Provenienzforschung

Der blinde Fleck

Unklare Herkunft: Judaica wie dieser beschädigte Leuchter aus dem späten 19. Jahrhundert sind bei Händlern und Sammlern begehrt. Foto: The Israel Museum, Jerusalem by Yair Hovav

Fast 80 Jahre sind seit den Novemberpogromen vergangen, die 1938 in Deutschland einen Wendepunkt in der Politik des nationalsozialistischen Regimes gegenüber der jüdischen Bevölkerung darstellten. Die Jagd auf Juden und ihr Eigentum war eröffnet. Diebstähle griffen um sich, und jüdische Zeremonialgegenstände wurden aus Synagogen entfernt oder zerstört. Weitere Judaica‐Objekte wurden bei der Plünderung von Wohnungen und Häusern mit dem übrigen Hausrat zusammengeworfen. Wo sind diese Gegenstände heute, und wie lassen sie sich identifizieren?

Der Begriff »Beutekunst« ist inzwischen allgemein geläufig und wird mit der Erbeutung von Kulturschätzen in den vom NS‐Régime besetzten Gebieten verbunden. Die Geschichten über die Plünderung spektakulärer Kunstschätze sind bekannt. Es gibt aber auch eine andere Kategorie jüdischen Besitzes, der bisher weniger öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Gemeint sind nicht Kunstwerke oder Archivmaterialien, Bücher oder Wohnzimmerteppiche: Es geht um Judaica, hier definiert als Gegenstände, die jüdischen zeremoniellen Zwecken dienten.

Vorkriegszeit Der größte Teil dieser erhaltenen Zeremonialobjekte ist aus Silber, Messing oder wurde versilbert. Er vermittelt jedoch kein zuverlässiges, differenziertes Bild von jüdischen Ritualobjekten und -praktiken im Vorkriegsdeutschland. Zum Beispiel hatten viele jüdische Gemeinden und Familien in dieser Zeit nicht die Mittel, teure Judaica zu erwerben. Einfachere Gegenstände, die auch für rituelle Zwecke verwendet wurden, waren kurzlebiger als Metall und sind selten erhalten.

Dass Museen dazu neigen, Judaica als Kunstgegenstände zu präsentieren, gibt ein falsches Bild von der jüdischen Kultur in Deutschland als einer einheitlichen Kultur des Reichtums und der Privilegien. Durch die Zerstörung ihrer Zeugnisse ist die maßgebliche jüdische materielle Alltagskultur in ihrer ganzen Vielfalt für immer verloren, und es ist wichtig, darauf zu achten, dass anhand der Überreste keine falschen Theorien und Schlüsse darüber konstruiert werden.

Man könnte denken, es sei leicht, in einem mit Haushaltsgegenständen aus Silber gefüllten Museumsdepot Judaica zu erkennen, doch ist das leider nicht zwangsläufig der Fall. So kann etwa jedes Kerzenleuchterpaar als Schabbatleuchter verwendet werden, jeder unbeschädigte Becher für den Kiddusch.
Wer sich zum ersten Mal mit der Erforschung der Provenienz von Judaica beschäftigt, trifft daher auf etliche Schwierigkeiten: Womöglich lassen sich die verschiedenen Kategorien von Judaica oder die für Deutschland typischen und in der Vorkriegszeit am meisten verbreiteten historischen Formen der Zeremonialgegenstände nicht gleich erkennen.

Eine besondere Herausforderung bei der Zuordnung eines Metallobjekts zu einem bestimmten früheren Eigentümer ergibt sich zudem aus dem Aufkommen der serienmäßigen Fertigung solcher Gegenstände im späten 19. Jahrhundert. Als Silberwarenfabriken mit der Produktion jüdischer Zeremonialobjekte begannen, wurden diese für die bürgerlichen deutschen Haushalte erschwinglicher, und viele jüdische Familien waren nun in der Lage, solche Luxusgüter zu kaufen.

Kerzenleuchter In einem religiösen jüdischen Haushalt waren mindestens ein Becher für den Kiddusch und Kerzenleuchter für den Gebrauch an jüdischen Feiertagen vorhanden. Fast alle großen deutschen Silberwarenhersteller im frühen 20. Jahrhundert boten in ihren Katalogen Judaica an; Judaica waren einfach eine weitere Fertigungslinie neben dekorativen Zuckerdosen und Bilderrahmen.

Am 21. Februar 1939 erließ die nationalsozialistische Regierung eine Verordnung über jüdisches Eigentum. Juden waren gezwungen, jede Art von Schmuck und Edelmetallen, die sie besaßen, an Pfandhäuser zu verkaufen, und zwar zu Beträgen, die unter den offiziellen Standardpreisen lagen. Dokumente lassen darauf schließen, dass deutsche Edelmetallraffinerien die ehemals in jüdischem Besitz befindlichen Silberwaren aus den Pfandhäusern zu 130 Tonnen reinem Silber verarbeitet haben.

Ab August 1939 mussten Metalle eingeschmolzen werden, und nur Gegenstände von künstlerischer Bedeutung konnten gerettet werden. Hamburg etwa kaufte dem Deutschen Reich für seine Museumssammlungen einige Gegenstände als »Silber mit Antiquitätenstatus« ab, und dieses Schlupfloch nutzten Museen in ganz Deutschland. Judaica gelangten hauptsächlich über Zwangsverkäufe von Silber an Pfandleihhäuser in die Bestände deutscher Museen, und wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass viele dieser Objekte sich nach wie vor in den Depots befinden.

Plünderungen Doch in Deutschland entzogene und gestohlene Judaica kamen nicht nur über Plünderung, Enteignung und das »Pfandhaus‐System« von 1939 in deutsche Museumssammlungen. Solche Gegenstände wurden nach dem Krieg auf dem Judaica‐Markt in Umlauf gebracht und werden seitdem von Händlern, Sammlern und Museen erworben. Die Motivation der Nachkriegssammler war und ist häufig, die vermeintlichen Überreste einer fast zerstörten Kultur zu retten. Das Bewusstsein dafür, dass es moralisch angemessen wäre, die rechtmäßigen Erben der Gegenstände zu suchen, ist jedoch nur – vorsichtig ausgedrückt – gering.

Viele Institutionen in Deutschland haben in den 80er‐ und frühen 90er‐Jahren, als es eine Gründungswelle regionaler jüdischer Museen gab, nach Judaica gesucht. Die Einrichtung solcher Museen entsprang meist dem Bestreben, nach der Verfolgung und Zerstörung einer lokalen jüdischen Gemeinde in der Vergangenheit Wege der Aussöhnung zu finden.

Diesen neuen Museen war es wichtig, Judaica auszustellen, und sie erwarben rasch zum Kauf angebotene Stücke. Selten wurde dabei die Provenienz der nicht dokumentierten Gegenstände erforscht. Da diese Käufe meist nicht von Judaica‐Kennern getätigt wurden, erwarben die Museen dabei viele nicht‐authentische Gegenstände, wie sie die Händler und der Markt insgesamt in großer Zahl anboten.

Spender Judaica mit unklarer Provenienz können auch heute noch ihren Weg in Museen finden, sei es durch Erwerbungen oder als Spenden. Viele potenzielle Stifter verstehen das Jüdische Museum Berlin als »sicheren Hafen« für »verwaiste« jüdische Gegenstände. Wir haben oft erlebt, dass nichtjüdische Deutsche an das Museum herantreten und Gebrauchsgegenstände anbieten, die aus jüdischen Haushalten stammen. Diese Objekte haben fast immer nur geringen materiellen Wert, und die Spendenden befinden sich meist bereits in fortgeschrittenem Alter.

Kann vielleicht diese Geste, einem als »jüdisch« wahrgenommenen Museum einen gestohlenen Gegenstand zu überlassen, auf irgendeine Weise ein schlechtes Gewissen erleichtern? Wird das als eine Art der Wiedergutmachung verstanden? Sollte ein jüdisches Museum die ihm dabei zugedachte Rolle annehmen? Wäre es nicht genauso angemessen, wenn solche Gegenstände in einer Institution aufgehoben und ausgestellt werden würden, die sich mit der deutschen Geschichte beschäftigt und anerkennt, dass staatlich sanktionierte Plünderungen eher Teil der deutschen als der jüdischen Geschichte sind?

Es ist ermutigend, dass kooperierende Institutionen in Frankfurt am Main und München in ihren aktuellen Ausstellungen ebendiese Fragen thematisieren und den Umgang mit gestohlenen jüdischen Haushaltsgegenständen berücksichtigen.

vorbehalte Judaica mit unklarer Provenienz finden sich mit großer Wahrscheinlichkeit in deutschen Museen, die keine jüdischen Mitarbeiter haben. Dass man sich dort nur widerstrebend mit der Provenienz von Judaica beschäftigt, hängt möglicherweise mit dem Gefühl zusammen, dass Judaica im Gegensatz zu einem Gemälde, das bei einem jüdischen Sammler widerrechtlich beschlagnahmt wurde, emotional weitaus schwieriger zu handhaben sind.

Entstehen solche Vorbehalte, weil Zeremonialgegenstände irgendwie »jüdischer« zu sein scheinen als Kunstwerke? Werden jüdische Gebrauchsgegenstände als heilige Relikte oder mysteriöse Kultobjekte wahrgenommen? Vermitteln sie eine gewisse »jüdische Intimität«, die beim nichtjüdischen Betrachter Unbehagen verursacht?

Ich glaube, dass das vorherrschende Gefühl tatsächlich Angst vor dem Unbekannten ist, verbunden mit einem Gefühl der Hilflosigkeit im Hinblick auf die vielen rechtlichen, historischen und ethischen Fragen, die die Beschäftigung mit diesen Gegenstände aufwirft. Wie kamen die Stücke in die Sammlung? Darf man sie überhaupt berühren? Sollen sie begraben werden? Ist es legal, dass wir diese Objekte in unseren Beständen haben? Möchte ich mein Unwissen zugeben? An wen kann ich mich mit meinen Fragen wenden?

Netzwerke NS‐verfolgungsbedingt gestohlene Judaica sind häufig stark beschädigt, haben eine schlechte Qualität und nur geringen materiellen Wert. Wenn solche Zeremonialgegenstände mit der gebotenen Sorgfalt erforscht wurden und keine rechtmäßigen Erben ausfindig gemacht werden konnten – was soll dann mit diesen bedeutenden historischen Überresten geschehen? Wenn sie in lokalen Museumskontexten bleiben, kann man dann ein Unterstützungssystem schaffen, das kompetente Berater oder Sparringspartner für diese Institutionen bereitstellt? Der Bedarf an Spezialkenntnissen über Judaica und an einem internationalen Judaica‐Provenienz‐Netzwerk ist ausgesprochen groß.

Ist Judaica‐Provenienzforschung angesichts all dieser Schwierigkeiten eine unmögliche Aufgabe? Und sind große und kleine deutsche Museen bereit zu einer bundesweiten Bestandsaufnahme aller Gegenstände aus Silber, deren Herkunft ungeklärt ist? Wir können nur zu einer Neubewertung der bisherigen Museumspolitik, die gestohlenes jüdisches Eigentum zu institutionellen Zwecken nutzte, aufrufen und hoffen auf eine größere Bereitschaft der Museen, in ihren Sammlungsbeständen nach gestohlenen Gegenständen zu suchen.

Möglicherweise wächst ja das Feld der Judaica‐Provenienzforschung in Deutschland, sodass mehr Gegenstände ihre rechtmäßigen Erben finden. Außerdem hoffe ich, dass dieses Forschungsfeld genutzt werden wird, um mehr über die Vielfalt der materiellen deutsch‐jüdischen Kultur zu erfahren und dieses Wissen wieder in den Zusammenhang des lokalen Kulturerbes aufzunehmen – dort, wo es schließlich hingehört.

Die Autorin ist Provenienzforscherin und Kuratorin für Judaica am Jüdischen Museum Berlin.

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