Jura

Bessere Kosmopoliten

An der Spitze: Fritz Bauer 1961 Foto: dpa

»Gute Frage«, hatte der Dozent gesagt. Reut Paz erinnert sich, wie sie als Studentin in einem Seminar an der juristischen Fakultät der Universität Helsinki neugierig wurde: »Warum sind so viele bedeutende deutschsprachige Völkerrechtler jüdischer Herkunft?« Die Frage wurde zur Aufgabe – Paz promovierte beim Seminarleiter – und zum Schwerpunkt einer von ihr organisierten Tagung, die vergangene Woche in Berlin stattfand. Die anwesenden Wissenschaftler versuchten herauszufinden, ob und wie die jüdische Identität eines Hans Kelsen, eines Georg Jellinek oder eines Hersch Lauterpacht deren Denken über Krieg und Frieden, die Rolle des Staates oder den Schutz der Menschenrechte beeinflusst hat. Unter die Lupe genommen wurden sowohl Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als auch »Praktiker« der Nachkriegszeit, die zur Institutionalisierung der Vereinten Nationen oder der internationalen Gerichtsbarkeit maßgeblich beigetragen haben.

Die Schwierigkeit des Unterfangens wurde sofort klar. Reut Paz erwähnte in ihrem Eröffnungsvortrag die antisemitische Haltung von Juristen wie Carl Schmitt, die in der Nazizeit eine »jüdische Rechtswissenschaft« an biologisch-rassistischen Kriterien festmachten. So brachte auch der Rechtshistoriker Michael Stolleis sein Unbehagen zum Ausdruck, als er über Erich Kaufmann referierte. Kaufmann, später Berater im Auswärtigen Amt, war evangelisch getauft. Dennoch wurde er wegen seiner jüdischen Vorfahren ins Exil nach Holland gezwungen. »Übernehmen wir nicht die Kategorien der Nazis, wenn wir aus ihm einen Juden machen?«, fragte Stolleis skeptisch. Und warum überhaupt Spuren der jüdischen Identität suchen bei Autoren, die sich selbst als Agnostiker definierten oder sich gar nicht zum Judentum äußerten?

Diaspora Während einige Teilnehmer einer klaren Antwort auswichen, versuchten andere, die Theorie des Völkerrechts so zu kontextualisieren, dass es darin Platz für Kultur und Identität geben dürfe. Der Verfassungsrechtler Ulrich K. Preuß erwähnte die Spannungen zwischen den nationalen Minderheiten in Mitteleuropa, die sich vor den Augen vieler Völkerrechtler abspielten: für Preuß ein entscheidender Motor in der Entwicklung ihrer Reflexion über Nationen, Grenzen und Staatlichkeit. Laut Reut Paz sei eine im Judentum verwurzelte Haltung mindestens ebenso wichtig gewesen: »Sie glaubten alle an das Gesetz.« Mit der Diaspora-Erfahrung könne man sich außerdem eine vereinte Welt besser vorstellen: »Sie waren bessere Kosmopoliten«, meinte Paz.

Auf soziologischer Ebene sind weitere Gemeinsamkeiten erkennbar: Die Emigration wurde für die in einem elitären System ausgebildeten Akademiker zur Lebensprobe, bot jedoch auch Chancen. Hersch Lauterpacht, Eric Stein oder Fritz Bauer gelangten später wieder an die Spitze ihrer Disziplin. Es lag weder an einem vermeintlichen Geschick für Netzwerkpflege noch an überdurchschnittlicher Intelligenz – »weitere Vorurteile«, so Paz: »Sie mussten einfach überleben.« Nach 1945 hätten die jüdischen Juristen außerdem die Dringlichkeit zur Erneuerung des Völkerrechts und der Ausbildung von Experten gesehen.

Vielfalt Trotz dieser Gemeinsamkeiten hätten die Rechtswissenschaftler ein unterschiedliches Verhältnis zum Judentum und zu Israel gehabt. Isaac Breuer sprach 1946 im Namen der Orthodoxie vor den Vereinten Nationen, während Lauterpacht die Gründung des Staates Israel unterstützte. Marie Munk half ehemaligen Emigranten bei ihren Restitutionsersuchen und Fritz Bauer bei der strafrechtlichen Verfolgung früherer Nazis. Eric Stein befasste sich seinerzeit mit der deutschen Gesetzgebung zum Verbot der Holocaustleugnung.

»Man sollte immer die Vielfalt der jüdischen Identitäten berücksichtigen«, schlug ein Teilnehmer aus dem Publikum vor. Reut Paz war derselben Meinung: Es sei der einzige Weg, der Komplexität des Themas gerecht zu werden und dabei Tabus wie Klischees zu vermeiden.

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Zahl der Woche

810.000 wahlberechtigte Israelis

Fun Facts und Wissenswertes

 28.10.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026