Wuligers Woche

Der Osnabrücker Frieden

Osnabrück – eine Lösung für Jerusalem? Nicht wirklich, bloß ein weiterer »israelkritischer« Volkshochschulvortrag. Foto: dpa

Es soll Menschen geben, die in Medien nur die Überschriften lesen und dann glauben, schon informiert zu sein. Manchmal funktioniert das. Aber Vorsicht: Schlagzeilen sind im Journalismus Glückssache. Gelegentlich führen sie in die Irre.

Vergangene Woche meldete Focus Online: »Osnabrück: Eine Lösung für Jerusalem«. Ich sah das, und sofort startete in meinem Kopf die Assoziationskette. Hatten, wie vor mehr als 25 Jahren in Oslo, Israelis und Palästinenser in Osnabrück Geheimverhandlungen geführt, um den Status der Stadt einvernehmlich zu regeln? Die Symbolik des Ortes würde passen: Schließlich wurde dort 1648 der Westfälische Frieden unterzeichnet. »Osnabrück – Die Friedensstadt« nennt sich die Kommune selbst stolz.

nahostexperte Aber warum Osnabrück und nicht Münster? Nicht nur war dort das Ende des Dreißigjährigen Kriegs ebenfalls besiegelt worden; in der westfälischen Stadt residiert auch Ruprecht Polenz, Ex-MdB der CDU und durch zahlreiche Facebook-Postings als Nahostexperte ausgewiesen. Wenn dennoch Osnabrück den Zuschlag bekommen hatte, dann vielleicht, weil es in Niedersachsen liegt, der Heimat Sigmar Gabriels.

Aber der hätte die Veranstaltung sicherlich eher in seine Heimatstadt Goslar geholt, wo er prominente Gäste aus dem Ausland gern zum Tee einlädt. Womöglich war ja ein anderer prominenter niedersächsischer Sozialdemokrat im Spiel. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist seit seiner Abwahl bekanntlich immer wieder als diskreter Emissär in heiklen internationalen Fragen unterwegs.

Oder war die Meldung anders zu verstehen? Osnabrück als Modell für Jerusalem? Im friedlichen Miteinander der Religionen ist die 160.000-Einwohner-Stadt tatsächlich Vorbild. Ein Drittel Katholiken, ein Drittel Protestanten und ein Drittel Sonstige (darunter Muslime und 1500 Juden) koexistieren ohne nennenswerte Reibereien. Möglicherweise hatte ein Wissenschaftler der Osnabrücker Universität daraus Konzepte für den Nahen Osten abgeleitet: »Das Osnabrücker Paradigma: die Transponierung eines niedersächsischen Narrativs in den Nahostkonflikt«.

palästina An diesem Punkt konnte ich meine Neugier nicht länger zähmen und las endlich den Text unter der Überschrift: »Judith Bernstein, die als freie Publizistin in München lebt, ist am 23. Februar, 18 Uhr, zu Gast in der VHS Osnabrück. Der Titel ihres Vortrags lautet ›Jerusalem. Das Herzstück des israelisch-palästinensischen Konflikts‹. Bernstein ist Mitglied der ›Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe‹, die für das Ende der israelischen Besatzung und für die Gleichstellung der Palästinenser in Palästina und in Israel eintritt. Die Referentin verbringt mehrere Wochen im Jahr in Israel und in Palästina.«

Ach so. Kein Durchbruch in Nahost. Bloß ein israelkritischer Volkshochschulvortrag. Schade! Ich hatte mich schon so auf den Frieden für Jerusalem gefreut. Jetzt muss ich weiter warten. Das Bahnticket nach Osnabrück habe ich inzwischen storniert.

Geburtstag

Streitbare Mahnerin: Lea Rosh wird 90 Jahre alt

Ihr Name ist eng verbunden mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Schon früh beschäftigte sich die Journalistin Lea Rosh mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Am Donnerstag wird sie 90 Jahre alt

von Birgit Wilke  29.09.2026

Die frühere rbb-Intendantin Patricia Schlesinger

Berlin

Strafprozess gegen Ex-RBB-Intendantin Schlesinger

Im Sommer 2022 erschüttert der RBB-Skandal den öffentlich-rechtlichen ARD-Sender. Der Fall beschäftigt auch die Justiz. Nun soll es wegen Untreue-Vorwürfen zum Prozess kommen.

 29.09.2026

Berlin

CDU-Kulturexperte schlägt Wolf Biermann für Nobelpreis vor

»Biermanns Werk, seine poetische Stimme stehen für die Unantastbarkeit individueller Freiheit als Würde des einzelnen Menschen bis heute«, schreibt Uwe Lehmann-Brauns zur Begründung

 29.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Sachsen-Anhalt

Der 7. Oktober und die Folgen: Podiumsdiskussion in Halle

Vor drei Jahren überfielen islamistische Terroristen Israel und rissen damit Gaza in einen bis heute andauernden Krieg. Zeitgleich nahmen weltweit antisemitische Ausschreitungen zu. Diskutanten erörtern die Ursachen

 28.09.2026

Hard-Rock-Legenden

Kiss feiern 50 Jahre »Rock and Roll Over«

Eine umfangreiche Neuauflage des Albums kommt. Was ist enthalten?

 28.09.2026

Babyn Jar

Sie alle hatten einen Namen

In der Schlucht bei Kyjiw ermordeten deutsche Täter am 29. und 30. September 1941 innerhalb von zwei Tagen rund 34.000 Jüdinnen und Juden

von Andreas Albrecht  28.09.2026

Berlin

Verschollene Golem-Filmmusik feiert Berliner Erstaufführung

Der Komponist Hans Landsberger, ein späteres Holocaust-Opfer, hatte die sinfonische Begleitmusik für den Film geschrieben. Seine Komposition gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Filmmusik

 28.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wöchentliche Papierflut oder Die kleinen verkannten Kunstwerke

von Nicole Dreyfus  27.09.2026