Fernsehen

Arte-Doku über unbekannte Seite von Unternehmer Ernst Leitz

Der Fotograf und Rabbiner Frank Dabba Smith hat eine vielschichtige Beziehung zu Deutschland. Aus »Die Nazis, der Rabbi und die Kamera«: Montag, 31. August, 01.55 Uhr arte Foto: © Andy Lehmann/Florianfilm

Am 1. März 1941 kommt im Haus Friedwart in Wetzlar eine illustre Festgesellschaft zusammen. Mitten im Zweiten Weltkrieg feiert Ernst Leitz II seinen 70. Geburtstag. In der hessischen Stadt ist heute noch der Hauptsitz der Leica Camera AG. Bereits in den 30er- und 40er-Jahren sind die hier produzierten Mikroskope und Kameras Exportschlager - nicht nur wegen ihrer zivilen Nutzung.

Propagandachef Joseph Goebbels und Hermann Göring, zweiter Mann in Adolf Hitlers Drittem Reich, gratulieren Ernst Leitz per Telegramm. Die Wehrmacht bedankt sich beim Firmenchef: »Die Erfolge in Polen, die Erfolge in Frankreich sind zum großen Teil mit Ihrer hervorragenden Optik durchgeführt worden.« Mit der handlichen Leica-Kamera dokumentieren Soldaten und Kriegsberichterstatter seit 1939 den vermeintlich unaufhaltsamen Siegeszug der deutschen Truppen.

Momentaufnahmen In einer Ansprache an seine Belegschaft rückt Ernst Leitz die Dinge ins stramm rechte Licht: »Unter der Führung unseres genialen Führers gehen wir in dem geeinten Deutschland einer Zukunft entgegen, die die größten Möglichkeiten in sich birgt.« Momentaufnahmen einer Bilderbuchkarriere unter dem NS-Regime? Nicht ganz, wie die Arte-Dokumentation »Die Nazis, der Rabbi und die Kamera«, zu sehen am 18. Mai ab 20.15 Uhr, herausarbeitet.

Zu den Protagonisten des 45-Minüters gehören Oliver Nass, Urenkel von Ernst Leitz II, und der US-amerikanische Fotograf und Rabbiner Frank Dabba Smith. »Meine Leica-Reise begann vor etwa 50 Jahren, als ich mir eine gebrauchte Leica M3 kaufte«, sagt Smith. Eher zufällig wurde er auf Berichte aufmerksam, wonach Ernst Leitz mehrere jüdische Mitarbeiter und deren Familien vor dem Holocaust rettete.

Smith ließ die Angelegenheit keine Ruhe. Im Jahr 1999 wandte er sich per Fax an den 2020 verstorbenen Enkel von Ernst Leitz, Knut Kühn-Leitz. Der hatte zwar ein enges Verhältnis zu seinem Großvater, wusste aber von diesem Teil der Familiengeschichte nichts. Zusammen mit Kühn-Leitz begann Smith, Nachforschungen anzustellen. Das Ergebnis: Hinter der Fassade des auch zu Kriegszeiten erfolgreichen Unternehmens versuchte Firmenchef Ernst Leitz zahlreichen, vor allem jüdischen Menschen in Not zu helfen.

Existenz »Wer bei ihm beschäftigt war, war Teil einer Großfamilie«, sagt Smith über Leitz. Davon profitierte letztlich auch die Familie von Heinrich Ehrenfeld. Er führte in Frankfurt das »Haus der Geschenke« und war früh in den Handel mit Leica-Kameras eingestiegen. In letzter Minute gelang Ehrenfeld und den Seinen die Flucht - mit tatkräftiger Unterstützung durch Leitz, der dafür sorgte, dass sich die Familie in den USA eine neue Existenz aufbauen konnte, wie Enkelin Jill Enfield - selbst Fotografin - berichtet.

In ihrer angenehm nüchtern gehaltenen Doku zeigen Claus Bredenbrock und Andre Schäfer auf ebenso berührende wie überzeugende Weise, dass Geschichte mehr ist als eine simple Unterteilung in gut und böse, in schwarz und weiß. Zugleich ziehen sie die Blende auf, streifen das Schweigen der Kriegsgeneration ebenso wie die Faszination für die Leica-Kameras und die damit verbundene Kunst der »Straßenfotografie« von Ikonen wie Henri Cartier-Bresson.

Im Fokus aber bleibt der Unternehmer Ernst Leitz, der bei seiner Geburtstagsfeier die angebliche Weitsicht des Führers lobte und von Hitlers Anhängern als »roter Leitz« geschmäht wurde. Er selbst wiederum sprach von den Nazis als »braune Affen« - und bemühte sich, denen in seiner Umgebung zu helfen, die später den Gelben Stern tragen mussten und von seinen Landsleuten der Vernichtung preisgegeben wurden.

Aufruf »Ich staune, wenn Leute sagen, jemand hätte mehr tun sollen, hätte mehr tun können«, sagt Jill Enfield. »Denn ich finde, dass du viel tust, wenn du eine Person rettest. Wird einer Person geholfen, und diese eine Person überlebt und hat zwei Kinder, und diese überleben und haben fünf Kinder, und die haben 15 Kinder, dann ergibt das ein Dorf.« Ein Aufruf zu mitmenschlichem Verhalten auch in dunklen Zeiten. Er bleibt bis heute gültig.

»Die Nazis, der Rabbi und die Kamera« wird am Donnerstag, den 18. Mai um 20:15 Uhr bei ARTE ausgestrahlt.

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