Nachlass

Chronik des bedrohten Lebens

Gedichte an seine Geliebte Foto: S. Fischer

Nachlass

Chronik des bedrohten Lebens

Hans Keilson führte im niederländischen Untergrund Tagebuch – und schrieb Gedichte an seine Geliebte

von Roland Kaufhold  06.10.2014 17:35 Uhr

22.12.1944: »Jetzt sind wir wieder allen anderen in Polen und den Konzentrationslagern nahe gerückt. Wenn nur das Kindchen wieder gesund wird. Es hat etwas an den Nieren. Viel Durst und muss aufs Töpfchen.« Eine Tagebuchnotiz von Hans Keilson. Seit 1936 lebt der 1909 im brandenburgischen Greifenwalde geborene jüdische Schriftsteller und Arzt in den Niederlanden.

Im Frühjahr 1943 legt er den »Judenstern« ab, lebt bei niederländischen Freunden, geschützt durch einen neuen Namen. Er arbeitet für eine Widerstandsgruppe als Kurier und als Berater für versteckte Jugendliche. Sein Untertauchen in den Widerstand erfordert eine Trennung von seiner Ehefrau und seiner 1941 geborenen Tochter. Diese wächst die ersten vier Jahre ohne ihn auf, er sieht sie nur gelegentlich.

Geliebte 1944 verfasst Hans Keilson ein Tagebuch. Eine literarische Chronik seines bedrohten Lebens im Untergrund. Zeitgleich schreibt er 46 Sonette, für eine jüngere Geliebte – auf Deutsch.

Sein literarisches Talent ist Keilson bewusst: 1932 ist sein Erstlingswerk, ein autobiografischer Familienroman, erschienen. Einige seiner deutschsprachigen Gedichte publiziert er noch während des Krieges in niederländischen Anthologien. Vor drei Jahren ist Hans Keilson gestorben, er wurde 101 Jahre alt. Sein 100. Geburtstag bescherte ihm internationalen Ruhm.

Nun hat seine Ehefrau, die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz, in seinem Nachlass dieses Tagebuch und die Sonette entdeckt. Ein berührendes Werk, in dem sich literarische Reflexionen und Alltagsbetrachtungen spiegeln. Die Möglichkeit des eigenen Todes wird verdrängt, um seelisch zu überleben. Und doch taucht dieses Wissen eruptiv immer wieder auf: »Oft die Gedanken an die Juden in den Lagern. Reise mit illegalen Papieren«, notiert er im Juni 1944.

Geige Zuflucht sucht der passionierte Musiker im Geigenspiel. »Inzwischen dauern die Vernichtungen in den Städten an. Wie schwer wird Holland getroffen. Und wie lange dauert es noch? Immerzu denke ich an Gertrud und das Kind.« Dann die Sorge um die Eltern, die er noch in die Niederlande holen konnte: »Denke ruhiger an die Eltern, an ihren möglichen Tod. Und merke es beim Geigen. Ich spiele, als ob ein anderer spielte.« Alles vergeblich. Seine Eltern werden in Birkenau vergast. Ein lebenslanges Trauma und der endgültige Bruch mit Deutschland.

Im Untergrund weiß Hans Keilson von den Morden der Deutschen. Und doch muss er weiterleben: »Gedanken, wir müssen es noch eben aushalten, auch die Massenmorde in Polen. Was ist man doch wichtig, dass man hier lebt, während da andere Tausende wieder sterben. Aber was sollen die wohl denken in dem Moment, wo sie in die Gaskammern steigen. Man sollte die Judenkinder, schon wenn sie klein sind, an kleine Dosen Gas gewöhnen.«

Keilsons Tagebuch kreist immer wieder um die Liebe zu seiner Ehefrau Gertrud wie auch zu der 13 Jahre jüngeren Hanna. Ihr hat er die Sonette gewidmet. Zwischen beiden schwankt er, beide begehrt er, mit Schuldgefühlen: »Gespräch mit Hanna. ›Ich habe doch kein Recht auf dich‹, sagt sie. Trotzdem Zusammensein im Gespräch voll tiefem Einverständnis.« Und wenige Zeilen später: »Brief von Gertrud. Sehr traurig, sie ist nicht gesund. Ich begreife sie sehr tief. Sie ist allein, es greift mir an die Tränen, wenn ich an sie denke.«

Lyrik Zwischendurch immer wieder Reflexionen über Kafka, Buber, Rilke, Brentano, Mann und Dostojewski: »Lese wieder Schuld und Sühne! Was für ein herrliches, wildes und doch gezähmtes Buch.« Dann Beschreibungen der schwierigen Lebenssituation in der Familie, die ihm Unterschlupf gewährt. Erneute Zuflucht zur Lyrik: »Wieder einige Gedichte geschrieben. Ich dachte, dass es schon vorbei wäre, aber anscheinend ist eine neue Quelle angebohrt. Darunter ein Gas!-Gedicht, das mir nicht völlig misslungen scheint.«

Seine Reisen quer durch die Niederlande als Kurier für die Untergrundbewegung, mit gefälschtem Pass, erledigt er angstfrei. Und doch: »Ich bleibe am Tod kleben. Immer mehr.« Pläne für die Zukunft, nach Ende des Krieges: Soll er als Arzt in den Niederlanden arbeiten, als Psychotherapeut oder als Schriftsteller? »Der immer größer werdende Konflikt, zu schreiben oder zu leben.«

Gegen Ende 1944 nimmt die existenzielle Bedrohung zu. Razzien in Rotterdam und Delft, Hausdurchsuchungen: »Seit Tagen, Wochen sind wir auf dieses Signal vorbereitet. Jetzt ist es so weit. Mit Hilfe von Suus in den Wandschrank gekrochen.« Keilson überlebt. Am 4. Mai 1945 erlebt er die Befreiung der Niederlande von der deutschen Besatzung.

Hans Keilson bleibt mit seiner Ehefrau zusammen. Hanna heiratet Chanan Hoffmann, der in den Jüdischen Brigaden gekämpft hat. 1946 gehen sie nach Palästina. Ein wertvolles Buch.

Hans Keilson: »Tagebuch 1944. Und 46 Sonette« Herausgegeben von Marita Keilson-Lauritz. S. Fischer, Frankfurt/M. 2014, 256 Seiten, 18,99 €

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