Geschichte

Der Klarseher

Siegfried Lichtenstaedter (1865–1942) warnte bereits um die Jahrhundertwende vor der Katastrophe.

Geschichte

Der Klarseher

Götz Aly gibt einen Band mit politischen und satirischen Schriften von Siegfried Lichtenstaedter heraus

von Ingo Way  28.01.2019 17:06 Uhr

Manchen Zeitgenossen scheint eine geradezu prophetische Gabe gegeben zu sein, wenn sie gesellschaftliche oder politische Ereignisse vorhersagen, die dann Jahre oder Jahrzehnte später tatsächlich so oder so ähnlich eintreten. In der Regel muss man aber keine übersinnlichen Eingebungen vermuten, vielmehr ist es der wache Blick für die Gegenwart, der sie aktuelle Zeiterscheinungen zu ihrem Ende hin denken und in die Zukunft extrapolieren lässt.

So war es auch bei dem bayerischen Verwaltungsjuristen Siegfried Lichtenstaedter (1865–1942), den der Historiker Götz Aly in seinem Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? von 2011 ausführlich zitiert. Unter anderem hat Lichtenstaedter in seinen satirischen Texten bereits um die Jahrhundertwende die kommende Nazi-Diktatur vorhergesagt.

ANSCHLUSS Jetzt hat Götz Aly unter dem Titel Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass einen Band mit Schriften Lichtenstaedters herausgegeben. Enthalten sind neben der autobiografisch geprägten Satire »Der jüdische Gerichtsvollzieher«, Parodien auf Beiträge in der völkischen Presse, Briefen an Politiker und ernsthaften Debattenbeiträgen auch Auszüge aus dem zweibändigen Werk Das neue Weltreich – Ein Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts von 1901 beziehungsweise 1903, worin Lichtenstaedter den Sieg der völkischen Bewegung und für die Jahre 1939 und 1940 den »Anschluss« Österreichs an Deutschland, einen Krieg gegen das »Slawentum« und einen Pakt mit Russland um Einflusssphären in Osteuropa voraussagt – in der Terminierung geradezu unheimlich nahe an den Zeitpunkten, an denen diese historischen Ereignisse tatsächlich eintreten sollten.

Bereits 1901 sah Lichtenstaedter die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg voraus.

Und bereits im Jahr 1923 warnte Lichtenstaedter vor der Möglichkeit einer physischen Vernichtung der europäischen Juden. Seine regelmäßige Lektüre der völkischen Presse hatte ihn diesbezüglich hellhörig gemacht. In einem Text von 1926 parodiert Lichtenstaedter die Sorge, die Juden könnten wegen ihres Bildungsvorsprungs die Deutschen von den Universitäten, aus dem öffentlichen Dienst und schließlich aus dem gesamten öffentlichen Leben verdrängen.

Aly stellt der Satire eine tatsächliche Rede des antisemitischen Landtagsabgeordneten Ottmar Rutz aus dieser Zeit gegenüber, und wenn man nicht wüsste, welcher Text von welchem Autor stammt, könnte man auch das Original für die Parodie halten, so grotesk wirken die darin zum Ausdruck gebrachten Ressentiments.

VÖLKERMORD Einige der Ansichten Lichtenstaedters wirken heute allerdings befremdlich. So befürwortete er im Falle ethnischer Konflikte eine Politik des Bevölkerungsaustauschs. Zum Beispiel schlug er vor, bedrohte christliche Minderheiten im Osmanischen Reich wie Armenier und Griechen nach Amerika umzusiedeln, um einem Völkermord an ihnen vorzubeugen (das Osmanische Reich selbst konnte er sich dabei nur als Opfer des europäischen Kolonialismus vorstellen, das mit seiner Minderheitenpolitik lediglich auf äußeren Druck reagiere).

Und als Reaktion auf die Balfour-Deklaration warnte er im Jahr 1918 eindringlich vor der Errichtung eines jüdischen Staates – mit der Begründung, dass damit die europäische Moderne nach Palästina eindringen würde, das er vielmehr als eine Art biblisches Freilichtmuseum erhalten wissen wollte. Als er dann im Jahr 1936 Tel Aviv besuchte, war er jedoch voller Bewunderung für die Aufbauleistung der jüdischen Pioniere. Unglücklicherweise kehrte er von seiner Reise wieder nach Deutschland zurück – ein Verbleib in Palästina hätte ihn vor der Ermordung in Theresienstadt im Jahr 1942 bewahrt.

Aber wie Götz Aly in seinem Vorwort richtig feststellt: Wer viel denkt, der irrt auch viel, und allein für seine luzide Analyse des deutschen völkischen Antisemitismus und die Warnung vor seinen Folgen gebührt Siegfried Lichtenstaedter ein bleibender Platz im historischen Gedächtnis.

Siegfried Lichtenstaedter: »Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass«. Herausgegeben und mit begleitenden Essays von Götz Aly. S. Fischer, Frankfurt/M. 2019, 288 S., 22 €

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Mel Brooks

Entertainer mit Panikattacken

Eine HBO-Doku beleuchtet auch weniger bekannte Seiten des legendären Regisseurs und Komikers

von Ralf Balke  23.04.2026

Gastbeitrag

Anne Frank mit Kufiya: Ein Fall für die Justiz

Der grassierende israelbezogene Antisemitismus stellt die deutsche Justiz vor große Herausforderungen. Das zeigt sich besonders am Umgang mit dem Bild »Anne«, das die Schoa instrumentalisiert

von Susanne Krause-Hinrichs  23.04.2026

Meinung

Die Eurovision gehört der Musik

Abermals wird der Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert. Doch das liefe auf eine Untergrabung des Formats hinaus, das so zum politischen Instrument verkommen würde

von Nicole Dreyfus  22.04.2026

Programm

Chassidischer Workshop, uralter Blockbuster und eine vergessene Heldin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. April bis zum 30. April

 22.04.2026

Zahl der Woche

2010

Funfacts & Wissenswertes

 21.04.2026

Theater

Eine Party der perfidesten Art

Simone Blattner inszeniert in Weimar den subversiv-doppelbödigen Text »Rechnitz (Der Würgeengel)« von Elfriede Jelinek

von Joachim Lange  21.04.2026

Biografie

Konzertmeister des Stardirigenten

In seinem neuen Buch über Herbert von Karajan bezieht sich der Historiker Michael Wolffsohn auch auf den Schoa-Überlebenden Michel Schwalbé. Ein Auszug

von Michael Wolffsohn  21.04.2026

Literatur

Neue Literatur zur Frage: Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein?

Jüdische Gemeinschaften sind gespalten – nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg. Viele Linke sehen sich in ihrem eigenen Umfeld mit Antisemitismus konfrontiert. Zwei neue Bücher liefern Denkanstöße

von Leticia Witte  21.04.2026