Literatur

Am Ende der Welt

Stefan Zweig (1881–1942) Foto: Ullstein

Literatur

Am Ende der Welt

Vor 75 Jahren nahm sich der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig im Exil das Leben

von Wilhelm Roth  21.02.2017 19:53 Uhr

Stefan Zweig ist – neben Thomas Mann und Bertolt Brecht – der wohl berühmteste deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts. Besonders populär war er in der Zeit zwischen den Weltkriegen, aber auch nach 1945 wurden seine Bücher viel gelesen, etwa die historischen Miniaturen Sternstunden der Menschheit oder die Schachnovelle.

Vor seinem 75. Todestag am 23. Februar ist das Interesse an Stefan Zweig wieder neu aufgeflammt: Im vergangenen Jahr kam Maria Schraders Film Vor der Morgenröte in die Kinos, der womöglich in den nächsten Tagen einem Oscar erhalten wird; George Prochnik verfasste eine neue, viel gelesene Biografie (Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt).

NS-Zeit Dieses neue Interesse hat mehrere Gründe. Leben und Werk des überzeugten Europäers Zweig sind eine Mahnung für die Europäer von heute. Der Schriftsteller, der in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 im brasilianischen Exil Suizid beging, war verzweifelt über die politische Entwicklung in Europa. »Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt«, schrieb er in seiner nachgelassenen Autobiografie Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers. Heute, wo Europa aus nationalistischen Motiven nicht zu einer wirklichen Zusammenarbeit finden kann, liest man Stefan Zweig mit neuer, geschärfter Aufmerksamkeit.

Sein Weg von der Geburt am 28. November 1881 in Wien bis zum Tod in Petrópolis nahe Río de Janeiro führte Stefan Zweig fast durch die ganze Welt. Er stammte aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus, widmete sich früh der Literatur, unternahm noch vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Reisen, bis nach Amerika und Indien. Seinen festen Wohnsitz hatte er von 1919 bis zur Emigration 1934 in Salzburg. Er begegnete zahlreichen Künstlern und Politikern wie Auguste Rodin und Walther Rathenau. 1926 hielt er in Wien die Grabrede für Rainer Maria Rilke, 1929 für Hugo von Hofmannsthal. 1939 sprach er am Grab von Sigmund Freud in London.

In der Autobiografie erzählt Zweig sein Leben bis zum Kriegsbeginn 1939. In ihrer Mischung aus persönlicher Erinnerung und historischer Darstellung und Interpretation erweist sie sich als Meisterwerk und lässt die Geschichte in großer Intensität nacherleben. Vor allem liest man sie aber auch als Warnung »vor dem Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat«.

Verlust Die erwähnte neue Zweig-Biografie von George Prochnik sieht denn auch im Schmerz über den Nationalsozialismus und in Zweigs Verlust der Heimat die Hauptursachen für den Suizid des Dichters. Prochnik zitiert Zweigs Freund und Nachlassverwalter Richard Friedenthal: »Aus Freundschaften erwuchs ihm sein Werk in den Anfängen, Freundschaften haben es immer wieder genährt und gesteigert, und aus dem Mangel an lebendigem Kontakt mit seinen Freunden, an dem Heimweh nach den Menschen, die ihm wert waren, ist er zugrunde gegangen.«

Unter deutschen Emigranten war der gemeinsam mit seiner Frau Lotte begangene Suizid sehr umstritten. Der Schriftsteller Franz Schoenberner schrieb in der amerikanischen Zeitschrift The New Republic: »Er hatte nicht das Recht, seine Kameraden mitten im Kampf zu verlassen.« Zweig aber war kein politischer Aktivist wie viele Emigranten, kein Kämpfer.

Dass Stefan Zweig heute wieder so gegenwärtig ist, hat auch einen juristischen Grund: 70 Jahre nach dem Tod eines Autors werden die Rechte an seinem Werk frei. So haben zwei Theater, die Schaubühne in Berlin und das Staatstheater in Wiesbaden, Zweigs einzigen Roman Ungeduld des Herzens in jeweils eigenen Fassungen auf die Bühne gebracht. Der Schweizer Verlag Diogenes veröffentlichte jüngst eine fünfbändige Taschenbuch-Edition. Und pünktlich zum Todestag von Zweig zeigen Dokumentationen im Fernsehen eindringlich Stationen aus seinem Exil.

Brasilien Sein Leben nach der Flucht führte ihn über England und New York nach Brasilien. Finanziell litt Zweig nie Not, er konnte sogar Schriftstellerkollegen wie Joseph Roth und Ernst Weiß durch monatliche Renten unterstützen. Sein Wunsch aber, Brasilien zu seiner neuen Heimat zu machen, scheiterte.

An seine Freunde schrieb er: »So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.«

Tobias Korenke

Tobias Korenke

»Jetzt sind wir als Nachgeborene gefordert«

»Grandios gescheitert«: So hart urteilt Historiker Tobias Korenke über die deutsche Erinnerungskultur. Und hat Änderungsvorschläge. Bonhoeffer-Nachfahre zu sein, hat für ihn durch den AfD-Aufschwung eine neue Bedeutung

von Karin Wollschläger  08.11.2026

Blick aus einem Fenster der Höß-Villa auf Gebäude des ehemaligen KZ Auschwitz

Auschwitz

»Mein Großvater war der größte Massenmörder aller Zeiten«

Kai Uwe Höss ist der Enkel von Lagerkommandant Rudolf Höß. Wie lebt es sich mit dieser familiären Bürde?

 08.11.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Plakat mit der Aufschrift Nie wieder ist jetzt

Gedenken zum 9. November

»Nie wieder«: Ein Appell in der Kritik

In diesen Tagen wird der Opfer der NS-Pogrome von 1938 gedacht. Anlass, öffentlich »nie wieder« zu fordern. Wegen des aktuellen Antisemitismus wollen manche das jedoch nicht mehr hören. Schlaglichter auf eine Debatte

von Leticia Witte  08.11.2026

Tasche mit der Aufschrift Anne Frank – 30 Jahre Anne Frank Zentrum

Berlin

Anne Frank Zentrum: Holocaustleugnung bei Jugendlichen nimmt zu

Die Leiterin des Anne Frank Zentrums Berlin warnt vor Falschinformationen zur NS-Zeit in Sozialen Medien. Ein Grund für die Wissenslücken könne auch ein rückläufiger Stellenwert im Schulunterricht sein, sagt sie

 08.11.2026

Oper

»Da ruft mich jemand«

Das Theater Osnabrück erinnert mit einem eigens komponierten Stück an Peter van Pels. Der Gefährte von Anne Frank im Versteck wurde vor 100 Jahren geboren

von Claudia Irle-Utsch  08.11.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 08.11.2026

Ruth Ur im Exilmuseum

Berlin

Das Exil ist überall – Berlins neues Museum schlägt Brücken

Während der NS-Zeit war Berlin für viele ein Ort, den sie verlassen mussten. Ein neues Museum verbindet ihre Geschichten mit heutigen Exil-Erfahrungen

 08.11.2026

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026