Berlin

Dauergast mit Überraschungseffekt

Idan Raichel bei seinem Konzert in der Synagoge Rykestraße Foto: Stephan Pramme

Berlin

Dauergast mit Überraschungseffekt

Idan Raichel trat bei den Jüdischen Kulturtagen in der Synagoge Rykestraße auf

von Jonathan Scheiner  12.09.2014 11:14 Uhr

Dauergäste verlieren gerne mal die Übersicht. Das ging auch Idan Raichel nicht anders, als er zwischen zwei Songs verkündete, dass er »schon drei- oder viermal in dieser Synagoge« gespielt habe. Tatsächlich war Idan Raichel schon zum dritten Mal zu Gast bei den Jüdischen Kulturtagen, und sein Konzert am Donnerstagabend in der ausverkauften Synagoge Rykestraße war sein bislang bestes. Der 1977 in Kfar Saba geborene Pianist und Sänger ist in Israel ein Superstar, und beim Berliner Konzert hat er sein gesamtes Potenzial gezeigt.

Angekündigt war der Abend als »Piano Concert & Guests«, und man durfte hoffnungsfroh sein, dass Idan Raichels großartiges Songwriting nicht wie so oft durch eine Heerschar von Begleitmusikern zugekleistert würde. Tatsächlich begann der Abend mit einer besinnlichen Nummer, die an arabische Musik erinnerte: Eine handzahm gespielte Rahmentrommel, dazu eine Viola und Raichels hingetupfte Klavierläufe unter seinem Gesang.

ethno-pop
Auch der nächste Song wurde dem Ettikett World Music gerecht, wenngleich Yogev Glusman statt der Viola nun zum E-Bass griff und Gilad Shmueli Perkussion spielte: Das war jener Ethno-Pop, mit dem Idan Raichel weltberühmt geworden ist und der sich geradezu sagenhaft verkauft.

Die Qualität von Raichels Musik besteht aber nicht nur im Songwriting, sondern auch in der Fähigkeit, ganz unterschiedliche Musiker zu integrieren. Das wurde spätestens dann deutlich, als die junge Sängerin Maya Avraham die Bühne betrat und mit indischem Gesang eine weitere Klangfarbe hinzufügte. Als dann auch noch die in einem ruandischen Flüchtlingslager geborene, äthiopisch-israelische Sängerin Cabra Casey die Bühne eroberte, war die musikalische Vierlfalt auf die Spitze getrieben und die Stimmung auf dem Höhepunkt. Wer konnte, sang lauthals mit.

countertenor
Spätestens jetzt konnte von einem intimen Piano-Abend keine Rede mehr sein. Umso mehr, als nach anderthalb Stunden der deutsche Countertenor Andreas Scholl die Bühne für ein Duett mit Raichel betrat und der Raum plötzlich erfüllt wurde von der Schwere eines ergreifenden Barockliedes.

Keiner der tobenden Zuschauer hatte Derartiges erwartet – auch Raichel wusste bis zum Nachmittag nichts vom Auftritt Scholls und seiner Frau Tamar Halperin – ein spontanes Zusammentreffen. Und ein Glücksfall für die Zuhörer! Aber selbst das passte wunderbar in einen unvergesslichen Abend mit Dauer- und Überraschungsgästen.

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