Interview

»Der Krieg ist immer präsent«

Michale Boganim Foto: picture alliance / Joel C Ryan/Invision/AP

Frau Boganim, der Film »Tel Aviv – Beirut« dokumentiert einen bewaffneten Konflikt vor dem Hintergrund von drei Jahreszahlen: 1984, 2000 und 2006. Wofür stehen sie?
1982 begann der Krieg zwischen dem Libanon und Israel und die Invasion der israelischen Armee im Libanon. Der Film setzt 1984 ein, zur Anfangszeit der Hisbollah und dem Beginn der Kollaboration zwischen christlichen Libanesen und der israelischen Armee in einigen libanesischen Dörfern. 2000 war das Jahr, in dem sich Israel zur Überraschung aller sehr schnell und quasi über Nacht aus dem Libanon zurückzog: ohne Vorwarnung und ohne die Menschen zu warnen oder mitzunehmen, die lange mit der Armee zusammengearbeitet hatten. Weil man in Israel Terroranschläge durch die Hisbollah befürchtete, durften die Rückzugspläne nicht bekannt werden. 2006 begann der Krieg erneut. Es war das Jahr, in dem zwei israelische Soldaten an der Grenze entführt wurden.

Der Film erzählt die Geschichte nicht nur aus einer Perspektive …
Ja, ich wollte den Konflikt nicht nur von meiner Seite aus – der israelischen – schildern. Auch im Libanon erleben die Menschen das Trauma des Krieges. Ich wollte zeigen, dass die Menschen auf beiden Seiten in gewisser Weise den gleichen Krieg erleben. Und ich wollte zeigen, dass von den Entscheidungen der Politiker Menschenleben betroffen sind und diese oft zu persönlichen Traumata führen. Die Menschen werden zu Marionetten eines größeren Spiels.

Wodurch wurden Sie auf die Kollaboration von Angehörigen der südlibanesischen Armee mit den Israelis und das Bündnis gegen die Hisbollah aufmerksam?
Ich habe zufällig davon erfahren, als ich mich in einem Restaurant im Norden Israels mit einigen Libanesen unterhalten habe und sie mir ihre Geschichte erzählten. Da erst wurde mir bewusst, dass es dort eine libanesische Gemeinschaft dieser Menschen gibt, die nach Israel geflohen sind – Menschen, die ein Teil der israelischen Armee gewesen sind und zurückgelassen wurden, bevor man ihnen erlaubte, nach Israel zu flüchten.

Was passierte mit ihnen, nachdem die israelische Armee im Jahr 2000 aus dem Libanon abzog?
Manche sind im Libanon geblieben und wurden von der Hisbollah unterdrückt, die meisten aber konnten das Land verlassen. Es leben heute etwa 40.000 von ihnen im Norden Israels, die meisten in Akko. Einige sind in den Libanon zurückgekehrt, das Komplizierte aber war lange Zeit, dass die Kinder keine israelischen Pässe bekamen und Israel nicht verlassen konnten. Ich glaube, dass die heute in Israel geborene Generation israelische Pässe erhält. Ihre Situation ist dennoch sehr kompliziert. Sie können nicht zu ihren Familien in den Libanon zurückgehen, aus Angst vor Konsequenzen, denn sie gelten dort als »Verräter«. Aus dem gleichen Grund mögen auch die arabischen Israelis sie nicht besonders. Sie werden von niemandem richtig akzeptiert. Sie sind das »schwarze Schaf« der Geschichte. »Tel Aviv – Beirut« ist der erste Film zu diesem Thema, es gab bisher auch keine Dokumentation darüber.

Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, Myriam und Tanya. Warum war es Ihnen wichtig, die Sicht der Mütter, Ehefrauen und Töchter zu präsentieren?
Weil es eine Sicht ist, die im Zusammenhang eines Kriegsfilms nicht so oft gezeigt wird. Normalerweise zeigen Kriegsfilme mehr die Erfahrungen der Männer, und es gibt auch eher weniger Filme über Gewalt, die von Frauen ausgeht. Für mich ist es wichtig, auch die Frauenperspektive zu zeigen. Es ist genauso hart für eine alleinerziehende Mutter, mit einem Kleinkind im Schutzraum zu sein, wie Soldat zu sein. Aus der Sicht der Mutter eines Soldaten und aus der Sicht einer Frau eines Offiziers wird klar, wie ihr Leben durch die Kriege beeinflusst und beschädigt wird. Der Krieg ist immer präsent, und es ist eine nie endende Situation, in der die Frau auf eine Weise das erste Opfer ist. Sie ist die, die auf eine andere, aber auf eine sehr grausame Art betroffen ist, denn sie verliert alle.

Wie haben Sie und Ihre Familie die Kriege in Israel erlebt?
Ich war 2006 während des Libanonkriegs in Tel Aviv und habe den Krieg selbst miterlebt. Aber, wie gesagt, in Israel herrscht ein ständiger Kriegszustand oder eine ständige Kriegssituation. Mein Vater war als Soldat im Sechstagekrieg und im Jom-Kippur-Krieg. Auch meine Mutter hat meinen Vater zur Kaserne, zur Grenze gefahren. Sie ist eine Art Vorbild für die Figur der Myriam. Genauso wie Myriam es im Film erlebt, gab es auch für meine Mutter vor allem die Schutzräume, die Einsamkeit und das Warten auf Nachrichten.

Was war Ihr künstlerischer Ansatz als Filmemacherin?
In meinem Film geht es mehr um Parabeln und Metaphern. Die poetischen Momente habe ich geschaffen, um eine Pause von der Realität herzustellen. Ich denke, dass es selbst in Kriegszeiten seltene Momente der Schönheit gibt, wie dieser Moment, in dem sie während der gemeinsamen Autofahrt eine Art Freundschaft schließen. Das zu zeigen, war mir sehr wichtig. Einen Moment der Menschlichkeit in dieser Situation.

Die Filmmusik wurde von dem Jazzmusiker Avishai Cohen komponiert. Wie kam es zu der Zusammenarbeit, und welche Vorstellungen hatten Sie für die Umsetzung?
Ich wollte nicht, dass die Musik dramatisch oder romantisch ist, ich wollte, dass sie zeitgenössisch ist. Mir kam es auf die Atmosphäre an. Gewünscht habe ich mir eine Filmmusik, die europäische Einflüsse mit denen aus dem Nahen Osten mischt. Eine Verschmelzung. Avishai Cohen macht das sehr gut in seinen Jazz-Arrangements und im »Arab Medley«, das von libanesischen Liedern inspiriert ist.

Sie sind in Haifa geboren und in Paris aufgewachsen. Können Sie etwas über Ihren familiären Hintergrund erzählen?
Mein Vater kam 1965 aus Marokko nach Israel, meine Mutter 1969 aus Tunesien. In ihrer Familie gibt es auch Wurzeln in Griechenland und der Ukraine. Sie trafen sich in Haifa. Das ist ein besonderer Ort, an dem Araber und Israelis zusammenleben. Ich denke, Haifa ist ein gutes Beispiel für Koexistenz.

Mit der Regisseurin sprach Sharon Adler. Der Film läuft ab dem 14. September im Kino.

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