Terrorismus

Deckname »Grüner Prinz«

Mosab Hassan Yousef Foto: Gabriella Meros

Terrorismus

Deckname »Grüner Prinz«

Mosab Hassan Yousef, Sohn eines Hamas-Führers, arbeitete zehn Jahre lang für den israelischen Geheimdienst. Jetzt kommt ein Film über sein Leben in die Kinos. Eine Begegnung in Los Angeles

von Gabriella Meros  24.11.2014 23:35 Uhr

Während des Gaza-Kriegs vergangenen Sommer sah ich auf Facebook einen CNN-Clip, auf dem ein junger Palästinenser die Hamas verurteilte, weil sie die eigenen Menschen missbrauche. Ich war erstaunt, wollte mehr über diesen Menschen erfahren und las im Netz eine unglaubliche Geschichte. Es handelte sich um Mosab Hassan Yousef, den Sohn des Hamas-Mitbegründers Sheikh Hassan Yousef. Mosab arbeitete zehn Jahre lang als Informant für den Schin Bet, den israelischen Inlandsgeheimdienst, und verhinderte dadurch zahlreiche Selbstmordattentate.

Er brachte eine ganze Reihe Hamas-Aktivisten ins Gefängnis, darunter seinen eigenen Vater (dem er so das Leben rettete – Sheikh Hassan Yousef stand auf der Abschussliste der Israelis). Heute lebt Mosab Hassan Yousef in den USA, wo er zum Christentum konvertiert ist. Über sein abenteuerliches Leben hat er ein Buch geschrieben, Sohn der Hamas (SCM Hänssler, Witten 2010, 227 S., 22,95 €). Der israelische Regisseur Nadav Schirman hat darauf basierend den mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichneten Dokumentarfilm The Green Prince gedreht, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt. »The Green Prince« – so lautete Mosabs Deckname beim Schin Bet.

konspirativ
Im August lerne ich den »Grünen Prinz« persönlich kennen. Für ein Magazin soll ich ihn in Los Angeles fotografieren. Am Tag meiner Ankunft telefonieren wir. Er meldet sich: »Here is Mosab«, eine warme, freundliche Stimme. Seine Vorstellungen sind sehr klar: 11 Uhr Treffen, eine Stunde Arbeiten, 12 Uhr Essenspause, danach noch mal zwei Stunden Interview und Fotoshooting. Er wolle, sagt Mosab, L.A. verlassen, wenn es noch hell sei. Ich solle ihm ein Zimmer in einem Hotel buchen, unter falschem Namen, bittet er höflich.

Am nächsten Morgen hole ich ihn im Hotel ab. Mosab wirkt jünger als auf den Fotos, die von ihm im Netz kursieren. Er ist schlank, gut durchtrainiert, nicht mehr mollig wie zu der Zeit, als er die rechte Hand seines Vaters bei der Hamas war. Wir steigen ins Auto und fahren zu einem Haus nahe Malibu, wo das Shooting und das Interview stattfinden sollen. Eigentlich habe er keine Lust mehr auf den Medienrummel, erzählt Mosab auf der Fahrt, am liebsten würde er nur noch Yoga machen. Aber natürlich sei ihm auch wichtig, dass der Film gut besucht werde, das bringe ihm Geld ein, das er dringend brauche.

In dem Haus am Meer wartet bereits die Journalistin, die Mosab interviewen soll. Er erzählt, dass er keinen Kontakt zu seinen Eltern mehr habe, dies auch nicht vermisse. Er sei lediglich neugierig, wie es seiner Familie im Westjordanland gehe. Manchmal lese er über sie in der Zeitung. Er sei viel allein, er wolle an nichts und niemandem hängen. Er erinnert mich an einen Bergmönch in Sri Lanka, der mir vor vier Monaten genau dasselbe gesagt hatte. Zwischendurch macht Mosab Witze, wirkt sehr nahbar, neugierig wie ein kleiner Junge, und stolz.

attentat Dann Mittagspause. Wir gehen in ein veganes Restaurant – er isst ausschließlich vegan, zweimal am Tag. Feste Regeln sind ihm wichtig. Mosab bestellt Gemüsesuppe, eine Avocado, schwarzen Reis und verschiedene gekochte Gemüse. Er sitzt im halben Schneidersitz auf dem Stuhl, spricht über Freiheit, Werte, das Leben und Tod, Unabhängigkeit und Kontrolle. Seine Kindheit sei schlimm gewesen, aber heute könne er verzeihen, das sei ihm wichtig. Er fühle sich nicht als Opfer. Er suche nach Wahrheit und Vergebung. Das sei ein nicht immer einfacher Kampf, doch für ihn lebenswichtig.

Wir fahren zurück und machen die ersten Fotos im Schlafzimmer vor einem Kamin. Mosab will sehen, wie ich ihn fotografiere, schaut neugierig auf das Display meiner Kamera. Es gebe nicht viele Fotos von ihm, sagt er, er posiere nicht gern. Dabei bewegt er sich aber sicher vor der Kamera und weiß, was er tun muss, um gut auszusehen. Er setzt sich auf den Boden, schaut nachdenklich, er flirtet mit der Kamera, dann kommt ein Lächeln. Ich muss ihm nicht viel sagen.

Wir gehen auf die Terrasse, die fast über dem Ozean schwebt. Mosab wirkt gelöst und schaut auf das Meer, dann holt er seine Sonnenbrille, und wir machen Fotos à la »Playboy«, mit strahlend blauem Himmel, Palmen und Meer im Hintergrund. Mosab setzt die Sonnenbrille auf, lehnt sich über das Geländer und sieht aus wie ein Prinz, der gerade in einem Luxusbeachhaus Urlaub macht – »The Green Prince«.

Dass sein Leben ganz anders aussieht, erkennt man bei diesem Motiv wahrlich nicht. Mosab Hassan Yousef lebt seit seinem Coming-out als israelischer Informant versteckt irgendwo in den USA. Er muss die tödliche Rache seiner früheren Kameraden von der Hamas fürchten. Schon einmal wurde auf ihn ein Attentatsversuch verübt. Vielleicht gefällt ihm deshalb dieses unbeschwerte Motiv so gut.

motive Inzwischen ist es schon später Nachmittag. Mosab wirkt ein bisschen ungeduldig. Er möchte schnell ins Hotel und dann wegfahren. Ich sage ihm, dass wir noch zwei Motive brauchen. Wir fotografieren vor einer Mauer mit Pflanzen und dann mit einem Bodyguard im Anschnitt.

Die Fotos sind im Kasten, wir räumen schnell alles zusammen, ich stecke Mosab vegane Snacks und Mineralwasser in den Rucksack. Ihm ist es sichtlich unangenehm, dass wir seinetwegen so hetzen. Wir machen trotzdem schnell. Auf dem Rückweg erzählt Mosab im Auto, wie viele Termine an verschiedenen Orten er in den letzten zwei Wochen hatte, für Interviews zu dem Film. Jetzt wünsche er sich wieder Ruhe in seinem Leben, um Kraft zu sammeln.

Ich will wissen, wovon er lebt, er sagt, von seinem Buch und hoffentlich von dem Film. Ich frage ihn, ob der Schin Bet ihm Geld gibt. Bisher nicht, lautet die Antwort. Ich bin verwundert. Mosab Hassan Yousef hat zehn Jahre lang täglich für Israel sein Leben aufs Spiel gesetzt, er redet weiter für ihn gefährlichen Klartext. Warum wird das nicht mit einer Rente oder Ähnlichem honoriert, frage ich ihn. Mosab zuckt die Achseln. Am Hotel angekommen, umarmen wir uns mehrmals, machen mit dem iPhone noch ein paar Selfies, lachen. Mosab sagt, er müsse gehen, und ich verstehe: Dies ist jetzt sein Verschwinden zurück in seine Welt.

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