Klassik

Der letzte Gentleman

Mariss Jansons (1943–2019) Foto: dpa

Eigentlich wollte er Fußballspieler werden. Doch Welt- und Musikgeschichte nahmen ihren Lauf, und aus Mariss Jansons wurde einer der bedeutendsten, meistbewunderten und -gefeierten Dirigenten seiner Generation. Schon die Umstände seiner Geburt wiesen ins Außergewöhnliche: So brachte ihn seine Mutter, um ihn vor den NS-Lagerschergen zu schützen, in einem Versteck im Ghetto von Riga zur Welt, am 14. Januar 1943.

Die Familie überlebte die deutsche Besatzung Lettlands; Jansons’ Mutter, die lettisch-jüdische Mezzosopranistin Iraida Jansons, wurde zur angesehenen Diva an der Rigaer Oper, und 1946 ging sein Vater Arvid Jansons als Assistent von Jewgeni Mrawinski zu den Leningrader Philharmonikern. Frau und Sohn folgten ihm 1956.

https://www.youtube.com/watch?v=2xwCSdvoy78

konservatorium In Leningrad widmete sich der junge Mariss Jansons am renommierten Konservatorium dem Studium von Violine, Klavier und Dirigieren. 1969 wechselte er nach Wien und setzte dort seine Ausbildung bei den legendären Maestri Herbert von Karajan und Hans Swarowsky fort, bevor er in die Sowjetunion zurückkehrte, um dort in die musikalischen Fußstapfen seines Vaters zu treten und zunächst Mrawinskis Assistent und 1973 sein Stellvertreter zu werden.

Nachdem Jansons, dem bald der Ruf eines »Gentleman« und »Intellektuellen am Dirigentenpult« vorauseilte, ab 1979 unter anderem die musikalische Leitung der Orchester von Oslo und Pittsburgh innegehabt hatte, übernahm er 2003 das Chefdirigat von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; mit der zeitgleichen Leitung des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters stand Jansons von 2004 bis 2015 zweien der exquisitesten Klangkörper der Welt vor.

Jansons schuf eine musikalische Welt, in der man sich zu Hause fühlte, voller Wärme und Esprit.

Ein Jahr später hielt der langjährige erste Violinist der Berliner Philharmoniker, Peter Brem, über den Maestro fest: »Über ihn gibt es keine Anekdoten zu erzählen und auch keine Skandale zu berichten – einfach, weil er überhaupt keine Allüren hat.« Und weiter: »Jansons ist liebenswürdig, warmherzig, gutmütig, wenn auch streng in allen Angelegenheiten der Musik.«

einspielungen Attribute, die man förmlich spüren konnte, wenn Jansons den Taktstock hob, und die man aus seinen zahlreichen Einspielungen – seien es Schostakowitsch oder Tschaikowsky, Mahler oder Strauss, Brahms oder Dvorak – weiterhin heraushören kann. Und Attribute, die er bereits 2013 in einem anlässlich seiner Ehrung mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis, »dem Nobelpreis der Musik«, geführten Interview nahezu übereinstimmend seiner Mutter Iraida zugesprochen hatte: »Meine Mutter hat mir den Weg zur Religion gezeigt. Nicht als etwas Dogmatisches: Sie war Jüdin, hat mich lutherisch taufen lassen, als wäre es selbstverständlich, aber sie hat mich weder jüdisch noch christlich erzogen. Ihr religiöses Gefühl war universell und bestand hauptsächlich aus Ethik, Verantwortungsgefühl, Lebenswerten, Gewissenhaftigkeit.«

Auf diesen Säulen schuf Jansons eine musikalische Welt, in der man sich zu Hause fühlte, voller Wärme und Esprit. Und zugleich voller Perfektion und Temperament – oft bis zur totalen Verausgabung. Nachdem er bereits 1996 in Oslo beim Dirigieren von La Bohème einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt erlitten hatte, sah sich Jansons zuletzt im vergangenen Sommer auf ärztlichen Rat hin dazu veranlasst, mehrere Konzerte von jüngeren Kollegen leiten zu lassen.

In der Nacht zum vergangenen Sonntag ist Mariss Jansons in Sankt Petersburg gestorben, wenige Wochen vor seinem 77. Geburtstag. Mit ihm verliert die Musikwelt einen Giganten, eine künstlerische wie menschliche Ausnahmeerscheinung, einen ihrer letzten Gentlemen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Programm

Israel Day, Goldene Zwanziger und ein Kult-Hai: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 18. Juni bis zum 25. Juni

 17.06.2026

TV-Tipp

Das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Eine Arte-Dokumentation porträtiert Transpersonen aus Gaza, die im Exil in Tel Aviv den Traum ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen versuchen

von Manfred Riepe  17.06.2026

Hollywood

Sean Penn plant Film um Polizisten bei Kapitol-Attacke

Für seine Nebenrolle in »One Battle After Another« bekam er im März seinen dritten Oscar. Nun will der Hollywood-Star wieder Regie führen - und einen brisanten Stoff anpacken

 17.06.2026

Bayern

Warum Bayreuths große Pläne zum Festspieljubiläum scheitern

Schon Richard Wagner kämpfte mit Schulden und Geldproblemen. Doch dereinst sprang Bayernkönig Ludwig II. ein. Im Jubiläumsjahr 2026 ist es komplizierter

von Kathrin Zeilmann, Britta Schultejans  16.06.2026

Bayern

»Das ist in einer Demokratie Tod durch Selbstmord«

Eigentlich sollte Michel Friedman bei einer Gedenkveranstaltung zu 150 Jahren Bayreuther Festspiele sprechen. Doch die Veranstaltung wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Dafür findet er deutliche Worte

 16.06.2026

Zahl der Woche

1 Mal

Funfacts & Wissenswertes

 16.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Herbie Manns Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  16.06.2026

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026