ganz so nervigen Spaziergang-Pärchen abgelöst.

gefühlschaos Wer sich dem Judentum verschrieben hat – oder einfach hineingeboren ist –, für den sind die September- und Oktoberwochen ein absolutes Gefühlschaos. Kaum aus dem wohlverdienten Tel-Aviv-Urlaub zurückgekehrt, widmen wir uns dem süßen neuen Jahr, dem wir mit viel Essen begegnen und später um positive Einträge ins Buch des Lebens bitten. Kurz darauf folgt Jom Kippur. Kein Essen. Kein Make-up. Keine Party. Eher: vergeben, versöhnen, verhungern.

Und dann: Sukkot – die Stiefschwester der Wallfahrtsfeste Pessach und Schawuot. Irgendwie meinen alle zu wissen, worum es geht, doch nur wenige traditionelle Juden widmen sich dem Laubhüttenfest. Nach kurzer Recherche, basierend auf einer Handvoll Telefonaten mit Freunden und meinem Großvater, kann ich folgendes Resümee ziehen: Erntedank, die Zeit der Israeliten in der Wüste, Dankbarkeit, Palmwedel und – Zitat – »irgendwas mit Obst«.

mietenland Während ich, einen Kaffee schlürfend, in der Kreuzberger Graefestraße sitze, schaue ich auf die gegenüberliegenden Häuserfronten. Und dort stehen sie wieder, in großen Trauben und langen Schlangen: die Wohnungssuchenden, die in den letzten Monaten vor der gleißenden Juli- und Augustsonne kapitulieren mussten. Nun sind sie wieder hier, nach langer Reise auf dem Weg ins gelobte Mietenland, und suchen Schutz in einer der Hütten, die ihnen vom Wohngott angeboten wird. Tatsächlich entdecke ich beim Aufschauen in den blauen Berliner Himmel einen Balkon, dessen Wände mit Bastmatten verkleidet sind. Es sieht aus wie eine Sukka.

Im 3. Buch Mose 23, 39–43 steht: »Während der Festwoche sollt ihr in Laubhütten wohnen; das gilt für alle Israeliten im Land. So behalten eure Nachkommen im Gedächtnis, dass ich, der Herr, euch Israeliten in Laubhütten wohnen ließ, als ich euch aus Ägypten führte. Ich bin der Herr, euer Gott!« Demnach stimmt, was ich vorhin am Telefon hörte. Es geht um Dankbarkeit, auch um Demut der vielen Annehmlichkeiten wegen, die uns heute umgeben. Wir feiern die Früchte, reife Ernten und die Tatsache, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten und haben. Aktueller könnte die Botschaft nicht sein.

Berlin

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