Kino

Brücke der Entscheidungen

Souverän: Tom Hanks als Anwalt James Donovan, der von der CIA im Kalten Krieg angeworben wird Foto: dpa

Natürlich geht es im neuen Film von Steven Spielberg um den hochanständigen Unterhändler James Donovan. Der US-Erfolgsregisseur setzt ihm in seinem Spionagethriller ein filmisches Denkmal. Aber zunächst zur schönsten Überraschung des Blockbusters: Spielberg setzt diesmal auch auf jüdischen Humor.

Verantwortlich dafür sind Joel und Ethan Coen, die am Drehbuch mitgeschrieben haben. Jene Coen-Brüder also, die für Klassiker wie The Big Lebowski oder Fargo stehen, aber auch für den sehr persönlichen Film A Serious Man über die Missgeschicke des moralischen Juden Larry Gopnik, der es allen recht machen möchte und dabei natürlich alles falsch macht.

Dialogwitz James Donovan (souverän: Tom Hanks) ist bei Spielberg und den Coens ein rechtschaffener Anwalt. Er ist überzeugt, dass jeder Angeklagte eine ordentliche Verteidigung erhalten soll. So auch sein Mandant Rudolf Abel, ein sowjetischer Spion in den USA. Doch eines Abends wird Donovan von einem CIA-Agenten beschattet. Als er sich in strömendem Regen hinter ein Auto kauert und naiv meint, nun hätte er den Agenten bereits abgeschüttelt, darf man als Zuschauer zum ersten Mal schmunzeln. Im folgenden Dialog mit dem CIA-Mann kommt dann der ganze Dialogwitz und absurd-beklemmende Humor der Coens zum Tragen. Dabei findet es James Donovan alles andere als komisch, dass die CIA den Anwalt anwerben möchte.

Nur mit viel Mühe kann Donovan Rudolf Abel vor dem elektrischen Stuhl bewahren. Fast hysterisch hat er die Medien und die Stimmung im Lande gegen sich. Dabei ist Donovan ein Visionär und ahnt, dass ein lebender Sowjetspion noch einmal viel wert sein könnte, falls den Kommunisten ein Amerikaner in die Hände fallen sollte und auf der Brücke der Entscheidung, der Glienicker Brücke, ein Gefangenenaustausch initiiert werden muss.

Wer sich auf einen packenden und typischen Action-Thriller von Spielberg gefreut hat, muss zunächst das gut inszenierte Gerichtsdrama abwarten und sieht sich durchaus angenehm überrascht. Gerade in der Figurenzeichnung des Sowjetspions setzen Spielberg und die Coens auf subtile Komplexität. Dieser kultivierte ältere Mann wirkt den Anklägern in seiner ganzen Bescheidenheit oft überlegen. Er erkennt die »ideologische Überlegenheit« der USA einfach nicht an, verzichtet seinerseits indes auf jegliche Form von Propaganda. Wie der britische Schauspieler Mark Rylance diesen Rudolf Iwanowitsch Abel spielt, ist schlicht oscarreif.

Grenzübergang Wenn es jedoch um das Ostberlin des Jahres 1962 geht, dann fallen dem aufmerksamen Betrachter einige üble Schnitzer und grobe Vereinfachungen auf. Der Weg vom Grenzübergang Friedrichstraße bis zur sowjetischen Botschaft Unter den Linden ist eigentlich ein Kinderspiel. Im Film erscheint er komplizierter, als er ist, und auf den Straßen Ostberlins lauern etliche halbstarke Kleinkriminelle. Ansonsten ist die Stadt ein Ruinenfeld und menschenleer. Ganz übel wird es, wenn Donovan in der S-Bahn sitzt und Zeuge eines gescheiterten Fluchtversuches wird. Das ist derart plump inszeniert, dass man sich an längst überwunden geglaubte Kalte-Krieg-Klischees erinnert.

Wirklich getrübt wird der positive Gesamteindruck dadurch jedoch kaum. Es ist der beste »erwachsene« Spielberg seit Schindlers Liste und München. Der Regisseur, dessen 98-jähriger Vater Jiddisch und Russisch spricht und in den 60er-Jahren die Sowjetunion bereiste, hat sich diesen Stoff auch persönlich angeeignet. Als kleiner Junge war er ließen ihn die Schoa, der Kalte Krieg und der drohende Atomkrieg nicht los. »Sehen Sie sich mal den Sohn von James Donovan in meinem Film an«, sagte Spielberg kürzlich in Interviews. »Dieser Junge, das bin ich.«

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