Medizintechnik

Auf die Beine stellen

Der ReWalk im Einsatz Foto: imago

Medizintechnik

Auf die Beine stellen

Der Israeli Amit Goffer lässt mit seinen Erfindungen Gelähmte wieder gehen

von Ralf Balke  26.10.2016 13:43 Uhr

Auf Augenhöhe mit jemandem zu reden, hat für Amit Goffer eine ganz besondere Bedeutung. Denn vor knapp 20 Jahren hatte der 1953 im Moschaw Kidron geborene Israeli einen schweren Unfall mit seinem Quad. Seither ist er querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Zwar hat er im Laufe der Jahre seine Behinderung akzeptieren gelernt. »Doch eines wollte ich nicht einfach so hinnehmen«, erklärt Goffer: »Warum gibt es für Menschen wie mich nur einen Stuhl auf Rädern, um sich fortbewegen zu können?«

Da muss es doch andere Möglichkeiten geben, dachte er sich und begab sich auf die Suche nach Alternativen. Schließlich hatte er in Elektrotechnik und Informatik promoviert und bereits vor seinem Unfall als Ingenieur reichlich Expertise auf dem Gebiet der Medizintechnik sammeln können. Also begann Goffer mit der Entwicklung von Hilfsmitteln, die Menschen wie ihm wieder ein Höchstmaß an Mobilität geben sollten.

Exoskelett Die Idee: Muskeln aus Stahl oder sogenannte Exoskelette. Erste Prototypen bastelte er im Alleingang in der heimischen Garage. Daraus entstand rasch auch eine Geschäftsidee. 2001 gründete der begnadete Tüftler das Start-up »Argo Medical Technologies« – übrigens nicht das erste und auch nicht das letzte Unternehmen seiner Art, das er ins Leben rufen sollte.

Am Ende stand der »ReWalk«, eine Art robotische Rüstung, die sich wie eine Hülle um den Körper des Gelähmten schmiegt und über vier leise surrende Elektromotoren die künstlichen Beingelenke in Gang bringt. Gesteuert wird die Konstruktion, die schon rein optisch aus einem Science-Fiction-Film stammen könnte, mittels eines 2,3 Kilo schweren Windows-Computers, der via Sensoren die Bewegungen seines Trägers registriert und in entsprechende Befehle umsetzt. »Die Person beherrscht das System, nicht umgekehrt«, betont Goffer. »Der Träger hat immer die volle Kontrolle. Wenn er oder sie sich hinsetzen möchte, dann geschieht das, weil man es so will. So funktioniert ebenfalls das Aufstehen und Gehen.«

Sogar Treppensteigen ist möglich. Batterien in einem Rucksack versorgen das Exoskelett mit Strom und halten es für rund drei Stunden am Laufen. Der Gang selbst sieht etwas ruckelig aus, was der Sache aber keinen Abbruch tut. Denn für Menschen mit einer Querschnittslähmung wird damit ein Traum wahr: »Sie kommen wieder auf die Beine.«

Im nordisraelischen Jokneam verlassen monatlich mehr als ein Dutzend der ReWalk-Geräte die Produktionsstätten. Beliefert werden Reha-Kliniken in aller Welt oder auch Interessierte, die sich so etwas leisten können. Je nach Ausstattung und Variante kostet ein solches Exoskelett »Made in Israel« bis zu 80.000 Euro.

Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, mithilfe von Roboterbeinen Menschen mit Behinderungen das Gehen zu ermöglichen oder aber Muskeln künstlich zu verstärken, um so das Tragen schwerer Lasten leichter zu machen. Meist scheiterten sie am Gewicht, wie der 1965 von General Electric entwickelte »Hardiman«, der fast 15 Zentner wog. Doch neue Materialien wie Karbon, leistungsfähigere Batterien und natürlich superschnelle Mikrochips haben der Prothesenentwicklung mittlerweile auf die Sprünge geholfen.

Börse Der ReWalk selbst erhielt 2011 die Zulassung der US-Gesundheitsbehörde für den Gebrauch in Kliniken; seit 2014 darf er auch an Privatpersonen verkauft werden. Und Argo Technologies, mittlerweile in »ReWalk Robotics« umbenannt, ging noch im selben Jahr an die New Yorker Technologiebörse Nasdaq.

Schlagzeilen machte das israelische Exoskelett 2012 bei den Londoner Paralympics. Claire Lomas, seit einem Reitunfall fünf Jahre zuvor ebenfalls querschnittsgelähmt, bewältigte damit einen Marathon – auch wenn sie für die Strecke 17 Tage brauchte. »Selbst die Leute bei ReWalk waren davon überrascht«, berichtete die Sportlerin. »Schließlich
ist es ein Unterschied, ob man mit dem Gerät durch ein Zimmer geht oder aber nach nur zwölf Wochen Training 42 Kilometer bewältigen kann.«

Nur einer konnte das Gerät nicht wirklich nutzen: Amit Goffer selbst, der sich im November 2015 als Chef von ReWalk Robotics in den Ruhestand verabschieden sollte. Der Unfall im Jahr 1997 hatte auch seine Arme so stark in Mitleidenschaft gezogen und seine Motorik derart eingeschränkt, dass der ReWalk als Gehhilfe nicht für ihn infrage kam. Das ließ ihm keine Ruhe, weshalb er weiterforschte und vergangenes Jahr den »UpnRide« erfand. Das Gerät sieht aus wie eine Kreuzung aus dem ReWalk und einem Segway. »Damit gelang es mir erstmals, 18 Jahre nach meinem Unfall, mich aufrecht zu bewegen«, erzählt Goffer stolz. »Das war für mich ein ebenso merkwürdiger wie aufregender Moment.«

neuentwicklung Nun wurde das Gerät auf der Rehacare 2016, die Ende September in Düsseldorf stattfand, auch hierzulande einem breiteren Publikum präsentiert. »ReWalk ist optimal für vielleicht zehn Prozent der betroffenen Querschnittsgelähmten«, erklärt Oren Tamari, CEO des ebenfalls in Jokneam beheimateten Unternehmens »UPnRide Robotics«, das Amit Goffer eigens für seine Neuentwicklung gegründet hatte. »Die anderen auf einen Rollstuhl angewiesenen Personen können die dafür notwendigen Krücken aber oftmals nicht bewegen. Für sie ist UpnRide eindeutig die bessere Lösung.«

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