Woody Allen

»Das Leben ist unerträglich«

Woody Allen Foto: imago

Herr Allen, auch mit 80 Jahren drehen Sie noch jedes Jahr einen neuen Film. Warum eigentlich?
Nun, zum einen macht mir die Sache Spaß. Zumindest, solange ich weiterhin mein eigener Boss sein und immer rechtzeitig Feierabend machen kann, um alle Spiele der New York Knicks zu sehen. Aber zum anderen ist es auch so, dass ich mit keinem meiner Filme bislang zu 100 Prozent zufrieden war. Also versuche ich immer wieder, es doch noch einmal besser zu machen.

Also ist das Altwerden für Sie kein Problem?
Es ist absolut ein Problem. Es macht nicht den geringsten Spaß, älter zu werden. Anders als häufig behauptet, bringt das Alter keine Vorteile mit sich. Man wird nicht gesünder, nicht weiser und auch nicht milder. Ich kann jedem nur davon abraten, älter zu werden.

Ihre Schwester Letty, die ja auch Ihre Produzentin ist, gab kürzlich zu Protokoll, Sie seien so glücklich wie nie zuvor. Stimmt das etwa nicht?
Das mit dem Glücklichsein ist so eine Sache. Das, was für mich als erklärten Pessimisten richtig gute Laune ist, wäre für Sie vermutlich ein verdammt schlechter Tag. Aber ich bin ja ohnehin Zeit meines Lebens schon der Ansicht, dass man nur glücklich sein kann, wenn man sich selbst etwas vormacht. Schon Nietzsche war der Ansicht, dass das Leben unerträglich ist, wenn man genau hinsieht.

Das kann man auch anders sehen ...
Ich bin, wie gesagt, anderer Meinung. Schauen Sie sich den Zustand der Welt an: Klimaerwärmung, Überbevölkerung und Massenvernichtungswaffen. Das ist frustrierend. Wie soll man da noch optimistisch sein? Von William Faulkner stammt der Ausspruch, dass die Menschheit auf Dauer nicht bloß überleben, sondern auch obsiegen wird. Ich habe da große Zweifel. Es würde mich alles andere als verwundern, wenn die Erde in ein paar Hundert Jahren nur noch von Ameisen und anderen Insekten bevölkert wird.

Bobby, der Protagonist Ihres neuen Films »Café Society«, ist auch nicht sonderlich glücklich. Ist er Ihr Alter Ego?
In dieser Geschichte kann ich mich mit ihm zumindest am ehesten identifizieren. Mit wem auch sonst? Mit den wunderschönen Frauen ganz sicher nicht. Und auch nicht mit dem von Steve Carell gespielten Hollywood-Boss. Dann ist da natürlich noch Bobbys Bruder, der Kosher-Nostra-Gangster. Aber dass ich auch für ihn etwas übrig habe, würde ich natürlich öffentlich niemals verraten.

Dieser Bruder konvertiert kurz vor seiner Hinrichtung noch schnell vom Judentum zum Katholizismus, weil der ein Leben nach dem Tod verspricht. Machen Sie sich über so etwas Gedanken?
Kein bisschen, schließlich bin ich Atheist. Für mich sind alle Religionen nichts anderes als riesige Wirtschaftsunternehmen. Ist doch klar, dass alle mit möglichst guten Deals um Kunden werben.

Bleiben wir aber noch kurz bei dem Gangster. Der sorgt in »Café Society« für einen Moment bloßer Gewalt, wie er in Ihren Filmen unüblich ist. Werden Sie jetzt noch zum Action-Experten?
Bloß nicht. Aber so ging es eben in den Straßen von New York zu, als ich aufwuchs. Meine Geschichte spielt ja in den 30er- und 40er-Jahren. Morde durch die Mafia standen damals auf der Tagesordnung.

Auch in Ihrem Alltag in Brooklyn?
Ich wuchs mit einigen Kerlen auf, die irgendwann im Knast landeten. Es gab in unserem Viertel viele jüdische Jungs, die schon im Alter von 14 Jahren waschechte Gangster waren und mit 16 nicht mehr ohne Pistole aus dem Haus gingen. Aber mich wollte nie jemand rekrutieren, denn ich erreichte nicht die Mindestgröße.

Mit dem Regisseur sprach Patrick Heidmann.

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026

Kultur

Ensemble, Schmäh und Chalamet: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. Februar bis zum 18. Februar

 11.02.2026

»Imanuels Interpreten« (18)

Clive Davis: Der Produzent

Ohne die lebende Legende wäre die Welt um viele umwerfende Songs ärmer. Von Chicago über Whitney Houston bis hin zu Santana: Alle arbeiteten mit ihm

von Imanuel Marcus  11.02.2026

Beverly Hills

Mit Hudson, Chalamet, Spielberg: Hollywood-Größen feiern Oscar-Nominierungen beim Lunch

Dieses Mittagessen gehört in Hollywood zur Oscar-Tradition: Beim traditionellen Oscar-Lunch treffen die Nominierten zusammen. Auch Deutsche sind dabei

 11.02.2026

Leipzig

Fall Gil Ofarim: Behörde sieht keinen Anlass für Ermittlungen

Im RTL-Dschungelcamp äußert sich der Sänger überraschend zu seinem damaligen Verfahren um angebliche antisemitische Äußerungen. Zu neuen Ermittlungen führen seine Mutmaßungen aber nicht

 11.02.2026

Leipzig

Hotelmitarbeiter: Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer

Vor vier Jahren warf der Musiker dem Hotelmitarbeiter Markus W. vor, ihn aus antisemitischen Gründen nicht einchecken lassen zu haben. Die Vorwürfe waren erfunden. Nun äußert sich der Mitarbeiter erstmals

 10.02.2026