Finale

Benis Welt

Mich plagen in letzter Zeit Selbstzweifel. Ich frage mich, ob ich ein guter Gastgeber bin. Mir ist nämlich aufgefallen, dass sehr wenige Gäste ein zweites Mal zu uns kommen. Zieht man von dieser kleinen Menge noch die Verwandtschaft ab, die keine Wahl hat, lässt sich die Zahl der Menschen, die mich gerne wieder besuchen, an einer halben Hand abzählen. Dabei kocht meine Frau nicht schlecht, die lärmenden Kinder melden sich nur selten, und bei der Weinauswahl geize ich nicht.

Steif und förmlich geht es bei uns auch nicht zu. Allen Besuchern zeige ich gleich nach ihrem Eintreffen meine persönlichen Schätze. Die alten Bücher, das gute Geschirr für die Feiertage, die Schmutzflecken meiner Tochter auf dem Sofa – und vor allem den großen Steinkrug auf meinem Arbeitstisch. Der ist mein ganzer Stolz. Seit über zehn Jahren werfe ich in den monströsen Tontopf Kleingeld, das ich auf der Straße gefunden habe. Und das ist nicht wenig. Nachgezählt habe ich meinen Schatz zwar nie, dafür müsste ich in den Krug zerschlagen, doch um die tausend Euro dürften über die Jahre schon zusammengekommen sein.

Bonus Wenn die Gäste fragen – und auch wenn sie es nicht tun –, zähle ich gerne alle Kleingeldfundorte auf, an denen ich bisher Erfolg hatte. Die besten, erkläre ich den faszinierten Zuhörern, sind direkt vor Ladenkassen, beziehungsweise darunter, auf dem Boden. Dort finde ich jeden zweiten Tag Münzen, die aus anderer Leute Geldbeutel herausgefallen sind und auf mich warten. Erst neulich wieder lag beim Zeitungskiosk ein 5-Cent-Stück unter einem Zeitschriftenständer. Ich bückte mich, klaubte es auf und wollte mein Glück schon hinausposaunen: »Ich habe ein 5-Cent-Stück gefunden!« Da fiel mein Blick auf eine Schlagzeile: »Blankfein-Bonus: 100 Millionen Dollar!« Lloyd Blankfein ist CEO der amerikanischen Bank Goldman Sachs, und er ist Jude. Er genehmigte sich diesen schönen Bonus, obwohl seine Bank unter die Räder der Finanzkrise kam. Skrupel hatte er deswegen keine, im Gegenteil. Blankfein brüstete sich sogar damit, er verrichte mit seinen Spekulationsgeschäften »Gottes Werk«.

Ich sah den Zeitungstitel und betrachtete mich selbst. Ich bin, wie Blankfein, Jude. Ich sehe auch so aus. Ich trage eine Mütze, einen Bart und Zizit, die manchmal aus dem Hosenstall hervorlugen. Gerade in Krisenzeiten wie diesen, überlegte ich, müssen wir Kinder Israels auf unseren Ruf achten. Die Menschen sollen mich nicht beim Münzaufklauben sehen und sofort denken: »Typisch Jude: Immer hinterm Geld her!« Wenn schon der Chef von Goldman Sachs keinen Sinn für das Image unserer Gemeinschaft hat, muss ich an seiner Stelle handeln. Ich reichte das gefundene 5-Cent-Stück der Kioskverkäuferin: »Ist für Sie!«

Die Träger des Georg-Stefan-Troller-Preises 2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026

Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Die Schriftstellerin über ihre literarische Biografie der Jüdin Baladine Klossowska und den Dichter Rainer Maria Rilke

von Knut Elstermann  11.10.2026

Aufgegabelt

Rote Bete mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 11.10.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Texten der Jüdischen Allgemeinen

 10.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026