Film

Der Rebell

Vom parteitreuen Vater in den Knast gebracht: Thomas Brasch Foto: cinetext

Er war wortgewaltig, besessen von seiner Arbeit, narzisstisch und litt an Deutschland. Thomas Brasch, geboren 1945 im englischen Exil als Sohn jüdisch-kommunistischer Emigranten, wuchs in der DDR auf. Sein Vater Horst brachte es dort bis zum stellvertretenden Kulturminister. Den Sohn steckte er in eine Kadettenanstalt. Thomas rebellierte, protestierte 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in Prag und kam – auch »dank« des Vaters, der ihn denunzierte – in den Knast. Nach einigen Monaten Gefängnis ließ man ihn wieder frei, er durfte sich in der »sozialistischen Produktion bewähren«.

emigration 1976 ging Brasch mit seiner damaligen Freundin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna in den Westen. Er wurde als Dissident gefeiert. Wohl fühlte er sich in der alten Bundesrepublik nicht. 1982 kam es bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises zu einem Eklat. Ausgezeichnet für sein Spielfilmdebüt Engel aus Eisen, dankte der Regisseur in Anwesenheit von Franz Josef Strauß der Filmhochschule der DDR, erntete wütende Buhrufe und Kommentare wie »Geh doch rüber«.

Zu sehen ist das in einem essayistischen Dokumentarfilm über Thomas Brasch, den sein langjähriger Freund, der Filmemacher Christoph Rüter, zum 10. Todestag des Künstlers diese Woche in die Kinos bringt. Brasch, so der lakonische Titel, ist ein sehr persönlicher Film geworden, obwohl er gerade das Persönliche ausklammert. Brasch selbst fand nur seine Arbeit bedeutend.

Die Bilder stammen von Rüter, der seinen Freund viel mit einer Videokamera filmt, sowie von Brasch selbst, der in seinen letzten Jahren in seiner Ostberliner Wohnung am Schiffbauerdamm oft eigenhändig zur Kamera griff. So besteht Brasch paradoxerweise nur aus Aufnahmen mit Brasch. Keiner seiner Weggefährten, Freunde, Familienmitglieder oder Kollegen kommt zu Wort. Ab und zu werden im Off Passagen aus den Werken des Autors zitiert und Ausschnitte aus seinen Filmen wie Engel aus Eisen, Domino oder Der Passagier eingestreut. Letzterer hieß im Untertitel Welcome to Germany. Tony Curtis spielte die Hauptrolle. In diesem Werk beschäftigt sich Thomas Brasch exzessiv und voller Schmerz mit seiner jüdischen Identität. Die trieb ihn immer wieder um. In einem Interview lehnt er »Holocaust-Sentimentalitäten« ab, fragt, wie es kommt, dass ein Machtmechanismus Opfer zu Tätern werden lässt. Er beantwortet die Frage selbst »mit dem Bedürfnis zu überleben«.

drogen Nach der Wende fällt Thomas Brasch in ein kreatives Loch. Er zieht wieder zurück in den Ostteil Berlins, wirkt verärgert, verbittert und ziellos. Jahrelang bunkert er sich in seiner großen, 2.700 DM teuren Mietwohnung ein, schreibt 14.000 Seiten an seinem Endlosprojekt Brunke, vereinsamt und nimmt Drogen. Doch auch bei den Interviews aus dieser Zeit beeindrucken die Sprachgewandtheit, die wütende, scharfzüngige Rhetorik und die innere Zerrissenheit des nach Widersprüchen suchenden Autors.

Man muss sich als Betrachter auf diesen Mann und diesen Film einlassen, der mitunter ebenso roh, sperrig und unvollendet wirkt wie das disparate Werk des Autors und Filmemachers Brasch. Gelungen ist in jedem Fall das Porträt eines in der DDR aufgewachsenen Juden, dessen Vater staatstragend Karriere machte. Der Sohn dagegen stellte die Macht immer infrage, bewunderte die rebellische Kraft der Kleinkriminellen aus seinem Film Engel aus Eisen. Er war stolz auf seinen britischen Pass, krankte an der Wunde DDR und ihren verpassten Utopien für Deutschland. Zu viel über sich selbst nachzudenken, Briefe oder Tagebücher zu veröffentlichen, war für Thomas Brasch wie ein vorweggenommener Tod. Der ereilte ihn am 3. November 2001 im Alter von nur 56 Jahren.

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