Niederlande

Zwischen BDS und Geert Wilders

Auf dem Podium: Bart Schut, Robert Vuijsje, Alon de Lieme und Robbert Baruch (v.l.) Foto: Tobias Müller

Der Tenor in Social-Media-Foren war im Vorfeld recht deutlich: Parteien, die Antisemitismus verharmlosen, gegen Israel sind und gute Beziehungen zur BDS-Bewegung unterhalten, kämen für jüdische Wähler selbstverständlich nicht infrage. Die Frage, die die Liberaal-Joodse Gemeen­te in Amsterdam (LJG) vergangene Woche auf einer Podiumsdiskussion erörtern wollte, schien in den meisten Online-Kommentaren schon zuvor eine rein rhetorische.

Nun ist es nicht so, als wäre da nie etwas gewesen: Seit jeher, sagt der Amsterdamer Schriftsteller Robert Vuijsje, habe das Eintreten der Partij van de Arbeid, der niederländischen Sozialdemokraten, für die Schwachen in der Gesellschaft auch die Juden mit eingeschlossen. Vuijsje sitzt vor dem vollen Gemeinschaftssaal, rund 100 Menschen sind gekommen, meist mittleren und gehobenen Alters, Frauen und Männer. Die Resonanz zeigt, dass die Frage zumindest einen Teil der Juden in der Hauptstadt keineswegs kaltlässt.

Präferenz Vuijsje, einer der bekanntesten jüdischen Publizisten des Landes, moderiert die Debatte. Neben ihm sitzen Alon de Lieme, Mitglied der progressiv-liberalen Partei D66 und im Europawahlkampf für Emmanuel Macrons Bewegung En Marche aktiv, Robbert Baruch, Sozialdemokrat und ehemaliger Rotterdamer Lokalpolitiker, und Bart Schut, stellvertretender Chefredakteur des Nieuw Israëlitisch Weekblad (NIW).

»Es hat sich heute von links nach rechts verschoben«, sagt Vuijsje und meint die politische Präferenz vieler Juden. »Es heißt, man könne der Linken nicht mehr vertrauen.«

Natürlich betrifft das Thema nicht nur die Niederlande. Aber im hiesigen Kontext bedeutet es: Sozialdemokraten, die sich jahrelang vor allem auf die muslimische Wählerschaft konzentriert haben, linke Politiker, die allzu oft auf dem islamistischen Auge blind sind, progressive Parteien, die mehrheitlich ein Schächtverbot unterstützen, das unlängst wieder auf der politischen Agenda landete. Hinzu kommt natürlich Geert Wilders, einer der ersten europäischen Rechtspopulisten, der sich klar proisraelisch positioniert und mit großem Nachdruck den Antisemitismus anprangert.

Rabbiner und Gemeindevorsitzende war­nen vor Wilders. Doch bei zahlreichen jüdischen Wählern trifft er auf Gehör.

Rabbiner und Gemeindevorsitzende war­nen vor Wilders. Doch bei zahlreichen jüdischen Wählern trifft er auf Gehör. Vor diesem Hintergrund skizzieren die Diskutanten im Gemeinschaftssaal ihre Standpunkte: NIW-Redakteur Schut verreißt in einer kurzen Analyse weitestgehend das gesamte linke Spektrum, von radikal bis liberal – eine Argumentation, die seit einigen Jahren unter jüdischen Niederländern durchaus populär ist.

Alon de Lieme nuanciert: »Zu implizieren, die Linke sei antisemitisch, finde ich sehr seltsam. Antisemiten gibt es überall. Und wenn im Parlament einmal laut etwas gegen Israel gesagt wird, dann schaut doch einfach mal, wie es in der Knesset bei diesem Thema zur Sache geht.« Robbert Baruch wiederum ist eindeutig: »Linke Werte sind jüdische Werte! Also kann man als Jude nicht nur links wählen, man muss es sogar!«

annäherungsversuche Das Publikum nimmt lebhaft teil. Man kritisiert deutlich den vermeintlich zu rechten Kurs des NIW und die Annäherungsversuche durch Rechtspopulisten wie Wilders und Thierry Baudet. Man er­örtert den Einfluss der BDS-Bewegung und analysiert, welche niederländischen Politiker denn »zumindest koscher« seien. Und fast am Ende wendet eine Frau ein: »Es ist prima, über Israel und Antisemitismus zu sprechen, aber in der Hauptsache ist Links doch letztlich etwas Sozioökonomisches!«

Natürlich sind anderthalb Stunden angeregte Diskussion bei Weitem nicht genug für dieses Thema. Kaum verwunderlich also, dass sie in sozialen Netzwerken noch einige Tage weitergeht. Der dominierende Tenor jedoch bleibt unverändert: Die meisten haben das Vertrauen in linke Parteien verloren.

Brit Mila

»Belgien wird nun in der ganzen Welt als antisemitisch gelten«

Die geplante Anklage von zwei jüdischen Beschneidern führt wieder zu schweren politischen Verwerfungen: Israels Außenminister Gideon Sa’ar und US-Botschafter Bill White sprechen von einem »Schandfleck«

von Michael Thaidigsmann  06.05.2026

Großbritannien

Geschworene sprechen »Palestine Action«-Aktivisten schuldig

Die Mitglieder der mittlerweile als terroristisch eingestuften Organisation hatten eine Niederlassung des israelischen Konzerns Elbit Systems in Bristol verwüstet und eine Polizistin schwer verletzt

 06.05.2026

Geburtstag

»I’m Not in Love«: Graham Gouldman wird 80

Mit seiner Band 10cc, aber auch frühen Kompositionen für andere Künstler, darunter »No Milk Today«, schreibt er Musikgeschichte. Nun ist er alt, wirkt aber jung

von Imanuel Marcus  06.05.2026 Aktualisiert

New York

Ausschreitungen vor Park East Synagogue

Israefeindliche Demonstranten versammeln sich vor dem Gotteshaus. Tumultartige Szenen werden gemeldet

 06.05.2026

Antisemitismus

Londoner Polizei gründet Spezialeinheit zum Schutz von Juden

»Britische Juden stehen inzwischen auf den Feindlisten nahezu aller extremistischen Strömungen«, sagt ein Polizeisprecher

 06.05.2026

250 Jahre USA

Trump ruft »Monat des jüdisch-amerikanischen Erbes« aus

Der Präsident würdigt die Beiträge von Juden seit Gründung der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren

 06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

USA

Antisemitische Empörungswelle gegen Sesamstraße

Nach einem Post zum Monat des jüdisch-amerikanischen Erbes überschlagen sich die hasserfüllten Kommentare

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Der Antisemitismus und wie Sir Tony ihn (nicht) sah

Nach der Messerattacke auf zwei Juden in Golders Green hat ein ehemaliger britischer Diplomat der »Times« einen Leserbrief geschickt. Er verdeutlicht, warum einem als Jude in Großbritannien mulmig zumute sein muss

von Stephen Pollard  05.05.2026