USA

Zickig nach Drehbuch

Jewish American Princesses unter sich: Erica Gimbel, Chanel Omari, Amanda Bertoncini, Casey Cohen, Joey Lauren, Ashlee White Foto: Bravo Media

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Eine Szene wie aus einem Roman von Philip Roth: Ashlee, selbsternannte Prinzessin, lässt sich die Nägel machen. »Beim Gedanken, in flachen Schuhen zu laufen, muss ich würgen!«, verkündet sie. Als sie in Schlappen zum Auto gehen soll, bekommt sie Panik und verlangt vom Salonbesitzer, sie auf seinem Rücken zu tragen. Währenddessen beschwert sie sich im Off: »Die Leute haben ein völlig falsches Bild von jüdischen Long-Island-Mädchen wie mir!«

Ashlee ist eine der Princesses: Long Island. Die Realityshow läuft seit einem Monat auf dem Fernsehsender Bravo. Sie gibt vor, den Alltag der jüdischen Community auf der Insel im Bundesstaat New York einzufangen. Die »Prinzessinnen« sind Chanel, die Idealistin, Ashlee, die kleine Hexe, Erica, das Partymädchen mit Problemen, Joey, die toughe Realistin, Casey, die Brave, und Amanda, das Mamakind. Sie sind Ende 20, leben in den großen Häusern ihrer Eltern, wollen endlich einen Mann und sind jüdisch.

Casting Mit Realität hat Reality-TV allerdings nicht viel zu tun. Die Protagonisten sind gecastet. Sie tragen ihre echten Namen, auch die Biografien sind halbwegs authentisch. Die dramatischen Entwicklungen, von denen die Shows leben, sind aber inszeniert und im Drehbuch festgelegt. Manchmal werden die Darsteller zum Beispiel absichtlich betrunken gemacht, um dann ihre Ausfälle zu filmen. Die Produzenten geben vor, wer auf wen sauer ist oder wer mit wem schlafen möchte.

Wie es der Titel schon sagt, dreht sich die Show um das Klischee der »Jewish American Princess« (JAP), die nichts will außer einen reichen Mann. Dieses Klischee hat seit den 50er-Jahren eine lange Geschichte, die von Antisemitismus und Sexismus ebenso geprägt ist wie von Selbsthass. Ihr Gegenstück ist der »Nice Jewish Boy«. So versuchen die Figuren von Philip Roth oft beidem zu entkommen, indem sie zu einem dritten Klischee, der »shiksa goddess« (die unwiderstehliche Nichtjüdin), rennen.

Klischee Die Komikerin Sarah Silverman stellt das Zerrbild einer JAP dar: Selbstbezogen, dumm, auch vage rassistisch. Ihre Gags hallen in Princesses: Long Island auf beängstigende Weise nach. So verfährt sich Ashlee und landet im Dorf Freeport. »Oh nein, die haben hier Bänke vor den Häusern! Ich bin im Ghetto!«, erschrickt sie sich. Ihr Vater am Telefon empfiehlt ihr, »schnell das Auto von innen zu verriegeln«.

Die Realityshow bemüht sich sehr, die Herkunft der Protagonistinnen herauszustellen. Dabei könnte man fast einen pädagogischen Anspruch vermuten, wenn zum Beispiel die 29-jährige Chanel erklärt, was es bedeutet, modern orthodox zu sein. Es bleibt aber oft bei oberflächlichen Witzen (Erica: »Wir sind Reformjuden, also nicht sonderlich jüdisch.«) oder bemühter Jiddischkeit. Keine Minute vergeht, ohne dass Ashlee beklagt, »verklemmt« zu sein, und sei es nur wegen flacher Schuhe.

Themen Religion ist dagegen selten Thema, auch wenn die Serie mit einer Diskussion über koscheres Fleisch beginnt. Die zweite Folge mit dem Titel »Shabbocalypse Now!« dreht sich um ein Schabbes-Dinner. Offenbar eine ungewohnte Erfahrung für alle: »Müssen wir etwa Hebräisch sprechen?«, fragt eine der Frauen, »Sagen wir eigentlich auch Amen?«, eine andere.

Die Show ist die letzte in einer langen Reihe von Sendungen, die nach dem Prinzip »Ort plus Minderheit plus Intrigen und Affären« funktionieren. Dazu zählen Russian Dolls (aus Brighton Beach) und Shahs of Sunset (aus »Tehrangeles«, eine Anspielung darauf, dass in Los Angeles viele iranische Einwanderer leben). Oft haben diese Sendungen auch eine pseudo-religiöse Thematik, wie Breaking Amish oder Sister Wives über eine polygame Mormonen-Großfamilie.

Masche Den Anfang hat Jersey Shore gemacht, das italo-amerikanische Jugendliche zeigte, die sich jede Nacht betrinken, Sex haben oder sich prügeln, reumütig aufwachen und sich dann beim Alkohol wieder versöhnen. Die Sendung wurde ein großer Erfolg, obwohl die Kontroversen, die darum geführt wurden, Bücher füllen könnten. Immer wieder haben italo-amerikanische Vereine wie die National Italian American Foundation oder UNICO National gegen die Show protestiert.

Schon im Vorfeld von Princesses: Long Island gab es Befürchtungen, »princess« könnte Klischees transportieren und als »ethnic slur«, als auf die Ethnie abzielende Beleidigung, gewertet werden. Nachdem die ersten Folgen liefen, wurde die Kritik lauter. Steve Israel, ein Kongressabgeordneter aus New York, hat den Sender Bravo aufgefordert, vor jeder Ausstrahlung die Botschaft zu schalten, dass die Sendung nicht die Wirklichkeit abbildet. »Am Anfang war es noch lustig«, sagt Israel. »Aber nach 20 Minuten wurde mir klar, dass das Verbreiten antisemitischer Stereotype kein Spaß ist. Die Show vermittelt, dass Jüdischsein bedeutet, nur narzisstisch zu sein und Geld zu wollen.«

Quoten Auch die Rabbinerin der Reformgemeinde Temple B’nai Torah auf Long Island, Marci Bellows, beklagt sich, dass nicht gezeigt wird, »dass jüdische Frauen auch stark, unabhängig und weise sind«. Sie wünscht der Sendung schlechte Quoten. Die Anti-Defamation League dagegen hat bislang geschwiegen.

Dafür gab es schon echte Demonstration gegen die Fernsehanstalt Bravo und die Sendung – in Freeport. Die Anwohner der Ortschaft, in dem noch immer die Spuren der Verwüstungen durch Sturm Sandy zu sehen sind, versammelten sich, um gegen die Darstellung als »Ghetto« zu protestieren. Jenna Jones, die seit 43 Jahren in dem Dorf lebt, fühlt sich von der Sendung als Jüdin und Anwohnerin von Freeport beleidigt. »Wir leben hier wegen der Vielfalt. Unsere Kinder sollten in der realen Welt aufwachsen.«

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