USA

Zurück zu den Wurzeln

Welche jüdische Mutter wünscht sich nicht eine erfolgreiche Karriere für ihren Sohn – als Arzt, Anwalt oder mindestens als Anlageberater. »Bio-Bauer« steht dabei nicht unbedingt auf der mütterlichen Wunschliste. Doch genau das wollte der Student Daron Joffe werden, als er Mitte der 90er-Jahre sein Studium an der Universität von Wisconsin nach nur einem Semester abbrach. Ein Truthahnsandwich hatte ihm die Erleuchtung gebracht. »Ich habe mich gefragt, wo die verschiedenen Zutaten wohl herkommen und ob es möglich wäre, sie alle selbst herzustellen«, erzählt Joffe.

Heute produziert und verkauft Joffe als »Farmer D« in Atlanta Kompost, Düngemittel und Hochbeete unter einer eigenen Produktlinie, sowohl im Internet als auch an Einzelabnehmer im Laden und an Biosupermärkte. Daneben berät er städtische und private Grundbesitzer, Krankenhäuser, Schulen und Resorts bei Planung, Errichtung und Pflege ihrer Grünanlagen und Gemüsebeete. »Gärtnern ist das neue Golfen«, sagt Joffe und lacht.

appell Neben der Freude an der Arbeit in und mit der Natur will Joffe seinen Kunden aber vor allem Gemeinschaftssinn, Geschäftstugenden und das Verständnis für soziale Gerechtigkeit und umweltverträgliche Landwirtschaft vermitteln. Vor wenigen Wochen ist sein erstes Buch, Citizen Farmers, erschienen, ein leidenschaftlicher Appell an jeden Einzelnen, einen Beitrag – ob in Garten, Küche oder Klassenzimmer – für ein gesünderes, umweltverträglicheres Ernährungssystem zu leisten.

Joffe versteht sich als Botschafter des »Urban Gardening«, das er auch für einen Weg hält, die jüdische Identität zu stärken. »Viele Menschen fühlen sich von den Themen Anbau, Ernährung und soziale Gerechtigkeit angesprochen und finden so zum Judentum mit seiner Tradition, Geschichte und Religion zurück«, sagt Joffe.

Elaine Lupovitch, Mitbegründerin von »Garden Dreams Houston«, einer Kombination aus Obstfarm und Marmeladenfabrik in Texas, kann das nur bestätigen. »Indem wir Bäume pflanzen, Gärten anlegen und Gemüse anbauen, bringen wir uns wieder mit dem Ursprung unserer Lebensmittel in Kontakt, stärken das Gefühl für uns selbst und vertiefen so unsere Verbindung zu Gott«, sagt die Gymnasiallehrerin. »Das ist Tikkun Olam ›at its best‹.«

Tikkun Olam Am Jewish Community Center (JCC) in San Francisco, Kalifornien, lehrt David Gardella, Spezialist für Landwirtschaft im städtischem Raum, in Workshops und Exkursionen ein, wie er es nennt, »Tikkun Olam im Kleinformat – denn die meisten Bewohner von San Francisco haben nicht viel Platz«. Mithilfe eines Dachgartens und eines Gewächshauses lernen Gartenbaufreunde im Alter von zwei bis 86 Jahren zum Beispiel, dass man in San Francisco wegen des Seeklimas statt Tomaten lieber Grünkohl pflanzen sollte und dass junge Triebe nicht schneller wachsen, wenn man an ihnen zieht. »Gartenbau heißt auch, Geduld und Vertrauen in die Natur haben und zu erkennen und zu akzeptieren, dass man nicht alles beeinflussen kann«, sagt Gardella. Dies kann eine durchaus heilsame Selbsterkenntnis sein.

»Farming« ist nicht nur eine soziale und sinnliche, sondern auch eine zutiefst spirituelle Erfahrung. »Das Verständnis für Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung verschafft innere Klarheit und Stärke. Die Erkenntnis, Teil eines immerwährenden Lebenszyklus zu sein, kann den Weg zur eigenen Spiritualität und Religiosität ebnen«, ist Shamu Sadeh vom Isabella Freedman Retreat Center, einem Biohof in Connecticut, überzeugt.

Unter dem Schirm der gemeinnützigen Organisation Hazon mit Sitz in New York produziert das Center je nach Saison Gemüse, Obst und Ziegenkäse, organisiert Ausflüge und Schul- sowie Familienprogramme und vergibt das »Adamah Jewish Environmental Fellowship« für jüdische Erwachsene zwischen 20 und 32 Jahren, ein Stipendium für ein dreimonatiges Training, das biologischen Anbau mit dem Lernen von jüdischen Traditionen verbindet.

suppenküchen Ins Leben gerufen wurde das Stipendium von Adam Berman, früherer Geschäftsführer des Isabella Freedman Jewish Retreat Center. Gewissermaßen als Ableger von Adamah gründete Berman 2010 die ähnlich klingende Organisation Urban Adamah, die Stipendien vergibt, Sommercamps und Workshops veranstaltet, ehrenamtliche Helfer an soziale Projekte vermittelt und lokale Tafeln und Suppenküchen beliefert.

Berman legt Wert darauf, dass jüdische Feiertage begangen werden. »An den Gebeten und Ritualen, die voll von Natur und Ackerbau sind, zeigt sich, dass Landwirtschaft zu unserem Erbe gehört.« In der Tat ist Seder »Zera’im« (Aussaat), eines der Kapitel der Mischna, der Landwirtschaft gewidmet. »Es enthält eine kraftvolle Aussage über unsere Verantwortung gegenüber den Bedürftigen und den Umgang mit unserem Eigentum«, sagt Rabbinerin Jill Jacobs, geschäftsführende Leiterin von T’ruah: The Rabbinic Call for Human Rights in New York.

Die jüdische Tradition und Lehre inspiriert auch die Mitarbeiter der Ekar Farm in Denver, Colorado. »Aktuelle Statistiken zeigen, dass einer in sieben Haushalten in den USA und speziell in Colorado unter Hunger oder Mangelernährung leidet«, sagt Aaron Ney, Ekars geschäftsführender Leiter.

Obdachlose Unter dem Motto »Vom Esser zum Erzeuger« bewirtschaftet Ekar seit über fünf Jahren einen Community Garden sowie eine Farm, die 75 Prozent ihrer Erträge (jährlich insgesamt mehr als 3600 Kilogramm) an Bedürftige in Obdachlosenunterkünften oder Seniorenheimen vergibt. »So können wir über 4000 Menschen helfen«, berichtet Ney stolz.

Ursprünglich als Wohltätigkeitsprojekt gedacht, erweitert sich Ekar immer stärker zu einer Bildungs- und Erziehungsstätte für Umweltschutz, gesunde Ernährung und soziales Engagement. »Das Judentum schreibt Zedaka, die soziale Gerechtigkeit und die Beseitigung von Ungleichheit durch Wohltätigkeit, sehr groß«, betont Ney. »Indem wir die Erde befruchten und den Nächsten mit ihren Früchten versorgen, nähren wir unsere Seele.«

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