Forschung

Am Puls der Start-up-Nation

Otmar D. Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemenschaft und Susanne Wasum-Rainer, die deutsche Botschafterin in Israel (v.l.) begrüßen die Gäste

Die Größe der Delegation spricht Bände über das Interesse am Forschungs‐ und Hightech‐Standort Israel. »Über 100 Mitglieder der Helmholtz‐Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren sind nach Tel Aviv gereist, um bei der Eröffnung unseres nunmehr vierten Auslandsbüros mit dabei zu sein«, freute sich ihr Präsident Otmar D. Wiestler.

»So eine rege Beteiligung hat es bis dato noch nie gegeben.« Für ihn ist die Einrichtung einer solchen Dependance in doppelter Hinsicht ein Signal: »Zum einen, weil wir bereits eine lange Tradition der intensiven Zusammenarbeit mit israelischen Institutionen haben.«

Den Anfang machte 1976 das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg. »Zum anderen ist es für uns von strategischer Bedeutung, genau dort Flagge zu zeigen und Partner zu suchen, wo die Besten zu finden sind. Und bei den großen Zukunftsthemen wie Mobilität, Cybersecurity oder Künstliche Intelligenz und Personalisierte Medizin zählt Israel heute einfach zur Weltspitze«, betonte Wiestler.

Schwerpunkt Wie eine Zusammenarbeit aussehen kann, ließ sich auf dem hochkarätig besetzten Symposium mit rund 200 Teilnehmern beobachten, das eigens für die Büroeröffnung auf die Beine gestellt wurde. Israelische und deutsche Forscher präsentierten hier ihre Projekte zu den sechs Helmholtz‐Forschungsschwerpunkten Gesundheit, Erde und Umwelt, Energie, Luft‐ und Raumfahrt sowie Verkehr, Materie und Schlüsseltechnologien.

Zuvor berichtete Ada Yonath – sie erhielt 2009 den Nobelpreis für Chemie – von ihren Erfahrungen als eine der Pionierinnen der deutsch‐israelischen Wissenschaftsbeziehungen. Auch sprach sie über ihren unstillbaren Forschungsdrang. »Ich wollte es einfach allen zeigen, was eine Frau leisten kann.«

Israelische und deutsche Wissenschaftler stellten nacheinander ihre Forschungen zu einem Thema vor – so wie Yehouda Enzel von der Hebräischen Universität Jerusalem und Achim Brauer, Sektionsleiter Klimadynamik und Landschaftsentwicklung am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) im Helmholtz‐Zentrum Potsdam. Beide beschäftigen sich mit dem Toten Meer als Archiv des Klimawandels. Enzel legt dabei den Fokus auf die Wasserproblematik.

»Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1960 können wir ein Auf und Ab nachweisen, das sich aber weitestgehend die Waage hält.« Brauer dagegen wirkte am ICDP Dead Sea Deep Drilling Project mit, um der Sensibilität des sterbenden Gewässers für Klimaveränderungen auf den Grund zu gehen. »Die dafür gesammelten Sedimente stammen aus Tiefen von bis zu 455 Metern und erlauben uns Rückschlüsse auf mehr als 200.000 Jahre hydroklimatischer Geschichte.«

Mondmission Auch in den Weltraum gab es einen Abstecher. Thomas Berger vom Deutschen Zentrum für Luft‐ und Raumfahrt (DLR) und Avi Blasberger, Generaldirektor der Israel Space Agency, zeigten ihren neuartigen Schutzanzug, der im Rahmen des »Matroshka AstroRad Radiation Experiment« gemeinsam entwickelt wurde und auf der geplanten NASA‐Orion‐Mondmission zum Einsatz kommen soll.

Lebhaft diskutiert wurde ebenfalls. Überall hörte man Deutsch, Englisch oder Hebräisch. »Aber die Sprache, die jede Grenze überschreitet und die wir alle verstehen, ist die Sprache der Wissenschaft«, wie der Mathematiker, Rabbiner und ehemalige Wissenschaftsminister Daniel Hershkovitz anmerkte. Hellmut Königshaus, Präsident der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft (DIG), war gleichfalls beeindruckt: »Hier wird der Boden bereitet, um das gegenseitige Verständnis auch jenseits von Forschung und Wissenschaft zu vertiefen.«

Tags darauf ging es weiter zur Innovationskonferenz nach Raanana. Wunsch der deutschen Delegation war es, Einblicke in das ganz spezifische Ökosystem der Start‐up‐Nation Israel zu gewinnen. Dies vermittelte unter anderem Maxine Fassberg, ehemals Chefin des israelischen Ablegers von Intel.

Can‐Do‐Mentalität »Flächendeckend lässt sich eine Can‐Do‐Mentalität beobachten«, sagte sie. Auch gebe es eine völlig andere Fehlerkultur, die Misserfolge nicht sanktioniert, sondern stets dazu ermutigt, erneut Risiken einzugehen. »Immer wieder stellen wir uns die Frage, wie kann man etwas anders und besser machen?«

Ein Highlight der Konferenz war die Begegnung mit Ex‐Mossad‐Direktor Tamir Pardo, der heute Unternehmen berät, wie sie sich am besten vor Angriffen aus dem Netz schützen. »Aber auch Forschung und Wissenschaft können betroffen sein, wenn Datenbanken vernichtet werden. Selbst ganze Staaten lassen sich durch Cyber‐Attacken außer Gefecht setzen«, betonte er.

»Die Folgen für die politische Kultur lassen sich kaum abschätzen.« Pardos Fazit: »Wir haben es mit einer Art stiller Atombombe zu tun.« Der vielfältige Input hinterließ bei der deutschen Delegation tiefe Eindrücke. »Ich bin überzeugt, dass wir von der Kreativität und dem Unternehmergeist hier eine Menge lernen können«, brachte es Helmholtz‐Präsident Wiestler auf den Punkt.

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