Italien

Zu Gast bei den »älteren Brüdern«

Spricht von Fortschritten im jüdisch-katholischen Verhältnis: Oberrabbiner Riccardo Di Segni (stehend) mit Papst Franziskus Foto: Reuters

Der Papst fährt in einem Ford Focus vor, steigt aus, begrüßt seine Gastgeber und geht mit ihnen allein, ohne Sekretär, Personenschützer oder Kardinal zu dem Gedenkstein, der an das finsterste Kapitel der jüdischen Gemeinde Roms erinnert: die Deportation von 1024 Juden der italienischen Hauptstadt nach Auschwitz am 16. Oktober 1943. Zwei dunkel gekleidete Herren legen für den Papst ein Gebinde mit weißen Rosen nieder.

Terroranschlag Franziskus wirkt ernst und konzentriert an diesem Sonntag. Gemeinsam mit der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Roms, Ruth Dureghello, und dem Chef des Dachverbands der jüdischen Gemeinden Italiens, Renzo Gattenga, begibt er sich zur Inschrift für Stefano Gaj Tache. Der damals zwei Jahre alte Junge wurde 1982 bei einem Anschlag palästinensischer Terroristen auf die Synagoge getötet. Auch den kleinen Stefano ehrt Franziskus mit weißen Rosen. Am Eingang zur Synagoge umarmt Franziskus Oberrabbiner Riccardo Di Segni, als wäre er ein alter Freund.

So begann der erste Besuch von Papst Franziskus in der Großen Synagoge von Rom. Erstmals seit seinem Amtsantritt vor knapp drei Jahren im März 2013 betrat er eine Synagoge. Nach Johannes Paul II. (1986) und Benedikt XVI. (2010) war er der dritte Papst, der die Hauptsynagoge von Rom besuchte.

Doch so herzlich und informell war die Atmosphäre während eines solchen Besuchs noch nie. Die Gemeindemitglieder begrüßten den Papst mit kräftigem Applaus. Franziskus nahm sich rund 20 Minuten Zeit, um einzelne Menschen zu grüßen, Hände zu schütteln, Worte zu wechseln, zuzuhören und zu umarmen: einfache Gemeindemitglieder, Überlebende der Schoa ebenso wie Rabbiner und die üblichen Honoratioren.

Diese Szenen wirkten beinahe wie ein Pfarreibesuch des Bischofs von Rom. Auch Franziskus’ Ansprache wurde mehrfach von Applaus unterbrochen.

Wie seine Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nutzte auch Franziskus den Besuch in der Synagoge, um an die Schrecken der Schoa zu erinnern und Antisemitismus zu verurteilen. Sechs Millionen Menschen seien »Opfer der unmenschlichsten Barbarei geworden, die im Namen einer Ideologie verübt wurde, die Gott durch den Menschen ersetzen wollte«, so der Papst. Die Schoa lehre, »dass es stets höchster Wachsamkeit bedarf, um entschieden zur Verteidigung der menschlichen Würde und des Friedens eingreifen zu können«. Bereits vor 50 Jahren habe das Zweite Vatikanische Konzil jede Form von Antisemitismus verurteilt. Franziskus, der sonst oft vom Manuskript abweicht, hält sich in der Synagoge streng an seinen vorbereiteten Text. Er weiß, dass jedes Wort, das er hier sagt, besonders gewogen wird.

Der Papst erinnerte insbesondere an die römischen Juden, die am 16. Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. »Heute möchte ich ihrer in besonderer Weise gedenken«, sagte er. »Ihr Leiden, ihre Ängste und ihre Tränen dürfen niemals in Vergessenheit geraten.«

Vorgänger Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. wandte sich Franziskus auch direkt an die anwesenden Überlebenden der nationalsozialistischen Judenvernichtung: »Ich möchte jedem noch lebenden Zeugen der Schoa meine Nähe bekunden und richte einen besonderen Gruß an jene von ihnen, die heute hier sind.«

Die in der ersten Reihe sitzenden römischen Schoa‐Überlebenden begrüßte der Papst auch persönlich, teils mit Wangenkuss und Umarmung, etwa die Schwestern Andra und Tatiana Bucci, die den »Kinderblock« von Josef Mengele, dem berüchtigten Lagerarzt von Auschwitz, überlebt haben. Benedikt XVI. hatte das 2010 in der römischen Synagoge nicht getan. Er bat allerdings um Verzeihung für Antisemitismus und Antijudaismus unter Katholiken. Auf dieses Thema ging Franziskus nicht ein.

Bereits vor dem Besuch hatte der vatikanische Verantwortliche für den Dialog mit den Juden, Kurienkardinal Kurt Koch, gesagt, der Papst setze damit ein Zeichen gegen Antisemitismus. In einer Zeit, »in der wir neue Wellen des Antisemitismus in Europa erleben«, sei diese Botschaft besonders wichtig, so Koch.

Dass es fast drei Jahre dauerte, bis Franziskus zum ersten Mal eine Synagoge betrat, erschien Oberrabbiner Di Segni am Sonntag erklärungsbedürftig. Immerhin hat er seit seinem Amtsantritt bereits zwei Moscheen besucht, eine in Istanbul und eine in Zentralafrika, sowie einen buddhistischen Tempel in Sri Lanka. Außerdem zählt er den argentinischen Rabbiner Abraham Skorka zu seinen engen Freunden. Und schließlich trennt die Große Synagoge Roms und den Petersdom nicht viel mehr als der Tiber. Benedikt XVI. besuchte bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt im April 2005 die Kölner Synagoge.

Die jüdische Gemeinde habe den Papst bereits unmittelbar nach seiner Wahl im März 2013 eingeladen, berichtete Di Segni in seiner Ansprache. Franziskus habe unverzüglich zugesagt. Dass der Besuch dennoch erst jetzt erfolge, habe terminliche Gründe. Gleiches ist aus dem Vatikan zu hören.

Bei aller Wertschätzung, die Di Segni für den Papst äußerte, sprach er offen aus, dass Franziskus’ Botschaft der Barmherzigkeit unter Juden auch Besorgnis hervorrufe. Manche befürchteten, der alte Gegensatz zwischen der barmherzigen Kirche Jesu Christi und der Religion des rächenden Gottes in der Bibel könnte wieder aufleben, so der Oberrabbiner. Bereits vor dem Besuch des Papstes war durch ein Zeitungsinterview bekannt geworden, dass Di Segni Franziskus gebeten hatte, eine negative Darstellung der Pharisäer zu unterlassen. Offenbar weil auch er fürchtet, dass dadurch antijüdische Ressentiments geschürt werden könnten.

Das Wort »Kontinuität« war vor dem Besuch oft zu hören, sowohl vom Vatikan als auch von der jüdischen Gemeinde. Franziskus stelle sich damit in die Tradition seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI., hieß es allenthalben.

Die Rede von Franziskus zeigte jedoch auch, dass sich der katholisch‐jüdische Dialog weiterentwickelt. Dieser Papst setzt durchaus neue Akzente. Anders als seine Vorgänger beließ es Franziskus nicht bei einer Würdigung der epochalen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) über das Verhältnis zum Judentum. Er wies auch auf Grenzen des 50 Jahre alten Dokuments »Nostra aetate« hin, das den Grundstein für den jüdisch‐katholischen Dialog legte. Natürlich habe es nicht alle theologischen Fragen lösen können, aber es sei ein ermutigender Impuls gewesen, so Franziskus. Er verwies auf ein neues vatikanisches Dokument zu den katholisch‐jüdischen Beziehungen, das im Dezember veröffentlicht wurde. Darin erklärt die katholische Kirche erstmals offiziell ein Verzicht auf die Judenmission.

Judenmission Von der Judenmission sprach Franziskus in der Synagoge nicht ausdrücklich. Doch er sagte einen anderen Satz, den in dieser Deutlichkeit noch kein Papst in einer Synagoge oder andernorts je gesagt hat – und der letztlich einem Verzicht auf die Judenmission gleichkommt: »Die Kirche erkennt die Unwiderruflichkeit des Alten Bundes und der fortwährenden und unverbrüchlichen Liebe Gottes zum Volk Israel an, auch wenn sie das Heil durch den Glauben an Christus bekennt.« So deutlich hatten weder Johannes Paul II. noch Benedikt XVI. zum Ausdruck gebracht, dass Juden auch ohne Jesus zum Heil gelangen können.

Franziskus griff damit eine Kernaussage des neuen Vatikan‐Dokuments auf. Aus dem christlichen Bekenntnis, dass es nur einen Weg gebe, folge in keiner Weise, dass die Juden von Gottes Heil ausgeschlossen seien, da sie nicht an Jesus als den Messias und den Sohn Gottes glaubten, heißt es darin. Auch sie hätten »Anteil an Gottes Heil«. Wie das jedoch »ohne explizites Christusbekenntnis möglich sein kann, ist und bleibt ein abgrundtiefes Geheimnis Gottes«.

Die Äußerung über die Grenzen von »Nostra aetate« und das Fortbestehen des Alten Bundes dürften Roms Oberrabbiner Di Segni besonders gefreut haben. Denn der hatte sich im September beim Besuch einer Delegation der Deutschen Bischofskonferenz in der Synagoge im gleichen Sinne über dieses Dokument geäußert. Er bemängelte, dass das Zweite Vatikanische Konzil zwar jede Form von Antijudaismus verurteilt habe, eine positive theologische Bestimmung des Verhältnisses zwischen Judentum und Christentum jedoch fehle.

Auch Di Segni würdigte am Sonntag die Fortschritte im katholisch‐jüdischen Verhältnis seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Er merkte jedoch an, die Kirche würdige nicht eingehend genug die »enge Verbundenheit des jüdischen Volkes mit dem Land Israel«.

Franziskus sprach am Sonntag nicht vom Staat Israel. Er benutzte den Begriff »Heiliges Land«. Seine Aussage, dass ein Antisemit sei, wer das Existenzrecht des Staates Israel infrage stelle, wiederholte er an dieser Stelle nicht. Es war die Vorsitzende der römischen Gemeinde, Ruth Dureghello, die in ihrer Rede an diese Worte des Papstes erinnerte.

Der Vatikan hatte sich im Sommer die Kritik Israels zugezogen, als er einen Grundlagenvertrag mit der Palästinensischen Autonomiebehörde unterzeichnete und darin erstmals in einem völkerrechtlich verbindlichen Dokument den Staat Palästina anerkannte.

Vertrauen Die jüdisch‐christlichen Beziehungen lägen ihm sehr am Herzen, sagte der Papst in seiner Ansprache. Er sprach die Juden als »ältere Brüder« an. Benedikt XVI. hatte von den »Vätern im Glauben« gesprochen. Christen und Juden seien »vereint durch denselben Gott und durch ein reiches gemeinsames spirituelles Erbe«, so Franziskus. Er rief dazu auf, das »gewachsene Vertrauen zwischen Christen und Juden weiter zu vertiefen«.

Nun sei der Besuch eines Papstes in der Großen Synagoge von Rom schon beinahe eine Tradition, sagte Di Segni einige Tage, bevor Franziskus kam. Beim dritten Mal begründet man eine Tradition, besagt ein jüdisches Sprichwort. Jedenfalls dürfte künftig kein Papst mehr um einen Besuch in der Großen Synagoge herumkommen, heißt es im Vatikan.

Die Resonanz unter den italienischen Juden war jedenfalls positiv. Der Besuch markiere ein »weiteres und entschieden positives Kapitel in den christlich‐jüdischen Beziehungen«, kommentierte das Internetportal der jüdischen Gemeinden Italiens »moked« den Besuch.

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