Bonn

Der jüdische Salon - »Safe Space« seit dem 7. Oktober

Irgendwo in Bonn, in einem geräumigen Wohnzimmer. An diesem Abend sitzen hier rund 20 Menschen auf Stühlen und dem Sofa. Sie lauschen dem Referenten, diskutieren, lachen, knüpfen Kontakte und essen gemeinsam. Um die Beine streicht ein freundlicher Hund. Sie sind zu Besuch in einem privaten jüdischen Salon. Die Gastgeberin lädt einen vertrauten Kreis an Leuten ein, gibt das jeweilige Thema und den Referenten oder die Referentin bekannt. In diesem Salon geht es häufig um Israel und Antisemitismus. Hin und wieder bringt ein Gast einen Neuling mit - nach vorheriger Absprache.

Denn neben allem Diskutieren und Netzwerken ist dieses Wohnzimmer vor allem eines: ein geschützter Raum, ein »Safe Space«. Das hat nach dem 7. Oktober 2023, als die Terrororganisation Hamas Israel überfiel und im Zuge des anschließenden Gazakrieges die Zahl antisemitischer Vorfälle auch in Deutschland massiv anstieg, eine noch stärkere Bedeutung bekommen. Die Gastgeberin ist jüdisch, ein Teil ihrer Gäste ebenfalls. Viele von ihnen wollen so wie die »Salondame« auch anonym bleiben. Aus Angst, in der Öffentlichkeit als Jüdin oder Jude bekannt und möglicherweise angefeindet zu werden.

Politik, Literatur, Philosophie

Der Salon findet sich nicht in Sozialen Medien und funktioniert über Mund-zu-Mund-Propaganda. Das Ziel: frei in einer respektvollen Atmosphäre sprechen, auch wenn keineswegs immer alle einer Meinung sind. »Ich bekomme hier einen interessanten Input von Menschen, die viel Wissen mitbringen«, sagt eine Israelin. »Es ist ein geschützter Raum mit Teilnehmern unterschiedlicher Backgrounds. Die Leute hier haben Verständnis füreinander.« Und nicht zuletzt gehe es darum, einen Abend mit netten Menschen zu verbringen.

All das ist die Idee von Salons. Privat geführte Salons gibt es in etlichen Städten bundesweit. Die Teilnehmenden diskutieren über politische Themen, über Kunst und Philosophie oder musizieren und lesen gemeinsam. Hinzu kommen öffentliche Veranstaltungen, die ein solches Format im Titel führen, zum Beispiel der »Jüdische Salon« an der Berliner Volksbühne.

Historische Vorbilder

Die historischen Vorbilder mit berühmten Gastgeberinnen in Berlin stammen aus der Zeit Ende 18./Anfang 19. Jahrhundert. Diese Zeit muss auch vor dem Hintergrund der jüdischen Aufklärung, der Haskala, gesehen werden. Sie ist eng mit dem Namen Moses Mendelssohn verknüpft und steht für das Ansinnen, traditionelles Judentum mit der damaligen modernen Kultur in Einklang zu bringen.

Henriette Herz, Rahel Varnhagen und Dorothea Schlegel - Jüdinnen, die sich gleichwohl später christlich taufen ließen. Ihre privat geführten Berliner Salons bildungsbürgerlicher Kreise gehören heute zu den bekanntesten und wurden zu Institutionen und Zentren kulturellen Lebens. Dort trafen sich jüdische und nichtjüdische Gäste, unter ihnen Promis wie Wilhelm und Alexander von Humboldt.

Idee aus Israel

Zurück in die Gegenwart und an den Rhein. Hier begrüßt und bewirtet ebenfalls eine Frau ihre Gäste. Die 48 Jahre alte Lehrerin brachte ihre Salon-Begeisterung von einem Aufenthalt in Israel mit und startete 2018 ihren eigenen. »Kriterium der Auswahl ist zunächst, dass ich die Personen interessant und spannend finde und sie sich thematisch mit Antisemitismus, Israel, deutsch-jüdischer Geschichte, Kultur, Gesellschaft oder Politik im weitesten Sinne befassen.«

Meistens hätten zwischen 15 und 25 Leute teilgenommen. Seit dem 7. Oktober 2023 werde das Interesse deutlich größer. »Am liebsten würde ich anbauen«, sagt die Gastgeberin. Auch sie schätzt eine gute Atmosphäre und Diskussion. Und: »Eine weitere Sache, die mich selbst immer sehr freut, ist, wenn ich Leute sinnstiftend miteinander in Kontakt bringen kann.«

Daran wolle sie auch ihre Tochter teilhaben lassen. »Ich möchte, dass sie mit politischen und kulturellen Diskussionen aufwächst, und dass sie sieht, dass man selbst gestalten und sich beteiligen kann. Dass Politik und Kultur nicht irgendwo weit weg stattfinden, sondern dass wir Teil dieser Gesellschaft sind.«

»Gemeinsame Basis: zusammenkommen und sprechen«

An diesem Abend geht es unter anderem um die israelischen Geiseln, Hamas und Hisbollah. Im Mittelpunkt steht jedoch die hochumstrittene Justizreform in Israel, gegen die auch schon vor dem 7. Oktober jeden Samstag Zehntausende Menschen im Land auf die Straße gegangen sind. Referent ist Elmar Esser, erster Vorsitzender im deutschen Vorstand der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung. Er freue sich über den »intimen und geschützten Rahmen« des Salons, weil er den direkten Kontakt zu seinen Zuhörenden schätze.

Und die Diskussion über verschiedene Standpunkte, wie es sie auch in der Juristenvereinigung gebe. »Auch dort geht es manchmal zur Sache. Wir haben durchaus kontroverse Diskussionen, zwischen den deutschen und israelischen Mitgliedern, aber auch zwischen den israelischen«, sagt Esser. Trotz aller Differenzen sehe er es so: »Die gemeinsame Basis ist, dass wir zusammenkommen und sprechen.« Überhaupt in der Gesellschaft - und im Bonner Salon.

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