NS-Pädagogik

Arische Idylle

So idyllisch können Panzer sein: Im Oktober 1938 ziert das Kriegsgerät die Titelseite der NS-Schülerzeitschrift »Hilf mit!«. Gerade sind Wehrmachtstruppen in das Sudetenland einmarschiert, und die Waffenproduktion in Hitler-Deutschland läuft auf Hochtouren. Doch das Bild zeigt einen Panzer, auf dem fröhliche Kinder herumturnen. Die Botschaft ist subtil, aber wirksam: Kämpfen ist ein Spiel, Kinder! Und ihr seid dabei.

Mit einer Auflage von mehr als fünf Millionen Exemplaren gehörte »Hilf mit!« zu den auflagenstärksten Jugendzeitschriften der NS-Zeit. Jeden Monat gab sie der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) für die Schulen heraus. »So wurde eine ganze Generation sozialisiert und geprägt«, sagt der Erziehungswissenschaftler Benjamin Ortmeyer und nennt stellvertretend Namen wie Martin Walser, Helmut Schmidt und Günter Grass.

Generation Grass Zumindest für Letzteren ist belegt, dass er die Propagandazeitung gelesen hat. In seiner Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel schreibt der Schriftsteller, das NS-Blatt habe ihn zu einem ersten Schreibversuch im Sommer 1941 animiert, indem es »Preise für erzählende Prosa« ausgeschrieben habe. Grass’ Texte waren jedoch zu lang, und so verzichtete er auf die Einsendung – was der Autor rückblickend als günstige Fügung interpretiert: »So wurde mir die womöglich erfolgreiche Teilnahme an einem NS-Wettbewerb für Großdeutschlands schreibende Jugend erspart«, gesteht er 2006 in seinem umstrittenen Buch, in dem er auch seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS publik macht.

Wie stark »Hilf mit!« von den Schülern der Grass-Generation rezipiert worden ist und wie häufig Lehrer das rassistische Material im Unterricht verwendet haben, kann Forscher Ortmeyer heute nicht mehr nachweisen. Doch er ist sich sicher, dass die Publikation zur systematischen Umerziehung im Sinne der NS-Ideologie eingesetzt wurde. Sein Fazit: »Meistens war es nicht plumpe Propaganda, sondern sehr professionell gemachte Indoktrination.«

Spitzel Für die Forschungsstelle »NS-Pädagogik« an der Frankfurter Goethe-Universität, die der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik leitet, hat Ortmeyer die Zeitschriftenjahrgänge von Oktober 1933 bis September 1944 ausgewertet und überall das gleiche Muster entdeckt: »Zwei Drittel des Materials beschwören eine Idylle von gesunden deutschen Mädchen und Jungen.« Wohldosiert und in geringerem Umfang folgt primitive Propaganda für NS-Führer und Partei-Organisationen.

Hinzu kamen in Geschichten verkleidete, perfide judenfeindliche Artikel, in denen die Jugendlichen ab elf Jahren zu »forschendem Lernen« aufgefordert wurden. Etwa: »Findet mithilfe von Kirchenbüchern noch versteckte Juden heraus und enttarnt sie.« Oder: »Durchforstet die Bücherschränke Eurer Eltern nach ›jüdischem Gift‹!« So machte die Zeitschrift ihre Schüler zu Spitzeln in der eigenen Familie.

Ortmeyer weist nach, dass die für die NS-Erziehungsideologie zentralen Kategorien Antisemitismus und Rassismus systematisch über die Jugendzeitung verbreitet wurden. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die »Rassenkunde«. Zu den zentralen Dokumenten für den Unterricht gehörte eine Vorgabe des Reichserziehungsministeriums aus dem Jahr 1935. Eine der Anweisungen an die Pädagogen lautete: »Die Bedeutung der Vererbung gegenüber den Einflüssen der Umwelt ist herauszuarbeiten. Die Umweltlehre ist einer begründeten Kritik zu unterziehen.« Der Kerngedanke dabei sei, dass Umwelt und Erziehung Menschen zwar fördern, aber nicht die Anlage selbst ändern könnten, sagt Ortmeyer.

Blut Diesen Determinismus, der Menschen in Überlegene und Minderwertige qua Geburt einteilen sollte, verfolgte auch »Hilf mit!«. Anlässlich eines Wettbewerbs zum Thema »Volksgemeinschaft – Blutgemeinschaft« im Juliheft des Jahres 1938 erklärte der NS-Lehrerbund: »Es soll kein Knabe, kein Mädchen die Schule verlassen, ohne zur letzten Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutsreinheit geführt worden zu sein.«

Überrascht hat die Frankfurter Wissenschaftler die menschenverachtende Pädagogen-Hetze nicht, denn über die totalitäre Erziehung im Nationalsozialismus wurde bereits viel geforscht. Dennoch hat die konsequente Machart der Publikation Ortmeyer und die in das Forschungsprojekt eingebundenen Nachwuchswissenschaftler verblüfft: »Die geschickte Mischung aus Idylle, aktueller Nazipropaganda und antisemitischen Lesegeschichten wurde in allen Heften systematisch eingehalten«, sagt er. »Da muss es klare Richtlinien gegeben haben.«

Welche Köpfe aus dem NSLB für die Redaktion der Zeitschrift verantwortlich waren, hat Ortmeyer nicht in Erfahrung bringen können. Einer der führenden Autoren sei jedoch das SS-Mitglied Johann von Leers gewesen, ein Professor aus Jena, sagt Ortmeyer: »Er floh nach 1945 nach Ägypten und übersetzte später Mein Kampf ins Arabische.« Dort konvertierte der Antisemit auch zum Islam – und unterhielt nach Angaben des Historikers Kurt Daniel Stahl bis zu seinem Tod Kontakte zur internationalen rechtsextremen Szene.

Der Erziehungswissenschaftler Ortmeyer versteht seine Analyse der Jugendzeitschrift denn auch nicht als »rein historische Angelegenheit«. Der aktuelle Rassismus und Antisemitismus greife immer wieder auf die Denkfiguren der Vergangenheit zurück, sagt der Forscher: »Die Auseinandersetzung damit kann gerade in der Pädagogik dabei helfen, Ausgrenzung und menschenverachtende Ideologien zu erkennen.«

Benjamin Ortmeyer: »Indoktrination. Rassismus und Antisemitismus in der Nazi-Schülerzeitschrift ›Hilf mit!‹ (1933–1944)«. Beltz Juventa, Weinheim 2013, 154 S., 14,95 €

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