Fernsehen

Blutige Spiele

Überfall: Palästinenser nehmen in der Nacht israelische Olympioniken als Geiseln. (Szene aus »München 72«) Foto: ZDF

Nico Hofmann, dem Geschäftsführer der auf sogenannte Eventfilme spezialisierten TV‐Produktionsfirma »Teamworx«, kann man nicht vorwerfen, er leide unter mangelndem Selbstbewusstsein.

Am Montag, den 19. März, läuft im ZDF um 20.15 Uhr der von ihm produzierte Fernsehfilm München 72 – Das Attentat über das Geiseldrama bei den Olympischen Spielen, das elf Mitgliedern des israelischen Teams das Leben kostete, weil die deutschen Sicherheitskräften versagten. Für den Kreativwirtschaftsmanager Hofmann ist sein Film »das Gegenstück« zu Munich, dem »in Israel heftig kritisierten« Film von Steven Spielberg, der 2005 in die Kinos kam.

Tatsächlich ist dieses Werk des Hollywood‐Regisseurs umstritten, weil Spielberg sich die künstlerische Freiheit nahm, bei seiner Schilderung der späteren Vergeltungsaktion des Mossad gegen die verantwortlichen palästinensischen Terroristen nicht allzu streng an den historischen Fakten zu kleben. Ob dies Hofmann, der bei seiner Produktion um zeitgeschichtliche Korrektheit bemüht war, allerdings dazu berechtigt, sich in eine Liga mit Spielberg zu imaginieren, steht auf einem anderen Blatt.

familien Zu Beginn von München 72 führt der israelische Regisseur Dror Zahavi zwei Familien ein. Da ist zum einen die des israelischen Fechttrainers und jungen Vaters André Spitzer (Pasquale Aleardi). Er war einer der Israelis, die bei der Geiselnahme ermordet wurden; seine Frau Ankie kämpfte rund drei Jahrzehnte lang dafür, dass die Hinterbliebenen entschädigt werden.

Darüber hinaus lernt der Zuschauer die Familie eines später in den Einsatz gegen die Terroristen involvierten deutschen Hubschrauberpiloten kennen. Der bandelt bald mit der Protagonistin an, der als Verhandlungsführerin agierenden Polizistin Anna Gerbers (Bernadette Heerwagen) – eine Beziehung, die die Macher aus dramaturgischen Gründen erfunden haben.

Hofmanns »Teamworx« zeichnete bereits 2008 für eine Fernsehproduktion über eine thematisch verwandte Geiselnahme verantwortlich: den in der ARD gezeigten Film Mogadischu, in dem Regisseur Roland Suso Richter nacherzählt, wie die »Volksfront zur Befreiung Palästinas« 1977 versuchte, sämtliche in der Bundesrepublik einsitzenden RAF‐Gefangenen freizupressen, indem sie die Lufthansa‐Maschine »Landshut« entführte. München 72 endet nun mit der Gründung der GSG 9, der es fünf Jahre später in der somalischen Hauptstadt gelingen sollte, die Geiselnahme erfolgreich zu beenden. In dieser Hinsicht ist Zahavis Film ein Prequel zu Mogadischu.

schwächen Während es Richter allerdings in dem Film über die Geiselnahme von 1977 gelang, für die beklemmende Atmosphäre an Bord der »Landshut« eine ästhetisch anspruchsvolle, teilweise dokumentarisch anmutende Bildsprache zu finden, hat München 72 in diesem Bereich erhebliche Schwächen. Zahavis Bilder wirken steril, sie haben kaum Kraft, obwohl der Regisseur, wie er sagt, für den Film eine »Farbkonzeption, die der Zeit entspricht«, entwickelt hat. Nur wenn in den ersten Minuten kurz »Jeepster« zu hören ist, ein Hit der Band T. Rex aus den Jahren 1971/72, fühlt man sich vier Jahrzehnte zurückversetzt.

So unlebendig wie die Bilder sind stellenweise auch die Dialoge. Als André Spitzer im Olympischen Dorf libanesische Sportler begrüßen und ihnen Glück für ihre Wettkämpfe wünschen möchte, ermahnt ihn seine Frau, das könne er angesichts des Verhältnisses zwischen den beiden Ländern nicht machen: »Du bist Israeli!« »Eben«, entgegnet er: »Hier kann ich rübergehen und mit ihnen reden. Deswegen gibt es Olympische Spiele.« Unabhängig davon, dass Sportler so etwas damals durchaus geglaubt haben mögen: Bei der Filmfigur Spitzer klingt diese Passage zu sehr nach einem Reißbrettentwurf.

»Ein Fernsehfilm wie dieser« habe »die Kraft, uns mit großer Unmittelbarkeit etwas vor Augen zu führen, in dem wir uns noch nicht auskennen«, sagt der verantwortliche ZDF‐Redakteur Daniel Blum. Das stimmt in Bezug auf die aufwendigen Recherchen, aber nicht, was die filmische Qualität angeht.

polizeitaktik Immerhin: Wer sich in Erinnerung rufen lassen möchte, wie katastrophal die Münchener Polizei damals agiert hat, oder wer zu jung ist, um die Ereignisse verfolgt zu haben, für den hat München 72 einen gewissen Informationswert. Die bundesdeutschen Sicherheitsstrategen wirken in dem Film derart trottelig, als spiele sich das ganze Drama in einem Dorf im hintersten Winkel Bayerns ab. Besonders grotesk mutet aus heutiger Sicht die – tatsächliche – Idee an, den ersten Einsatz gegen die Geiselnehmer im Olympischen Dorf live im Fernsehen übertragen zu lassen.

Das erwies sich als kontraproduktiv, weil die Terroristen so die Möglichkeit bekamen, sich auf die Strategie der Polizisten einzustellen. Der »Grundfehler« sei es damals gewesen, »die Sicherheitskräfte des Olympischen Dorfes unbewaffnet zu lassen«, sagte der heute 82‐jährige GSG‐9‐Gründungskommandant Ulrich K. Wegener auf der Pressekonferenz zu München 72. Man habe »das ja später nachgespielt mit der GSG 9«, um herauszufinden, wie sich die Geiselnahme hätte unblutig beenden lassen.

Wegener war während der Olympischen Spiele Berater des damaligen Bundesinnenministers Hans‐Dietrich Genscher. Er konnte das Geschehen rund um die Geiselnahme aber nur beobachten, hatte aber nicht die Möglichkeit einzugreifen, weil die bayerische Staatsregierung für den Einsatz verantwortlich war.

Obwohl es bereits zahlreiche Filme rund um die Geiselnahme gibt – neben Spielbergs Munich etwa Kevin McDonalds Oscar‐prämierte Dokumentation Ein Tag im September von 1999 – kommt anlässlich des 40. Jahrestags des Terroranschlags neben München 72 mindestens ein weiterer hinzu.

Die ARD arbeitet noch an dem Dokudrama Alptraum München – Das Ende des Olympiamärchens 1972, das am 22. Juli laufen wird. Eines werden die beiden Produktionen gemeinsam haben: Steven Spielberg wird sie nicht mit Munich vergleichen. Er wird sie sich gar nicht erst anschauen.

»München 72 – Das Attentat«, ZDF, Montag, 19. März, 20.15 Uhr

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