Finale

Benis Welt

Unsere Nachbarn heißen Herr und Frau Kundaz. Sie sind Muslime. Wir leben seit fünf Jahren Tür an Tür. In dieser Zeit haben wir sehr, sehr wenig miteinander gesprochen. Als wir einzogen, habe ich bei Herrn und Frau Kundaz an der Türe geklingelt. Unter meinem Arm hielt ich einen Willkommenskuchen. Herr Kundaz öffnete die Türe, guckte mich kurz an und schloss die Tür wieder. Ich habe den Kuchen dann selbst aufgegessen.

Auch in der Folgezeit hatte ich mit den Kundaz’ wenig zu tun. Wir hörten sie gelegentlich, wenn sie Liebe machten oder sich stritten. Letzteres taten sie öfter und lauter. Ansonsten herrschte Eiszeit zwischen den Familien Frenkel und Kundaz.

klimawechsel Manchmal überlegte ich, dass ich dagegen etwas machen müsste. Vielleicht nochmals mit Kuchen kommen, zum Beispiel an einem Jom Kippur oder einem Ramadan-Tag. Aber an mir ist leider kein interkonfessioneller Vermittlungsexperte verloren gegangen. Ich bedauerte die fehlende Wärme zwischen uns und den Nachbarn. Eine zweite Abfuhr wollte ich aber nicht erleben. Und so lebten wir Nachfahren von Abraham weiter nebeneinander her.

Bis letzte Woche. Da klingelte es und Frau Kundaz stand an der Tür. Diesmal war sie es, die etwas in den Armen hielt: einen Teller mit Fleischbällchen. Verlegen lächelte sie kurz und überreichte mir die Speise. Ich glotzte sie dumm an. Drinnen in der Wohnung glotzte meine Frau mich dumm an. Und gemeinsam glotzten wir dann beide die Fleischbällchen dumm an. Was jetzt? Was tun und warum das alles? Waren die Kundaz’ Ägypter und freuten sich über den Sturz Mubaraks? Oder waren sie Tunesier? Und warum bekamen ausgerechnet wir die Fleischbällchen? Sie dufteten übrigens verdammt gut. Essen konnten wir sie nicht, wegen der Kaschrut. Wegwerfen wäre aber auch nicht okay gewesen. Die ganze Wohnung riecht seither nach Fleischbällchen.

Und das war noch Geringste unserer Probleme. Mussten wir jetzt nachziehen, überlegten wir? Sollte meine Frau jüdische Fleischbällchen machen und sie Frau Kundaz zurückschenken? Oder vielleicht besser eine Flasche Wein? Ach nein, Muslime trinken nicht. Vielleicht könnte unsere Tochter ein jüdisches Dankeslied vorsingen. Aber welches?

Nachbarschaftliche Nähe ist offenbar schwieriger zu handhaben als gegenseitige Ablehnung. Wir haben den Kundaz schließlich verschämt eine Tafel »Merci« geschenkt. Aber wie geht es jetzt weiter? Wir verfolgen gespannt die Entwicklungen in den arabischen Ländern.

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