»The Vigil«

Austreibung des Bösen

Dave Davis als Schomer Foto: WILD BUNCH GERMANY

Seit jeher gilt die Spanne zwischen dem Eintritt des Todes eines Menschen und seiner Bestattung bei den großen monotheistischen Religionen als eine heikle Zeit. In ihr kann sich die Seele eines Verstorbenen auf dem Weg in den neuen Seinszustand verirren, dann bleibt sie unerlöst und sucht schlimmstenfalls die Hinterbliebenen heim.

Auch vor dem Zugriff dämonischer Mächte muss sie geschützt werden. Als eine Art Gegenmittel gilt die Totenwache, bei der der Leichnam unter Beobachtung bleibt und das Sprechen von Gebeten unter anderem einen reibungslosen Übergang befördern soll.

Debüt Eine solche Totenwache gibt Keith Thomas’ nach eigenem Drehbuch inszeniertem Debütfilm den Titel. The Vigil – Die Totenwache ist, es lässt sich denken, ein Horrorfilm, denn der zu bewachende Leichnam hat noch eine Rechnung mit dem Diesseits offen – beziehungsweise schleppt etwas mit sich herum, das mit »Schuld« nur unzureichend beschrieben ist.
Angesiedelt ist die Geschichte im soziokulturellen Raum einer chassidischen Gemeinde in Brooklyn.

Yakov, der den Dienst des Schomers, also des Totenwächters, übernommen hat, will von dort eigentlich weg. Doch die schiere Geldnot treibt ihn dazu, der Bitte seines Cousins zu entsprechen – so sitzt er nun des Nachts in einem alten Haus in einem dunklen Raum und wacht über den toten Herrn Litvak. Alsbald beschleicht ihn der Verdacht, dass die Stunden bis zum Eintreffen des Bestatters sehr lange, vor allem aber sehr gefährliche Stunden werden könnten.

Finsternis Für die Zuschauer hingegen gestaltet sich die knapp anderthalbstündige Laufzeit des Films recht kurzweilig, weil The Vigil schnell zur Sache kommt und auch in der Folge keine Sperenzchen macht. Grundiert von Michael Yezerskis dräuender Filmmusik knarzt und murmelt, poltert und flüstert es. Eine akustische Dauerbedrohung, die wiederum Zach Kupersteins Kamera dazu veranlasst, in der undurchdringlichen Finsternis herumzubohren und immer neue Schattierungen zutage zu fördern.

Besessenheit ist das rasch etablierte und an und für sich nicht eben neue Thema, dessen filmgeschichtliche Ausprägungen vom beinharten Terror in Der Exorzist bis zum schleichend-intensiven Grusel in It Follows reichen und dessen Mittelfeld lang und breit und voller mediokrer Erschreckerfilme ist. Thomas nähert sich dem Gebiet aus eher ungewohnter Richtung, indem er das Motiv der Austreibung des Bösen psychologisch fundiert und im spezifischen religiösen Kontext des ultraorthodoxen Judentums ansiedelt.

Dabei dient ihm die konkrete politische Ursache des dem Übel zugrunde liegenden Traumas, nämlich Antisemitismus, als zusätzliches Mittel, seine ganz selbstverständlich vom Übernatürlichen handelnde Erzählung zusätzlich zu erden.

Denn die verinnerlichte »Schuld«, die auf dem alten Litvak zeitlebens lastete und die den jungen Yakov nun zu verschlingen droht, ist in Wahrheit die nur vermeintliche Schuld des verfolgten Juden, der – anders als Millionen anderer Juden – zufällig den Holocaust überlebt hat.

»The Vigil – Die Totenwache«, USA 2019. Regie: Keith Thomas. Mit Dave Davis, Menashe Lustig, Malky Goldman u.a. Seit 23. Juli im Kino

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Genuss

Koschere Frühlingsblumen

Warum der Sederabend für Weinliebhaber kein Albtraum mehr sein muss

von Jacques Abramowicz  20.03.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  20.03.2026

Literatur

Eine schrecklich nette Familie

Aus Schweden kommt ein jüdischer Berlin-Roman von Anna Brynhildsen

von Frank Keil  20.03.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  20.03.2026

Jugendbuch

Zwei Jungen und die Liebe

Julya Rabinowich erzählt in »Mo & Moritz« eindringlich, aber auch plakativ von einer Beziehung zwischen einem Juden und einem Muslim

von Katrin Diehl  20.03.2026

Johannes Becke

Nachdenken über Israel

Ist der jüdische Staat als ein Teil Europas oder des Nahen Ostens zu verstehen? Der Autor gibt in seinem Buch profunde und überraschende Antworten

von Ralf Balke  20.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  20.03.2026

Siri Hustvedt

Ihr Lebensmensch

In einem tieftraurigen und wunderschönen Erinnerungsbuch nimmt die Schriftstellerin Abschied von ihrem Mann Paul Auster, der 2024 an Krebs starb

von Katrin Richter  20.03.2026