Nachruf

Belesen, neugierig, kritisch, fordernd und kämpferisch

Alfred Haverkamp war ein typischer deutscher Historiker – im besten Sinne: belesen, neugierig, kritisch, fordernd und, wenn es sein musste, auch kämpferisch. Seine Studienstationen und Assistenzen führten ihn neben dem Archivreferendariat von Münster über Würzburg, München und Saarbrücken nach Trier, wo er an der Gründung der Universität mitwirkte und von 1970 bis 2005 eine Professur für mittelalterliche Geschichte innehatte.

In der Forschung wollte er immer sichere Wege beschreiten, aber ausgetretene Pfade interessierten ihn nicht. Mit Aufbruch und Gestaltung. Deutschland 1056–1273 in der Reihe »Neue deutsche Geschichte« gelang ihm 1984 eine innovative Deutung aus konsequent europäischer Perspektive.

Alfred Haverkamps größte Leistung ist, das Bewusstsein vermittelt zu haben, dass jüdische Geschichte zentrales Element europäischer Geschichte ist.

Seine Schwerpunkte waren stets sozialgeschichtlich geleitet, die mittelalterliche Geschichte Italiens und Deutschlands, die Städte und ihre Gemeinden; einen großen Namen hat er sich mit seinen Beiträgen zur jüdischen Geschichte verdient.

ehrendoktor Die Hebräische Universität Jerusalem verlieh ihm 2011 einen Ehrendoktor, das galt dem 1937 im oldenburgischen Münsterland geborenen Alfred Haverkamp mehr als andere Auszeichnungen.

Am Anfang dieser Beziehung, die 1988 eine Gastprofessur in Jerusalem einschloss, standen die Neuanfänge zum ortgeschichtlichen Inventar der Germania Judaica und die Begegnung und Freundschaft mit dem in Breslau als Herbert Fischer geborenen Arye Maimon.

Die daraus gewonnenen Impulse hat Haverkamp in der Folgezeit in Trier umgesetzt, so auch Dissertationen und Projekte zur jüdischen Geschichte betreut, mit den »Forschungen zur Geschichte der Juden« eine renommierte Schriftenreihe initiiert, www.medieval-ashkenaz.org als international erstrangige Ressource zum Zugriff auf Quellen etabliert und mit dem Arye-Maimon-Institut für Geschichte der Juden an der Universität Trier seiner Arbeit eine auf Zukunft gestellte Struktur gegeben.

panel Israel Yuval und andere israelische Forschende waren ihm Partner und Freunde. Als zum 17. World Congress of Jewish Studies 2018 ein Panel zu Haverkamps Ehren ausgerichtet wurde, folgten Kapazitäten bis aus den USA der Einladung. Das Erscheinen des Tagungsbandes konnte er Anfang 2021 noch erleben.

Dass jüdische Geschichte mittlerweile fest etabliert ist, ist zu einem erheblichen Teil eines der vielen Verdienste von Alfred Haverkamp.

Alfred Haverkamps größte Leistung steht nicht geschrieben und ist auch nicht gebaut, sondern immaterieller Natur: das Bewusstsein vermittelt zu haben, dass jüdische Geschichte nichts Randständiges ist, was Experten überlassen bleibt, sondern zentrales Element europäischer Geschichte. Diese Einsicht ist heute (weithin) selbstverständlich, aber Haverkamp wusste von Unverständnis noch gegenüber seiner Planung der Tagung »Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge« auf der Insel Reichenau 1996 zu berichten.

Dass dort und anderswo Themen jüdischer Geschichte mittlerweile fest etabliert sind, ist zu einem erheblichen Teil eines seiner vielen Verdienste. Alfred Haverkamp starb am 16. Mai, seinem 84. Geburtstag, in Trier.

Der Autor ist Historiker, Honorarprofessor in Heidelberg und war bis 2020 Rektor der Hochschule für Jüdische Studien.

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