Geburtstag

Den Opfern eine Stimme geben

Saul Friedländer Foto: dpa

Der Historiker, Autor und Holocaust-Forscher Saul Friedländer begeht heute seinen 85. Geburtstag. Geboren wurde er am 11. Oktober 1932 als Pavel Friedländer in Prag als Sohn deutschsprachiger Eltern. Als er sechs Jahre alt war, flüchtete die Familie nach Frankreich, nachdem Prag im März 1939 von den Deutschen besetzt worden war. Friedländers zweibändiges Hauptwerk Das Dritte Reich und die Juden gilt als Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2007) und dem Pulitzerpreis (2008).

Saul Friedländers Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Er selbst überlebte den Zweiten Weltkrieg unter falschem Namen in einem katholischen Internat in Frankreich. Nach dem Krieg machte er seinen Schulabschluss, begeisterte sich für den Zionismus und ging schließlich nach Israel. Anfang der 50er-Jahre leistete er dort seinen dreijährigen Militärdienst ab und studierte anschließend in Paris und Genf.

Erinnerung
Im Wintersemester 1967 nahm er eine Lehrtätigkeit an der Hebräischen Universität Jerusalem auf und war von 1969 bis 1975 Vorsitzender der dortigen Abteilung für Internationale Beziehungen. Ab 1975 lehrte er auch an der Universität Tel Aviv. Seit den 80er-Jahren ist er Professor für Geschichte an der University of California in Los Angeles. Mit dem ersten Teil seiner Autobiografie Wenn die Erinnerung kommt wurde Friedländer 1979 zum Bestsellerautor. Darin blickte er auf seine Kindheit im Schatten des Holocaust zurück.

1982 erschien ein schmales Bändchen mit dem Titel Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus. Friedländer unterzog darin den »Widerschein des Nazismus« in Filmen und Büchern als politisch-ästhetisches Phänomen einer kritischen Betrachtung. Es seien vor allem die unterschwelligen Bilder und Phantasmen, denen man sich zuwenden muss, um die Faszination zu begreifen, die vom Nationalsozialismus ausging. Es komme, meint Friedländer, nicht so sehr auf die politischen, ökonomischen und sozialen Umstände an, sondern eher darauf, die »Tiefenstruktur« des Nazismus freizulegen.

Stimmen 1998 erschien Friedländers Opus magnum Das Dritte Reich und die Juden. Deutsche Historiker waren sich einig, dass ihm ein »Meisterwerk der Geschichtsschreibung« (Klaus-Dietmar Henke) gelungen war. Er habe es verstanden, die »Quellen der Täter« ebenso zu berücksichtigen wie die »Stimmen der Opfer«.

Als Friedländer im Oktober 2007 in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam, zitierte er in seiner bewegenden Dankesrede aus Briefen seiner Eltern. Mit seiner Geschichtsschreibung, in deren Mittelpunkt die Opfer stehen, habe er »den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückgegeben«, befand damals die Friedenspreis-Jury.

2012 veröffentlichte Saul Friedländer eine Studie über Franz Kafka – wie er selbst ein deutschsprachiger jüdischer Schriftsteller aus Prag. Im vergangenen Jahr erschien der zweite Teil von Friedländers Autobiografe Wohin die Erinnerung führt. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit der problematischen deutschen Vergangenheitsaufarbeitung. Der Schlagabtausch zwischen Friedländer und Martin Broszat etwa sorgte in den 80er-Jahren für große Aufmerksamkeit. Broszat, damals Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, hatte mit einem im Mai 1985 im »Merkur« veröffentlichten »Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus« eine Kontroverse ausgelöst.

Perspektive Im späteren Briefwechsel des einstigen NSDAP-Mitglieds Broszat und des Schoa-Überlebenden Friedländer wurden die unterschiedlichen Positionen deutlich. Friedländer nahm in dieser Debatte eine explizit »jüdische« Position ein. Er vertrat die Ansicht, die deutsche Geschichtsschreibung müsse nicht nur die deutsche, sondern auch die jüdische Perspektive berücksichtigen.

Friedländer geht davon aus, dass bei der Verfolgung der Juden in der Nazizeit ein tief sitzender Hass die treibende Kraft war. Dieser Hass lasse sich nicht allein auf den Antibolschewismus reduzieren. Die diversen Ausformungen des Vernichtungsantisemitismus besitzen eine sehr viel längere Tradition und hielten schon im frühen 19. Jahrhundert Einzug in das Bewusstsein der deutschen Bevölkerung. Wer verstehen wolle, was in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, der könne gar nicht anders, als diese antisemitischen Traditionslinien zu berücksichtigen.

Saul Friedländer lebt heute mit seiner Frau Orna Kenan in Los Angeles. ja

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  30.07.2026

Kulturkolumne

»Absteiger« oder Zünglein an der Waage?

»Absteiger« oder Zünglein an der Waage: Israelis im Ausland und die Wahl am 27. Oktober

von Ayala Goldmann  30.07.2026

London

Gericht verurteilt Amy Winehouses Vater zu Millionenzahlung nach gescheiterter Klage

Mitch Winehouse muss das Geld an zwei langjährige Vertraute seiner Tochter überweisen

 30.07.2026

Beziehungen

Es geht nicht um Leben oder Tod

Gute Freunde sind ein Geschenk. Und wenn es Krach gibt, sollte man tief durchatmen – und ein paar Tage später wieder anrufen

von Adriana Altaras  30.07.2026

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026