Literatur

Briefe an den Vater

»Die Wörter hatten uns verlassen«: Marceline Loridan-Ivens Foto: dpa

Marceline Loridan-Ivens ist in Frankreich als Schauspielerin einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Nur wenige Menschen wussten jedoch bislang bisher, dass die fast 90-Jährige zu jenen jüdischen Frauen gehört, die als Jugendliche Auschwitz überlebt haben. Rund 70 Jahre nach ihrer Befreiung hat sie nun ihrem im KZ umgebrachten Vater einen Brief geschrieben, in dem sie über ihr Leben nach der Schoa berichtet.

Darin erinnert sie sich an die Persönlichkeit ihres Vaters, von dem sie als 15-Jährige getrennt wurde, als säße er ihr im Zwiegespräch gegenüber. Die Tochter schreibt über die gewaltsame Trennung von ihm, über die Verhältnisse im Lager und auch über den Tag, als der Vater ihr in einem kurzen Moment der zufälligen Begegnung in Auschwitz einen Zettel zustecken konnte.

Ohnmacht Der Tag, als sich ihre Arbeitskommandos begegnen, der Vater sie umarmt, die Tochter mit brutaler Gewalt von ihm weggerissen wird, ist ihr bis heute ins Gedächtnis eingebrannt. Als sie nach den Schlägen der Wachleute aus der Ohnmacht aufwacht, hält sie eine Tomate in ihrer Hand. »Dieses an mir versteckte Gemüse stellte alles wieder her, ich war wieder das Kind und du der Vater, der Beschützer, der Ernährer«, heißt es nach wenigen Seiten in Und du bist nicht zurückgekommen.

Der Vater leitete eine Fabrik in Nancy, die Trikotagen herstellte. Für seine große Familie kaufte er ein kleines Schloss im Süden Frankreichs. Aber der Krieg, die Besatzung und vor allem die 1942 einsetzenden Deportationen in die Vernichtungslager zerstörten das Glück der Familie.

Loridan-Ivens’ Vater hatte, wie die Tochter schreibt, in dieser Zeit mehr noch als sonst das Bedürfnis, sein Judentum zu bekräftigen – »in dieser Welt, in der wir nur noch ›Stücke‹ waren«. Auf dem Zettel, den er seiner Tochter im Lager zusteckte, flehte er sie an, durchzuhalten. »Die Wörter hatten uns verlassen. Wir hatten Hunger. Das Massaker war in vollem Gange. Ich hatte sogar Mamas Gesicht vergessen«, erinnert sie sich.

Sprachlosigkeit Der Brief, den der Vater niemals lesen wird, ist das seltene Zeugnis einer existenziellen Bewusstwerdung, die floskellos in großer Klarheit Leben und Sterben im KZ heraufbeschwört. Eine besondere Kraft bezieht der Text aber auch durch die Schilderung des Lebens danach. Dabei stellt sich heraus, dass sich die inzwischen erwachsene Tochter durch die Erfahrung des Lagers vor allem von ihrer Mutter entfremdet, die die Sprachlosigkeit ihrer Tochter nicht verstehen kann.

Die Autorin hat Mengele, den Arzt, der an der Rampe von Auschwitz über Leben und Tod entschied, kennengelernt. Sie hat mit den Frauen im Lager unter dem Terror der Wachmannschaften und den fürchterlichen Lebensbedingungen gelitten. Birkenau prägt bis heute ihr Leben. Aber der Glaube an Gott, den ihr Vater über den Tod hinaus von ihr verlangte, hat sie gestärkt. Und vermutlich nahm der Brief an den toten Vater ihr auch das Schuldgefühl, das viele KZ-Häftlinge verspüren, wenn sie sich fragen: Warum habe ich überlebt?

Dieses kleine Buch von Marceline Loridan-Ivens ist nicht nur ein bewegendes Stück Literatur. Es ist auch ein wichtiger Beitrag zum Verstehen all jener, die als Schicksalslose aus den Lagern zurückkamen. Es gibt nur noch wenige, die davon berichten können.

Marceline Loridan-Ivens: »Und du bist nicht zurückgekommen«. Insel, Berlin 2015, 111 S., 15 €

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