Tunesien

Zu Hause im Maghreb

Raphael Kabla spendiert ein Brik, eine Teigtasche mit Thunfisch und Ei, im schummrigen Lädchen seines ehemaligen Nachbarn. Der 81‐jährige, gut situierte Kabla ist überall bekannt in Hara Kebira, dem jüdischen Viertel von Houmt Souk, der Hauptstadt der tunesischen Ferieninsel Djerba.

Schafe und Ziegen weiden am staubigen Straßenrand. Großbürgerliche Häuser wechseln sich mit ärmlichen ab, viele verfallen, andere wurden von Muslimen bezogen. Nie fehlt an der weißen Hauswand oder der blauen Tür das Symbol des Fisches gegen den bösen Blick.

»Früher war das hier eine blühende Gemeinde, doch immer mehr Juden sind weggezogen«, erzählt Kabla. Auch seine fünf Kinder leben überall verstreut: in Frankreich, in Israel und auf Djerba. »Vor Kurzem sind wieder zehn Familien, ungefähr 50 Personen, nach Israel ausgewandert«, sagt er. Mit dem Einbruch des Tourismus nach der Revolution im vergangenen Jahr wurden die wirtschaftlichen Perspektiven immer schlechter, und die Geschäfte der jüdischen Schmuckhändler auf Djerba laufen nicht mehr so wie früher.

Terror Die Zahl der tunesischen Juden, die vor 1948 noch rund sieben Prozent der Bevölkerung ausmachten, ist mit der Staatsgründung Israels und dem Sechstagekrieg 1967 kontinuierlich gesunken. Viele verließen Tunesien auch wegen der wirtschaftlichen Situation.

Heute leben (bei insgesamt zehn Millionen Einwohnern) noch rund 800 Juden im Großraum Tunis und rund 1.000 auf der Ferieninsel Djerba im Süden des Landes, wo sich mit der La‐Ghriba‐Synagoge eine wichtige Pilgerstätte für Juden aus aller Welt befindet. Sie gilt als die älteste erhaltene Synagoge in Nordafrika. 2002 war sie Ziel eines Anschlags der Al Qaida. Dabei wurden 21 Menschen getötet, unter ihnen auch 14 Urlauber aus Deutschland.

»Letztes Jahr nach der Revolution waren die Feiern zum Lag‐BaOmer‐Fest sehr bescheiden«, sagt Kabla. »Wie die Touristen fürchten auch die Pilger, die zuvor immer zu Tausenden hierherkamen, dass Tunesien ein unsicheres Land geworden ist. Doch bei uns ist es vollkommen ruhig. Und die Revolution hat uns alle befreit.«

Am Nachmittag trifft sich Raphael Kabla, bevor er zur Synagoge in der Rue Abdelhamid el Cadhi geht, mit Freunden in einem Café am Hedi‐Chaker‐Platz im Zentrum von Houmt Souk. Mit dem Geschichtslehrer Slahedinne Ben Daamech, dem das Kaffeehaus gehört, diskutiert er über die Juden auf Djerba. Dass sie schon vor den Muslimen hier waren und dass Juden und Muslime auf Djerba religiös und konservativ seien. Niemals würden sie untereinander heiraten.

»Aber wir leben gut zusammen, wir sind befreundet«, sagt der Muslim Ben Daamech. »Das stimmt, aber es wird immer wahrgenommen: Hier sitzen die Juden. Und wir sind eine sehr überschaubare Minderheit geworden und dadurch verletzbar«, meint Kabla. Die beiden Männer reden über das Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse vor ein paar Wochen. »Ein verrückter Terrorist«, sagt Ben Daamech. »Aber von denen gibt es möglicherweise einige«, erwidert Raphael.

legendär »Die Juden auf Djerba sind konservativer als wir«, bestätigt Roger Bismuth, der Präsident der jüdischen Gemeinde Tunesiens. Er lebt in La Goulette, einem Vorort von Tunis. Er ist hier geboren und aufgewachsen. Der Ort mit dem alten Hafen ist legendär: des schmackhaften Fisches wegen, aber mehr noch wegen seiner multireligiösen Bevölkerung, seinem mediterranen Flair, seiner Offenheit. Hier leben seit Generationen Muslime, Juden und Christen.

Seit zehn Jahren steht Bismuth der jüdischen Gemeinde vor. Der dynamische 86‐Jährige ist gelernter Maurer und hat sich hochgearbeitet zum Unternehmer. Er ist Mitglied des tunesischen Unternehmerverbandes. Englisch hat er sich selbst beigebracht. Seine Weltoffenheit, die großzügige Aufgeklärtheit ist häufig anzutreffen bei seiner Generation, die die Unabhängigkeit Tunesiens von 1956 und die junge Republik miterlebten. »Ich hatte meinen tunesischen Traum«, sagt er. »Ich habe es satt, gefragt zu werden, ob ich Muslim, Jude oder Christ bin. Ich frage doch auch keinen. Die Konfession interessiert mich nicht«, erzählt er in seinem Büro. Bismuth lebt säkular, aber er ist stolz darauf, Jude zu sein. »Ich habe meine Identität nie geleugnet, auch nicht zur Zeit der deutschen Okkupation 1943.«

Roger Bismuth kümmert sich vor allem um die sozialen Angelegenheiten der Gemeinde. Er kennt, trotz mangelhafter öffentlicher Statistiken, die Geburtenzahlen auf Djerba, wo die Gemeinde wieder wächst, und die Sterbeziffern von Tunis, wo fast nur noch Alte leben. »Ich kümmere mich um die Armen, die Alten. Die Reichen brauchen mich nicht.«

islamisten Zu den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung im Herbst vergangenen Jahres wollten alle politischen Parteien mit dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde sprechen. Auch die inzwischen an der Regierung beteiligte islamistische Al‐Nahdha fragte an. Bismuth hat sich mehrmals mit ihnen getroffen. »Die jetzige Regierung unternimmt viel für die ganze Bevölkerung. Ich bin sehr zufrieden. Ich hoffe, dass es so weitergeht. Doch es gibt zurzeit viele unterschiedliche Bewegungen. Vor allem die Salafisten schaffen Chaos.«

Während einer Demonstration im Zentrum der Hauptstadt rief kürzlich ein Prediger vor Hunderten Jugendlichen: »Los, ihr jungen Leute, trainiert für den Kampf gegen die Juden, für den Kampf zu Ehren Gottes! Paradies, Paradies, Paradies!« Die Demonstranten antworteten ihm mit dem Ruf: »Allah ist groß.«

Die Regierung sowie mehrere Parteien übten anschließend scharfe Kritik an den Salafisten. Auch Al‐Nahdha stellte sich gegen sie und erklärte, die tunesischen Juden seien gleichberechtigte Bürger. »Ich habe diesen Prediger bei der Staatsanwaltschaft angezeigt«, sagt Roger Bismuth.

Den Vorschlag des israelischen Vizepremierministers Silvan Shalom, die tunesischen Juden sollten nach dem Wahlsieg der Islamisten nach Israel auswandern, lehnt Bismuth dennoch ab. »Hier sind wir besser aufgehoben als in Israel. Dort wären wir ohne Arbeit. Die meisten Gemeindemitglieder auf Djerba sind Schmuckhändler. Sie haben hier ihr Auskommen. Warum sollten sie nach Israel gehen?«

Hausmannskost In La Goulette, in der Avenue Pasteur 14, betreibt Jacob Lellouche ein koscheres Restaurant. Es heißt »Mamie Lily«, denn seine 84‐jährige Mutter Lily ist die Chefköchin. Hier wird in Wohnzimmer‐Atmosphäre jüdisch‐tunesische Hausmannskost geboten: Couscous mit Kutteln beispielsweise, zur Verdauung einen Boukha, tunesischen Feigenschnaps.

»Vor den 60er‐Jahren gab es in La Goulette nur eine Moschee und eine Kirche, aber 14 Synagogen. 80 Prozent der Bevölkerung waren jüdisch«, erzählt Jacob Lellouche. Er hat bei Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung im letzten Herbst kandidiert. Zwar wurde er selbst nicht gewählt, aber ein Mitglied seiner multireligiösen Wählergruppe. »Jacob hat sich nicht als Jude aufstellen lassen, sondern als progressiver tunesischer Bürger«, erzählt Jacobs Bruder Sideny, der heute die Gäste bedient. »Die Geschichte mit dem einzigen Juden, der bei den Wahlen kandidierte, das haben die Medien daraus gemacht, nicht Jacob. Er ist Laizist.«

Politisch sorgt sich Jacob Lellouche sehr darum, wie die Rechte der Frauen in Tunesien, einem der säkularsten arabischen Länder, erhalten bleiben. Und er fördert auch das Erinnern an die jüdische Geschichte Tunesiens. Er ist Mitgründer der Gesellschaft »Dar el dhekra«, die Ausstellungen, Konferenzen und Lesungen organisiert. »Die Laizität ist Grundlage der Demokratie. Aber wir leben auch die Tradition unserer Religion«, sagt Lellouche.

Es beunruhigt ihn, dass im Januar beim offiziellen Tunesien‐Besuch des Hamas‐Führers Ismail Haniyeh etliche Männer »Tod den Juden« riefen. »Das waren die Salafisten«, sagt Lellouche. »Ich war schockiert, weil die Offiziellen sich nicht sofort davon distanziert haben.« Er lebe gern in Tunesien, sagt er. »Ich liebe das Land. Aber es tut mir weh, so etwas zu hören, was ich zuvor hier noch nie gehört habe.«

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