Berlin

Das Archiv als Fiebertraum

Die Malereien Alma Feldhandlers sind Heimsuchungen: »The Cinnamon Shop«, 2023 (Bildmitte) Foto: Meyer Riegger/ Francisco M.V.

Die Malereien der französischen Künstlerin Alma Feldhandler sind Heimsuchungen. Das beweist sie in ihrer derzeitigen Ausstellung Who’s the Captain of All These Boys of Death? in der Berliner Galerie Meyer Riegger: Ob in wandhohen Formaten oder in dicht gehängten Miniaturen, auf ihren Bildern tummeln sich Gespenster. Mit Titeln wie »Chemiker«, »Mantelmänner« oder »Alte Frau mit zwei Schuhen« macht uns Feldhandler klar: Ihre melancholisch ins Leere blickenden Figuren sind Figuren des Alltags.

Gespenster sind sie, weil ihr Alltag der Vergangenheit gehört: Wir sehen jüdische Schneider, Straßenszenen aus dem Scheunenviertel, die Kaufhäuser von Ludwig Lesser oder eben namenlose Chemiker und Maler der Weimarer Republik. Die Heimsuchung versteckt sich im Bewusstsein, dass dieser unbehelligte Alltag auf sein schreckliches Ende, die historische Katastrophe, zusteuert: die Schoa.

Die Strahlkraft liegt in der Vorstellung des Vergangenen

Die Suggestion von Feldhandlers Malereien ist eine historische: Die grellen Farben scheinen im grobkörnigen Sand der Zeit verwaschen. Wie Reklametafeln Berliner Prachtboulevards der 1920er-Jahre, die einen von verschlissenen Filmstreifen anleuchten, liegt ihre Strahlkraft nicht mehr in der Gegenwart. Sie liegt in der Vorstellung des Vergangenen. In Feldhandlers Bildern zerfließen Farben. Sie werden nur gestützt vom starken Strich, der den gespenstischen Gestalten wie im Comic Kontur verleiht, sie festhält: Die fliehenden Formen, die Phantome der historischen Figuren, erstarren für einen Moment zu Zeitbildern. Feldhandler malt über den Rand der Leinwand hinaus, auch auf die Außenseite des Keilrahmens. Aus Bildern werden Objekte, aus flüchtigen Zeitbildern historische Artefakte.

Ihre Figuren sind Gespenster, weil ihr Alltag der Vergangenheit gehört.
Inspiration dafür fand die 1996 geborene Feldhandler in den Sammlungsbeständen des Jüdischen Museums Berlin. Im Meyer-Riegger-Podcast Listening to Art spricht sie mit Sammlungsleiterin Julia Friedrich darüber, wie Fotografien und Objekte aus der Sammlung zur Quelle ihrer ins Mythische entrückten Geschichtsschau wurden. Alma Feldhandler entwirft diese Schau als ein Koordinatensystem von Nebensächlichkeiten.

Die Parameter scheinen verschlüsselt – ein Rätsel, das in Bildspuren suggestiv angedeutet wird: als hätte man einer Künstlichen Intelligenz einen Suchbegriff gegeben, Ergebnisse erhalten, aber den Eingabe-Begriff vergessen. Was bleibt, ist eine kryptische Sammlung von Gesichtern und der Drang, den abhandengekommenen Begriff wiederzufinden – die Gesichter zu entschlüsseln.

Traumwelten in entrückten Bildräumen

Hintergründig schimmernd, werden Feldhandlers Gestalten oftmals von dunklen, geradezu unheimlichen Bildräumen eingehegt. Sie erinnern an das Frühwerk des amerikanischen Malers Lyonel Feininger. Das Gestische, das sich über die flächigen Farbfelder legt, an die deutsch-jüdische Malerin Charlotte Salomon. In Feldhandlers entrückten Bildräumen scheint vage eine Traumwelt hindurch: Immer wieder tauchen zeichenhafte Umrisse von tanzenden Harlekinen und Königen auf. Ein grotesker Karneval des Alltäglichen, dessen Treiben in vorbeiziehenden Ausschnitten aufflackert und wieder verlischt. Dazwischen begegnen uns die Gesichter der namenlosen Gestalten. In einer Intimität, die sich auch bei der Malerin Marlene Dumas finden lässt: Die zwiespältige Intimität einer leicht verrückten Maske und des unbehaglichen Blicks auf das Dahinter.

Zuletzt fragt auch der Ausstellungstitel Who’s the Captain of All These Boys of Death? nach diesem Dahinter – nach dem verlorenen Suchbegriff: Was Alma Feldhandlers »Todesknaben« zusammenschweißt, ist nicht der unaufhaltsame Fortlauf der Geschichte in die Katastrophe und damit der eliminatorische Antisemitismus der Nazis. Es ist, wie der Ausstellungstext den französischen Philosophen Jacques Derrida zitiert, »das Archivierungsfieber« – unser »Drang, Spuren zu interpretieren«.
Feldhandler legt uns diese Spuren und verwandelt damit die Sammlung, das Archiv, in einen Fiebertraum. Was sich darin vergegenwärtigt, ist nicht nur die Geschichte der Ermordeten als Opfer, sondern ihr unerfüllt gebliebenes Leben – ihr Traum.

Alma Feldhandler, »Who’s the Captain of All These Boys of Death?«, zu sehen bis 13. April in der Berliner Galerie Meyer Riegger, Schaperstraße 14

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