Sehen!

»Auf der Suche nach Fritz Kann«

Schnelle Schnitte, hektische Bilder, gefilmt aus einem Helikopter, nur unterbrochen von der tänzerisch dargestellten Interaktion eines Elternpaares mit ihren beiden Kindern. Dann hört man eine Stimme aus dem Off. »Immer aufbrechen, niemals ankommen«, so der Sprecher. »Spuren, die ich verfolge, verirren sich in schlaflosen Nächten.« Was folgt, sind Zitate aus alten Familiendokumenten.

Auf diese collagenhafte und etwas sperrige Art und Weise steigt der Dokumentarfilmer Marcel Kolvenbach in die Geschichte von Fritz Kann ein, jenem Mann, mit dem seine Großmutter in erster Ehe verheiratet war. Und ganz plötzlich befindet man sich in der Großviehmarkthalle des Alten Schlachthofs in Düsseldorf, die heute den Campus der Hochschule der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt beherbergt. Zugleich ist diese auch ein Erinnerungsort. Denn von dort aus wurden fast 6000 Juden aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf in den Osten deportiert.

VERSCHLEPPUNG Einer von ihnen war Fritz Kann, und seine Verschleppung ereignete sich genau neun Monate vor der Geburt von Marcel Kolvenbachs Vater. Allein aufgrund dieser Daten besteht die Wahrscheinlichkeit, dass Fritz Kann sein Großvater sein kann. Aber nicht nur deshalb beschäftigt sich der Dokumentarfilmer mit dessen Schicksal. Vielmehr geht es ihm darum, der Vita einer Person auf den Grund zu gehen, über die der Mantel des Schweigens ausgebreitet wurde. Er will »die Erinnerungslücken in der eigenen Familiengeschichte füllen«.

Doch mehr als einen Namen hat Marcel Kolvenbach anfangs nicht. Dieser findet sich auf den Deportationslisten, zusammen mit den Namen vieler anderer, die von Düsseldorf aus in das Ghetto von Riga oder ins polnische Izbica verschleppt und anschließend ermordet wurden. Sukzessive gelingt es ihm durch seine Recherchen, den realen Menschen Fritz Kann und dessen Schicksal, das sich hinter einem nüchternen Eintrag in einigen Dokumenten verbirgt, wieder sichtbar zu machen.

Genau dieses Entreißen aus dem Vergessen ist die Stärke des Films – selbst wenn entscheidende Fragen am Ende offenbleiben. Das Konzept, die Erzählungen von Zeitzeugen immer wieder durch Tanz- und Pantomime-Performances, inszeniert von der israelischen Choreografin Reut Shemesh, unterbrechen zu lassen, wirkt dagegen etwas aufgeblasen und zu bedeutungsschwanger. Weniger hätte da mehr sein können.

Der Film »Auf der Suche nach Fritz Kann« läuft ab dem 12. Januar im Kino.

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Herbie Manns Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  16.06.2026

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Katrin Richter  15.06.2026

Kolumne

»Ich bin bloß eine Regenwolke!«

Von Winni Puch bis Tscheburaschka: Wie sowjetische Trickfilme gegen Antisemitismus helfen

von Eugen El  14.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Erst Kurt Krömer, dann Modi Rosenfeld: Shoppen und lachen

von Katrin Richter  14.06.2026

Aufgegabelt

Hähnchen-Schawarma mit Tahini

Rezept der Woche

 14.06.2026

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Musik

Mike D in Berlin: Ein Beastie Boy meldet sich zurück

Das Berliner Säälchen am Holzmarkt wird zur Kulisse des einzigen Deutschland-Konzerts des »Beastie Boys« Mike D. Hunderte Fans sind begeisterte Zeugen des überraschenden Comebacks ihres Idols

 12.06.2026