Noam Chomsky

An allem sind ...

Achtung, Spoiler-Alarm! Auf die Frage »Wer beherrscht die Welt?« kann es nur eine Antwort geben: selbstverständlich die »Schurkensupermacht« USA. Das jedenfalls behauptet der 1928 geborene amerikanische Linguist Noam Chomsky in seinem neuen Buch. Wie in einem Sündenregister listet er darin die unzähligen Verfehlungen der Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Außenpolitik auf.

In der arabischen Welt sowie in Afrika, Lateinamerika und Asien habe Washington im Namen von Freiheit und Demokratie in der Vergangenheit eine Blutspur gigantischen Ausmaßes hinterlassen, deren Folgen sich heute überall in Form von Bürgerkriegen, Elend und Unterdrückung manifestierten. Dabei ging es – so jedenfalls sieht es Chomsky – immer nur um die Interessen der amerikanischen Wirtschafts- und Politikeliten. Und um Israel – denn der jüdische Staat nimmt in seinem Parforceritt durch die Geschichte der letzten 100 Jahre einen prominenten Platz ein.

Mantra Die USA seien weltweit der größte Terrorist, lautet Chomskys Mantra. Dabei springt er reichlich erratisch und äußerst redundant von Thema zu Thema. Mal ist es der Irak und Afghanistan, dann El Salvador und immer wieder Kuba. Dabei wird nicht an dümmlichen Polemiken gespart. Einige Beispiele: So habe um den »brutalen Mörder und Folterer Ronald Reagan« ein Personenkult im Stile des nordkoreanischen Diktators Kim Il-Sung geherrscht; Ex-Außenminister Henry Kissinger sei nichts anderes als ein »Terroristenkommandant« gewesen; der norwegische Massenmörder Anders Breivik ein »ultrazionistischer Extremist« und Wahlen in den USA sowieso nur ein »Affentheater«.

Wer glaubt, bei dem »bekanntesten linken Intellektuellen« etwas über die Theorie der internationalen Beziehungen oder Bezüge zur Totalitarismusforschung zu erfahren, die zum besseren Verständnis des Behaupteten vielleicht ein wenig hätten beitragen können, wird bitter enttäuscht. Anders dagegen diejenigen, die fernab jeder Analyse eine Bestätigung ihres schlichten, weil ganz klar in Gut und Böse aufgeteilten Weltbildes suchen – sie kommen bei Chomsky voll auf ihre Kosten.

Das Ganze hat bei ihm Methode. Israel veranstalte einen »Amoklauf gegen die Hamas«, schreibt er und verweist darauf, dass allein der Gaza-Krieg des Sommers 2014 über 2100 Palästinenser das Leben gekostet habe. Israelische Opfer dagegen existieren für ihn nicht, denn weder sie noch Amerikaner können als solche diesen Status für sich reklamieren. Dafür entmündigt Chomsky geradezu alle, die nicht weißer Hautfarbe und Bürger eines westlichen Staates sind: Sie sind immer nur Opfer und nie verantwortlich für ihr Handeln. Schließlich reagieren die »Verdammten dieser Erde« nur auf das, was ihnen der Westen, vor allem das »Duo USA/Israel« seit Jahrzehnten antut. Auch ein Osama bin Laden, der von amerikanischen Soldaten doch so brutal »ermordet« wurde.

Hisbollah Chomskys Argumentationsweise ist deshalb genau von dem durchzogen, was er Amerika, Israel und mehr oder weniger auch Europa vorwirft: blanke Rassismus – nur eben spiegelverkehrt. So ist für ihn der kürzlich verstorbene venezolanische Präsident Hugo Chavez, der sein Land in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat, schon deshalb ein guter Mann, weil er »indianische Wurzeln« hatte.

Überhaupt fällt Chomsky durch seine Kritiklosigkeit und Nähe zu wenig sympathischen Zeitgenossen auf. Mit Hisbollah-Chef Nasrallah hatte er sich bereits 2006 zu einem freundlichen Gespräch getroffen. Daraufhin erhielt er – obwohl er Jude ist – Einreiseverbot nach Israel. Und auch Irans Ex-Präsident Ahmadinedschad ist für ihn nur ein Missverstandener, seine Vernichtungsdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat seien nichts anderes als die Aufforderung zu einem »Regimewechsel« in Israel gewesen, die absichtlich falsch interpretiert worden sei.

Eine iranische Bedrohung sei reine Fantasie und eine »westliche Obsession«. Neu ist das alles nicht, Chomsky repetiert in seinem aktuellen Buch schon x-mal von ihm Gesagtes. Besser wird es dadurch nicht.

Noam Chomsky: »Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik«. Übersetzt von Hainer Kober. Ullstein, Berlin 2016, 416 S., 24 €

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