Karl Kraus

»Als ob man zum ersten und zum letzten Mal schriebe«

Karl Kraus (1874-1936) Foto: picture alliance / Heritage Images

Karl Kraus

»Als ob man zum ersten und zum letzten Mal schriebe«

Zum 150. Geburtstag des großen Literaten und Satirikers

von Vladimir Vertlib  26.04.2024 10:14 Uhr

Er hielt Frauen für das sinnlichere, aber geistig unterlegene Geschlecht, verteidigte sie aber gegen die Verachtung und Doppelmoral der Männer seiner Zeit, er fand den Zionismus lächerlich, relativierte aber später seine Meinung, zu Hitler fiel ihm angeblich nichts ein, und doch bekämpfte er sein Leben lang alles, was den Faschismus in seinem innersten Wesen verkörperte – Chauvinismus, Kriegsgeschrei, Manipulation und hohle Phrasen. Er war sozial engagiert, ein linker Konservativer, der die Welt verändern wollte, die Moderne jedoch scharf kritisierte, und ein Satiriker, der es todernst meinte.

Der vor genau 150 Jahren geborene Karl Kraus wäre heutzutage wahrscheinlich ein erfolgreicher Blogger, vielleicht sogar ein eifriger Facebook-Poster und TikTok-Star, der gegen die Oberflächlichkeit und düstere Macht der sozialen Netzwerke genauso anschreiben, wie er sie gleichermaßen geschickt ausnützen und von ihnen profitieren würde.

Seine Angriffe waren immer persönlich

Kraus war jemand, der in Zeiten der Polarisierung immer noch ein Scherflein zulegte. Er war durch seine Polemiken, durch seinen analytischen Geist, aber auch durch seine satirische Brillanz berühmt. Seine Angriffe waren immer persönlich. Ein »sachlicher Kampf gegen Korruption« könne immer nur ein persönlicher sein, meinte er. Damit wäre er heute gewiss noch erfolgreicher als damals.

Der am 28. April 1874 in der böhmischen Stadt Jičín geborene Sohn eines jüdischen Fabrikanten verbrachte fast sein ganzes Leben in Wien. Dass er schon 1936 starb, war für ihn vielleicht ein Segen, denn der erfolgreiche, gleichermaßen geliebte wie gehasste Autor und Herausgeber der Zeitschrift »Die Fackel« hatte eine leidenschaftliche, ja beinahe sakrale Beziehung zur deutschen Sprache. Der wortgewaltige Sprachpurist, dem das intellektuelle und künstlerische Milieu Österreichs und die Abgründe dieses Landes stets Heimat und Herausforderung waren, wäre im Exil wohl geistig und emotional zugrunde gegangen.

»Man muss jedesmal so schreiben, als ob man zum ersten und zum letzten Mal schriebe«, meinte Karl Kraus. Diese absolute Hingabe an das geschriebene Wort konnte er in der Presse seiner Zeit nicht finden; vielmehr empörte er sich über Klischees, zeitgeistige Impressionen und Opportunismus in den Medien.

Das kriegstreibende Pathos der Jahres 1914 war ihm zuwider

Das patriotische, kriegstreibende Pathos des Jahres 1914 war ihm besonders zuwider. Als einer von nur wenigen Literaten deklarierte er sich von Anfang an als Kriegsgegner. In der brillanten Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit«, an der er viele Jahre gearbeitet hatte, stellte er das Grauen und die Absurdität des Krieges und den damit verbundenen Zynismus und das Mitläufertum abseits der Front dar.

Weniger hellsichtig erwies er sich in seinen letzten Lebensjahren, als er sich vom autoritären Ständestaat, der die Demokratie in Österreich beseitigte, nicht distanzierte.

Aphorismen wie »Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst die Zwerge lange Schatten« bleiben auf ewige Zeit treffend.

Was sagt uns Karl Kraus heute? Manches, was er lautstark verkündete, hat weiterhin Gültigkeit. Die letzten Tage der Menschheit sind mehr als nur ein Zeitdokument. Aphorismen wie »Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst die Zwerge lange Schatten« bleiben auf ewige Zeit treffend. Anderes hingegen wirkt heute unfreiwillig komisch.

Dass sich »der Geist des Mannes« an der »Sinnlichkeit des Weibes« (sic!) ausgerechnet »Erneuerung« hole, war auch vor mehr als 100 Jahren schon eine reaktionäre und verschrobene Ansicht. Dass die Psychoanalyse jene »Geisteskrankheit« sei, »für deren Therapie sie sich hält«, glauben hingegen immer noch viele. Manche Konflikte, die Kraus in der »Fackel« oder anderswo aufgriff, sind längst ausgefochten, Zeitgenossen, gegen die er polemisierte, verstorben und oftmals zu Recht vergessen.

Sorgfältiger Umgang und Respekt vor der Sprache

Sorgfältiger Umgang und Respekt vor der Sprache »Nichts trostloser als seine Adepten«, schrieb Walter Benjamin über jene Autorinnen und Autoren, denen Kraus als Vorbild diente. Hierbei kann man natürlich geteilter Meinung sein. Der äußerst sorgfältige Umgang mit und der Respekt vor der Sprache ist eine Grundvoraussetzung, um heute als »Adept*in« akzeptiert zu werden.

Mit der »sittlichen Verantwortung«, der sich Kraus verpflichtet fühlte und die er auch von anderen einforderte, werden seine vermeintlichen Nachfolger*innen drei Generationen später – ob Essayist*innen, Blogger*innen, Moderator*innen und Internet-Celebrities aller Art –leider etwas wenig anfangen können, weil der besagte Ausdruck viel mehr bedeutet als Haltung, Ethik und Moral. Es ist auch mehr als ein bestimmter Verhaltenskodex, dem man sich verpflichtet hat.

In der sittlichen Verantwortung ist vielmehr die Forderung enthalten, Querverbindungen herzustellen, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, letztlich also die Konsequenzen des eigenen Tuns oder Lassens mehr als nur ein oder zwei Schritte vorausdenken zu können.

Konsequenterweise hat sittliche Verantwortung auch etwas mit Respekt und Empathie zu tun. Diese Eigenschaften sind aber heute in der Medienbranche leider noch seltener anzutreffen als in Zeiten eines Karl Kraus. Vielleicht sollten wir ihn öfter lesen, um uns diese Eigenschaften wieder anzueignen!

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