Radio

Zürcher Sendungsbewusstsein

»Eine Art Traumjob für mich«: Radiomoderator Jonathan Schächter (34) Foto: SWR

Radio

Zürcher Sendungsbewusstsein

Der Schweizer Jonathan Schächter moderiert die »Morningshow« im Südwestrundfunk

von Peter Bollag  23.01.2017 18:31 Uhr

Baden-Baden und Zürich – das sind die beiden Fixpunkte im Leben von Jonathan Schächter. Der 34-jährige Radiomoderator wuchs in der Schweizer Metropole auf und hat dort noch immer sein soziales Umfeld. In Baden-Baden, dem Sitz des Südwestrundfunks (SWR), fand er vergangenen Sommer seine berufliche Heimat.

Seit dem 1. August moderiert Schächter, der bereits mit 13 Jahren zum ersten Mal in ein Radiomikrofon sprach, zusammen mit Anneta Politi die beliebte Morningshow auf SWR3, dem Radioprogramm, das sich vor allem, aber nicht ausschließlich, an junge Hörer wendet.

Der 1. August als Datum für seinen Start in der Bäderstadt war nicht zufällig gewählt. Denn an diesem Tag feiert die Schweiz Geburtstag. Und Schächter ist beim SWR wohl auch ein wenig »der Schweizer« – selbst wenn oder gerade weil er sich darum bemüht, ein möglichst neutrales Hochdeutsch zu sprechen und nicht der Klischeevorstellung der deutschen Hörer zu entsprechen.

Schächter und die aus Griechenland stammende Anneta Politi sind ein Duo. Sie wechseln sich im Zweiwochenrhythmus mit dem seit vielen Jahren moderierenden Duo Sascha Zeus und Michael Wirbitzky ab, die als »der Bayer und der Rheinländer« bekannt sind und diese Karte auch gerne ausspielen.

Fernsehen Schächter kennt die Tücken, mit einem Klischee zu spielen: »Schweizer in Deutschland zu sein, hat nicht nur Vorteile.« Es könne durchaus sein, dass sich der eine oder andere Hörer fragt, warum es denn nötig sei, einen Schweizer Radiomoderator zu engagieren. »Bis jetzt ist aber alles gut gegangen«, sagt Jonathan Schächter, den fast alle nur »Jontsch« nennen – eine Art Verballhornung seines Vor- und Nachnamens.

Immerhin hat er in Deutschland auch schon Fernseherfahrung gesammelt. So moderierte er vor einigen Jahren im Digitalsender EinsPlus die Spielshow Wer’s bringt, gewinnt. Doch Schächter hat nicht vergessen, dass es vor ein paar Jahren bei einem Zürcher Privatsender eine deutsche Radiomoderatorin gab, die derart angefeindet, ja sogar bedroht wurde, dass sie ihre Zelte in der Schweiz schnell wieder abbrach. »So etwas ist natürlich ein Albtraum«, sagt er dazu.

Doch davon scheint bei ihm keine Rede zu sein. Die »Schweizer Karte« sticht voll mit Schächter. So hat er vor ein paar Monaten, zusammen mit ausgewählten Hörern, eine der beliebten Reisen des Senders unternehmen können. Diese führte – natürlich! – in die Schweiz und durch den neuen Gotthard-Basistunnel, den längsten Eisenbahntunnel der Welt. Der Radiomoderator präsentierte ihn, neben vielen weiteren Sehenswürdigkeiten, seinen Mitreisenden derart stolz, als hätte er ihn eigenhändig erbaut.

Jüdischsein Ein wenig zurückhaltender geht Schächter mit seinem Judentum um, auch wenn er daraus kein Hehl macht: »Mit meinem Namen wäre das auch etwas schwierig«, sagt er und grinst – er, der nach einer soliden jüdischen Erziehung in einem orthodoxen Elternhaus an der prestigeträchtigen New Yorker Yeshiva University Soziologie studiert hat.

Im Herbst, einige Tage vor Rosch Haschana, hatte er die Idee, die Bedeutung der jüdischen Feiertage im Radio kurz zu erläutern. Doch er musste feststellen, dass das nicht ganz so einfach ist, wie er sich das aus Schweizer Sicht vorgestellt hatte. »Man sagte mir, das sei schwierig, weil die Zeiten für die einzelnen Religionsgemeinschaften im Sender streng reglementiert sind.« Es hätten dann eben auch Muslime, Katholiken, Protestanten oder andere das Recht, ihre jeweiligen Feiertage zu erklären. »Das würde das Sendekonzept von SWR3 deutlich durcheinanderwirbeln«, meint Schächter.

Trotzdem hat sein Judentum den einen oder anderen Einfluss auf seine Arbeit: So zeichnete er zum Beispiel den Trailer für die Gotthard-Reise im Herbst extra vor den Hohen Feiertagen auf, um dann frei zu haben. Doch immer, wenn ein Feiertag zu Ende ging, musste er Zürich sofort verlassen und sich auf den Weg nach Baden-Baden machen. So war zum Beispiel das Ende von Jom Kippur für Schächter eine eher stressige Angelegenheit: Er verbrachte den höchsten jüdischen Feiertag zwar wie gewohnt bei seiner Familie in Zürich. Doch sofort nach dem sogenannten Anbeißen, dem gemeinsamen Mahl am Abend, musste er ins Auto steigen und die 250 Kilometer nach Baden-Baden zurückfahren.

Rhythmus In seinem ersten Jahr beim SWR konzentriert sich Jonathan Schächter auf die Moderation der Morningshow. Dabei entstehen gewisse Gags manchmal erst Sekunden vor der Ausstrahlung, zum Beispiel während noch ein Musikstück läuft. »Das ist ein schneller Rhythmus, an den ich mich erst noch gewöhnen muss.«

Gleiches gilt für die zweiwöchigen Moderationsschienen. Die beginnen früh um fünf Uhr und sind erst nach dem Mittag zu Ende, denn nach der Sendung um neun Uhr gibt es ein Feedback, und man plant die Sendung für den nächsten Tag. Doch Motivationshilfe braucht Schächter keine: »Es ist schon eine Art Traumjob für mich.«

Kirgistan

Hotel verbietet »Juden und Tiere«

Eine erst vor wenigen Wochen eröffnete Unterkunft in der kirgisischen Stadt Osch musste nach Intervention der israelischen Botschaft ein Schild wieder abhängen

 27.04.2026

Nachruf

Dirigent Michael Tilson Thomas mit 81 Jahren gestorben

Als Chefdirigent der San Francisco Symphony wurde er berühmt. Doch er arbeitete mit Orchestern in aller Welt. Nun ist der Musiker mit 81 Jahren gestorben

 24.04.2026

Österreich

Der geneigte Antisemit

In Wien soll das Denkmal des einstigen Bürgermeisters Karl Lueger um 3,5 Grad gekippt werden. Die jüdische Gemeinde sähe die Bronzestatue lieber im Museum. Ein Ortsbesuch

von Tobias Kühn  24.04.2026

Tschernobyl

Damals in Tschernobyl

Im März 1987 arbeitete unser Autor zwei Wochen lang im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl. Eine persönlicher Bericht über die Zeit in der Sperrzone und wie es danach weitergeht

von Vitalii Miasnikov  24.04.2026

Sowjetunion

Der Schatten von Tschernobyl

Auch 40 Jahre nach der Katastrophe beschäftigt das Reaktorunglück die Menschen. Unseren Autor begleitet sie seit der Kindheit. Persönliche Erinnerungen und ein politischer Blick zurück

von Alexander Friedman  24.04.2026

USA

Recht auf Restitution

Ende April sollte der Anspruch auf Rückerlangung von in der Nazizeit gestohlener Kunst auslaufen. Per Gesetz wurde er nun entfristet

von Sophie Albers Ben Chamo  23.04.2026

Vereinte Nationen

Welche Chancen hat Rebeca Grynspan?

Erstmals könnte eine Frau neue UN-Generalsekretärin werden. Mit im Rennen ist Rebeca Grynspan aus Costa Rica. Sollte sie gewählt werden, wäre sie auch die erste jüdische Person im Amt

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026

London

Weitere Festnahmen nach Anschlägen auf jüdische Gemeinde

Binnen weniger Wochen werden mehrere jüdische Einrichtungen in London zum Ziel von Brandanschlägen. Nun meldet die Anti-Terror-Einheit der Polizei erneut Festnahmen

 21.04.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Kamele an der Limmat oder wie Zürich mit Tradition umgeht

von Nicole Dreyfus  20.04.2026