Australien

Zu Hause am Ende der Welt

Das Jüdische Museum im Stadtteil Darlinghurst Foto: pr

Die heimliche Hauptstadt Australiens sprüht vor Dynamik und Lebenslust. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Sydney zu einer liberalen und kosmopolitischen Weltstadt entwickelt. Mehr als ein Fünftel der australischen Bevölkerung lebt in dieser multikulturellen Metropole am anderen Ende der Welt. Auch rund 50.000 der etwa 120.000 australischen Juden haben sich dort niedergelassen. Die Ersten kamen schon vor 230 Jahren. Wer mehr darüber erfahren will, sollte das Sydney Jewish Museum besuchen.

AUSWANDERUNG Das 1992 eröffnete Haus ist neben einer Schoa‐Gedenkstätte auch ein Ort, an dem die jüdische Kultur und Religion sowie die Emigration der europäischen Juden auf den fünften Kontinent dargestellt werden.

Außerdem skizzieren die Ausstellungsmacher in der Abteilung »Holocaust and Human Rights« die Errungenschaften und die damit verbundenen Herausforderungen der Menschenrechte. Allein auf drei Etagen wird die Verfolgung und Ermordung des europäischen Judentums von 1933 bis 1945 dokumentiert.

Dabei erlebt der Besucher Geschichte aus erster Hand. Zahlreiche Überlebende arbeiten unentgeltlich als Museumsführer. Sie begleiten die Gäste durch die Ausstellung oder referieren als Zeitzeugen.

Mala Sonnabend war eine von ihnen – bis sie Anfang des Jahres nur wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag starb. Sie gehörte zu den rund 17.000 europäischen Juden, die nach 1945 in Australien eine sichere Heimat fanden.

Das Museum möchte ganz bewusst kein Holocaust‐Museum sein.

Lange Zeit hatte sie ihre Überlebensgeschichte für sich behalten. Im Alter von 96 Jahren sprach sie erstmals vor mehr als 200 Zuhörern im Auditorium des Museums über ihre Zeit in vier Konzentrationslagern, über die Ermordung ihres Ehemanns und der kleinen Tochter sowie den Neuanfang in Australien. In Schweden, wo sich Mala von den jahrelangen Qualen erholte, lernte sie den jungen Arzt Samuel Sonnabend kennen. Die beiden heirateten und entschlossen sich, nach Australien auszuwandern. Im November 1946 erreichten sie und weitere 160 Juden an Bord des französischen Überseedampfers »Ville d’Amiens« den Hafen von Sydney.

Ihre langjährige Freundin Lena Goldstein hatte das Warschauer Ghetto überlebt und nach dem erfolglosen Aufstand im April 1943 Zuflucht in einem Kellerversteck gefunden. Dort harrte sie mit einigen Leidensgenossen in Dunkelheit und quälender Enge bis Januar 1945 aus.

Doch die Niederschlagung des Nationalsozialismus brachte ihr weder Sicherheit noch Freiheit. Aufgrund pogromartiger Ausschreitungen in Polen flüchtete Lena 1946 nach Deutschland, in die Sicherheit der US‐Besatzungszone. Nach einer jahrelangen Odyssee durch verschiedene Displaced‐Persons‐Lager bestieg sie in Genua das Schiff »Continental«, mit dem sie im März 1949 Down Under erreichte, was ihr zu einer neuen Heimat wurde.

VERBANNUNG Die ersten australischen Juden hatten sich lange vor Lena und Mala auf dem fünften Kontinent niedergelassen: im Jahr 1788. Eine von ihnen war die damals 15‐jährige Esther Abrahams. Für den Diebstahl einiger geklöppelter Spitzen war sie zu sieben Jahren Verbannung verurteilt worden.

Fast 1000 britische Juden mussten zwischen 1788 und 1852 die Reise in die Strafkolonie am Ende der Welt antreten. Nur wenige von ihnen waren tatsächlich kriminell, die meisten hatten sich, wie Esther, lediglich kleinerer Eigentumsdelikte schuldig gemacht. Doch die englische Justiz war unerbittlich. Schon für den Diebstahl einer Taschenuhr lautete das Urteil »lebenslängliche Verbannung«.

Eine Häftlingsliste aus der Zeit um 1830 dokumentiert 150 Namen englischer Juden, die zur Umsiedlung verurteilt wurden. Der 16‐jährige Abraham Reuben erhielt beispielsweise eine Strafe von sieben Jahren Verbannung wegen Taschendiebstahls. Salomon Polack raubte 50 Yards Baumwollstoff und wurde zu lebenslänglich Australien verurteilt.

Es dauerte nicht lange, bis auch die ersten freien Siedler nach Down Under kamen. Nach und nach gab die britische Kolonialverwaltung den Verbannten ihre Bürgerrechte zurück, und so konnten sich die ehemaligen Häftlinge mit den freien Pionieren zusammenschließen.

Im Jahr 1837 errichtete die jüdische Gemeinde von Sydney ihre erste Synagoge. Zwischen 1850 und 1880 lockte der große Goldrausch zahlreiche Abenteurer nach Australien. Unter ihnen waren auch viele Juden aus dem deutschen Sprachraum.

Ähnlich wie in den USA registrierten die australischen Einwanderungsbehörden um 1900 einen großen Zuzug osteuropäischer Juden. Eine weitere Immigrationswelle erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Die letzte größere Zuwanderung fand im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts statt – zumeist kamen nun Juden aus der Sowjetunion.

EXPONATE Seit 26 Jahren informiert das Sydney Jewish Museum ausführlich über Kultur und Geschichte der australischen Juden, wie kürzlich die Sonderausstellung »Unseen Untold« eindrücklich belegte. Sie präsentierte einige zuvor noch nie gezeigte Ausstellungsstücke aus dem Fundus der mehr als 9000 Teile umfassenden Sammlung, darunter auch einzigartige authentische Dokumente und Exponate aus der Zeit der NS‐Verfolgung.

Doch will das Haus nicht als Holocaust‐Museum verstanden werden, wie Chefhistoriker Konrad Kwiet unterstreicht: »Die Schoa sollte nicht als Sicherung der jüdischen Identität verstanden werden, denn das Judentum beruht auf jüdischen Werten, es definiert sich nicht aus einem Menschheitsverbrechen heraus.«

Die ersten australischen Juden waren Gefangene aus England.

Noch Anfang der 90er‐Jahre waren et­wa ein Viertel der australischen Juden Überlebende der Schoa. Doch die Ära der Zeitzeugen neigt sich dem Ende zu: Lena, die im Januar ihren 100. Geburtstag feiern will, ist sich ihrer Verantwortung bewusst und hält weiterhin Vorträge im Museum. Sie ist davon überzeugt, dass sich nur durch die Zuwanderung der vielen Schoa‐Überlebenden ein vitales und vielfältiges jüdisches Leben in Down Under entwickeln konnte. Diese historische Tatsache und die Erinnerung an die sechs Millionen ermordeten Juden will sie wachhalten.

Wer sein Wissen über das australische Judentum noch vertiefen möchte, dem stehen in der Bibliothek mehr als 8000 Medien zur Verfügung. Zudem sind rund 2500 Zeitzeugeninterviews aus dem Bestand der »Shoah Foundation« für die Forschung und zum Einsatz im Bildungsbereich vorhanden. Im Museumsshop wird dem Besucher eine große Palette an ausgewählter Literatur angeboten, darunter das kürzlich erschienene Buch We Are here. Talking with Australia’s oldest Holocaust survivors (Brunswick 2018). Dafür hat die Autorin Fiona Harari 18 Schoa‐Überlebende im Alter zwischen 90 und 100 Jahren interviewt, darunter auch Mala Sonnabend und Lena Goldstein.

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