Biografie

Außenseiter im Bundestag

Buchcover der Blachstein-Biografie Foto: VSA

Biografie

Außenseiter im Bundestag

Ludger Heid beschreibt erstmals das Leben des jüdischen Sozialdemokraten Peter Blachstein

von Hans Erler  24.02.2015 10:23 Uhr

Peter Blachstein (1911–1977) gehört zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des demokratischen politischen Lebens im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Umso erstaunlicher ist es, dass erst heute eine umfassende politische Biografie dies zeigt.

Blachstein war Jude aus bürgerlichem Elternhaus und lehnte eine »jüdische Sonderexistenz« ab. Aber auf die sich selbst gestellte jugendgemäße Frage »Wer bin ich?« und »Was habe ich als Jude zu tun?« antwortet er auf einer Kundgebung des Jüdischen Jugendrings mit 19 Jahren: »Das Judentum ist unsere Grundlage ... der Glaube die Kraft zum Handeln«. Später hat er sich immer wieder »merkwürdig distanziert von den Juden als ›unglückliches Volk‹, so als gehöre er nicht dazu«, schreibt sein Biograf Ludger Heid.

Jugendbewegung Zu Beginn der 30er-Jahre wird aus Blachsteins jüdischer »Grundhaltung«, die er als »Kampf ... um eine sinnhafte Ordnung« versteht, sein Engagement in der sozialistischen Bewegung. Seinen Platz und seine Aufgabe sah er in der »Arbeits- und Kampfgemeinschaft der sozialistischen Partei«. Schließlich spielte schon in deren Jugendverband die »jüdische Herkunft« – im Gegensatz zur bürgerlichen Jugendbewegung – »keine Rolle«.

Die Gliederung des Buches deutet die Weite und Intensität seines Engagements an: »Der jüdische Jugendbewegte«, »Der Widerständige und Verfolgte«, »Der Flüchtende und Exilierte«, »Der Sozialdemokrat«, »Der Parlamentarier«, »Der Botschafter«, »Der Kämpfer für Menschenrechte«, »Der Medienpolitiker«, »Der politische Privatmann«, »Der Außenseiter«. Nur 66 Lebensjahre, in denen Blachstein aber die welthistorischen Gegensätze des »kurzen 20. Jahrhunderts« (Eric Hobsbawm) scharfsinnig erkannt, ausgehalten und zum Besseren zu wenden versucht hat.

Godesberg Verfolgt als Jude und Sozialist hatte Blachstein Deutschland einst verlassen, »als Sozialdemokrat«, so Heid, »sollte er es wieder betreten«. Blachstein wollte nach dem Exil kein »Nischen-Jude, den der Staat wie einen Angehörigen einer aussterbenden Gruppe behandelte«, sein. Als sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter ließ sich eine jüdische Nischen-Existenz umgehen. Mit der SPD traf er sich im vorbehaltlosen »Bekenntnis zu Demokratie und demokratischen Freiheitsrechten« und damit gegen die, so Blachstein, »roten oder braunen Feinde der Freiheit«. Bei der Abstimmung über das Godesberger Programm 1959 gehörte Blachstein zu den 16 Delegierten, die mit »Nein« stimmten.

Im Mai 1968 bot ihm Willy Brandt den Botschafterposten in Jugoslawien an. Nach einer kurzen, aber durchaus erfolgreichen Zeit in Belgrad musste Blachstein seinen Posten aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Seine Zukunft war ungewiss.

Einmischung Aber ihm blieb ein weites Feld für politische Aktivitäten, denn an »faschistischen und Militärdiktaturen mangelte es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht«. Vor diesem Hintergrund entwickelte und begründete Blachstein immer wieder das Prinzip der »Einmischung« – »überall dort, wo Menschen wegen ihrer Überzeugung ... oder ihres Glaubens wegen verfolgt und verurteilt« wurden. Seine »Moral hatte nichts mit Geografie zu tun«. Blachstein war geschichts-, deutschland-, außen- und europapolitisch wie in der Analyse weltpolitischer Zusammenhänge seiner Zeit weit voraus.

Sein politischer Weitblick zeigte sich auch in vielen Bereichen der Innenpolitik. »Gesellschaftliche Entwicklungen, die ihn an die NS-Zeit erinnerten, machten ihn hellhörig.« Seine – wenn auch verdrängte – jüdische Herkunft und seine stets präsente Erinnerung an eigene Verfolgungen bewahrten ihm ein »feines Gespür für judenfeindliche Tendenzen« selbst dann, wenn sie sich hinter »philosemitischen Klischees« verbargen.

Zum Stolz auf die jüdischen Wurzeln der SPD gehört heute eine breite parteiöffentliche Rezeption und Diskussion jüdischen Welt- und Lebensgefühls und seiner Begründungen. Auf diesem Weg steht die SPD allerdings noch am Anfang.

Ludger Joseph Heid: »Peter Blachstein. Von der jüdischen Jugendbewegung zur Hamburger Sozialdemokratie. Biographie eines Sozialisten (1911–1977)«. VSA, Hamburg 2014, 392 S., 29,80 €

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  14.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026

ESC

Stiller Boykott?

Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue umstrittene Regel

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026