Lesen!

»Bauchgefühle«

Lesen!

»Bauchgefühle«

Das Buch führt den Zusammenhang zwischen körperlichen Problemen und Psyche vor, ohne dabei den Anspruch auf eine Patentlösung zu erheben

von Hadassah Stichnothe  20.12.2023 09:38 Uhr

Die Comiczeichnerin Raina Telgemeier ist in ihrer amerikanischen Heimat die ungekrönte Königin der sogenannten Middle-Grade-Comicbücher, ein Genre, für das es in Deutschland zwar keine Bezeichnung, aber dennoch Abnehmer gibt, nämlich Kinder von acht bis circa zwölf Jahren, die sich in dem schwierigen Zwischenalter kurz vor oder am Beginn der Pubertät befinden. Also das Alter, in dem manche noch ganz kindlich sind, während andere nichts so sehr herbeisehnen wie die ersten Zeichen des Erwachsenwerdens, und in dem die Funktionen des eigenen Körpers sich manchmal gegen einen verschworen zu haben scheinen.

Hier sind es die titelgebenden Bauchgefühle, die die neunjährige Raina plagen, und zwar die besonders unangenehmen. Am Anfang steht eine simple Magen-Darm-Grippe, die Raina und ihre Mutter eine eindrucksvolle Nacht lang im Badezimmer beschäftigt. Doch was dann folgt, ist schlimmer als die Übelkeit selbst, denn die schüchterne Raina entwickelt eine schon fast panische Angst vor Übelkeit. Ihr Albtraum ist es, sich vor anderen übergeben zu müssen, und diese Angst beherrscht bald ihren ganzen Alltag.

Ein Junge mit dem Spitznamen »Kotzstift«

Der Druck durch die Mitschülerinnen und das warnende Beispiel eines Jungen, der den zweifelhaften Spitznamen »Kotzstift« verpasst bekommt, tun ein Übriges, um diese Gefühle zu verstärken. Es entwickelt sich ein Kreislauf aus Angst, Übelkeit und noch mehr Angst vor der Übelkeit. Schließlich ist es die Therapeutin Lauren, die Raina die Möglichkeit gibt, über ihre Ängste zu sprechen und ihnen entgegenzutreten.

Oberflächlich betrachtet ist der Plot von Bauchgefühle fast banal alltäglich, doch wie auch in ihrem gefeierten Debüt Smile nimmt Telgemeier die Nöte von Schulkindern ernst und überträgt sie in ausdrucksvoll kolorierte Panels. Die leben von der Mimik und Körpersprache der Figuren, deren Innenleben mal komisch, mal sensibel zum Ausdruck kommt.

So führt das Buch den Zusammenhang zwischen körperlichen Problemen und Psyche vor, ohne dabei den Anspruch auf eine Patentlösung zu erheben. Rainas chronische Bauchschmerzen sind, genau wie ihr unglücklicher Zahnunfall in Smile, sehr individuelle Erlebnisse, die wohl auf autobiografischen Erfahrungen der Autorin beruhen. Aber vielleicht gerade deswegen handelt es sich um eine starke Geschichte »für alle, die Angst haben« und sich vielleicht von Rainas Beispiel Mut machen lassen wollen.

Raina Telgemeier: »Bauchgefühle«. Durchgehend farbig illustriert von Raina Telgemeier und aus dem Amerikanischen übersetzt von Ann Lecker. Loewe Graphix, Bindlach 2023, 24 S., 18 €

Aufgegabelt

Korkenzieher-Gurken mit Gochujang-Dressing

Rezepte und Leckeres

 14.02.2026

Berlinale

Nachdenken über Siri Hustvedt

Die Regisseurin Sabine Lidl hat eine sehenswerte Dokumentation über die amerikanische Schriftstellerin gedreht – ein Filmtipp

von Katrin Richter  14.02.2026

Berlinale

Arundhati Roy sagt Teilnahme ab

Als Begründung nannte sie die aus ihrer Sicht »unerhörten Aussagen« von Mitgliedern der Jury zum Gaza-Krieg

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte der Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026