Bulgarien

Zaedno heißt zusammen

Viele Städte rühmen sich, Europas älteste zu sein. Eine davon ist Plovdiv. »Antik und ewig« lautet das Motto der südbulgarischen Stadt auf den sieben Hügeln in der Thrakischen Tiefebene zwischen Balkan und Rhodopen.

Plovdivs 8000‐jährige Siedlungsgeschichte ist durch archäologische Funde manifestiert. Auf Schritt und Tritt stößt man bei einem Stadtspaziergang auf sie, sei es beim Amphitheater auf dem Altstadthügel oder beim römischen Stadion im Schatten der Dschumaja‐Moschee.

Farben Knapp 350.000 Einwohner leben in Bulgariens zweitgrößter Stadt. Sieben ethnische Gruppen und drei Religionen haben sie geprägt und schließlich zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 gemacht. Dement­sprechend hat Plovdiv das Jahr mit »Zaedno« (Zusammen) überschrieben. Um diesen Anspruch einzulösen, leistet auch die mit rund 350 Mitgliedern kleine jüdische Gemeinde ihren Beitrag.

Am 16. November 2018, dem »In­ternationalen Tag der Toleranz«, griffen Kinder und Jugendliche zur Schaufel, um eine Idee von Jugendlichen der Organisation der Plovdiver Juden, »Schalom«, in die Tat umzusetzen. In einem »Garten der Toleranz« pflanzten sie sieben Bäume, je einen für die in der Stadt heimischen Armenier, Bulgaren, Italiener, Juden, Ro­ma, Russen und Türken. Im Frühjahr sollen Gäste aus aller Welt sie in unterschiedlichen Farben blühen sehen und so einen Eindruck von Plovdivs Einheit in Vielfalt bekommen.

Seit Oktober ist »Schalom« auch Ko‐Produzent eines Theaterprojekts zur Antike. Kinder aller ethnischen Gruppen erarbeiten spielerisch ein Bildungskonzert zum Medea‐Mythos, das im Sommer im Amphitheater aufgeführt werden soll.

In der zweitgrößten Stadt des Landes leben rund 350 Juden.

»Wir Juden pflegen gute Beziehungen zu allen Volksgruppen«, sagt Svetlozar Kalev. Der Vorsitzende von Schalom hat sein Büro im sogenannten Jüdischen Haus im Stadtzentrum. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen Porträts von Theodor Herzl und dem bulgarischen Freiheitskämpfer Wassil Lewski, den die Bulgaren als ihren größten Sohn verehren.

»Erzähle ich Gästen aus dem Ausland, wie eng und freundschaftlich unsere Beziehungen zu den anderen Gemeinschaften in Plovdiv sind, können sie es oft nicht fassen. Aber das ist eben Tradition in unserer Stadt.« Zwar komme es zuweilen vor, dass jüdische Objekte wie das Denkmal der Dankbarkeit durch antisemitische Schmierereien geschändet würden. Dies seien aber Einzeltaten meist junger ungebildeter Menschen, meint Kalev. Keineswegs sei es bezeichnend für das interkulturelle Klima in der Stadt.

Der orthodoxe Metropolit protestierte 1943 gegen die Deportationen.

Das in Form eines Schofars gestaltete Denkmal der Dankbarkeit steht im Garten der Toleranz am Rande des alten jüdischen Viertels Orta Mezar. Seine Aufschrift in bulgarischer, hebräischer und englischer Sprache erinnert an die Rettung der Plov­diver Juden. Rund 600 von ihnen waren in der Nacht zum 10. März 1943 auf dem nahen Pausenhof der jüdischen Schule zur Deportation in die NS‐Todeslager zusammengetrieben worden. »Als der Metropolit der orthodoxen Kirche, Kyrill, davon erfuhr, eilte er herbei, stieg über den Zaun und sagte: ›Wo ihr hingeht, da will auch ich hingehen‹«, erzählt Kalev.

Heute ist die jüdische Gemeinde wieder offizieller Betreiber der Schule, die nun den Namen »Druschba« (Freundschaft) trägt. Auf dem Hof spielen Kinder Fangen. Eine Plakette am Eingang wahrt das ehrenvolle Gedenken an Kyrill. Sein mutiges Handeln gab den Impuls für breiten Widerstand in der Bevölkerung und unter Bulgariens Parlamentariern. Schließlich sah sich Zar Boris dazu genötigt, den verbündeten Deutschen die Auslieferung von Bulgariens gut 49.000 Juden zu versagen.

Ladino Wie in den 80er‐Jahren entdeckte Grundmauern einer Synagoge aus dem zweiten Jahrhundert n.d.Z. bezeugen, lebten Juden bereits vor 2000 Jahren in der Stadt. Damals hieß sie Philippopolis und war ein bedeutender Ort an der römischen Via Militaris, die von Byzanz nach Westeuropa führte.

Ende des 15. Jahrhunderts zogen viele sefardische Juden in die Stadt. Sie suchten im Osmanischen Reich Zuflucht vor der Verfolgung in ihrer spanischen Heimat. Noch heute stellen Sefarden die Mehrheit in Plovdivs jüdischer Gemeinde.

»Obwohl sie Ladino sprachen, integrierten sie sich problemlos in die Stadtgemeinschaft, gründeten Schulen, Sportvereine und Orchester. Sie brachten prominente Ärzte, Juristen, Bankiers, Architekten und Intellektuelle hervor«, erzählt Kalev beim Gang durch Orta Mezar.

TÜRKISCH Orta Mezar ist türkisch und bedeutet »zentraler Friedhof«. Daneben lag Plovdivs großes Judenviertel. Heute ist wenig davon erhalten. Monumentale Plattenbauten aus sozialistischer Zeit haben es überformt, auch in den engen Nebenstraßen sind Neubauten entstanden. Nur vereinzelt geben Bürgervillen aus der Vorkriegszeit eine Ahnung von der Atmosphäre des jüdischen Orta Mezar.

Als Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr zeigt Schalom im großen Festsaal des Jüdischen Hauses die Ausstellung »Ot Orta Mezar natatak« (Von Orta Mezar und weiter). Historische Fotos geben Einblick in den Alltag der Plov­diver Juden vor dem Zweiten Weltkrieg.

»Furcht vor dem autoritären Sozialismus« nennt Kalev als Grund dafür, dass die meisten der damals rund 6000 Plov­diver Juden Ende der 40er‐Jahre nach Israel flohen.

SYNAGOGEN In den vier Jahrzehnten der kommunistischen Volksrepublik kam das Gemeinde­leben der Dagebliebenen zum Erliegen. »Wir wurden enteignet, die Synagogen ge­schlossen. Das atheistische Re­gime duldete keine Religion«, erzählt Kalev. Erst nach dem Sturz der Kommunisten 1989/90 bekam Schalom das Jüdische Haus und die Schule zurück.

Heute unterhält Schalom einen Fonds zur Fürsorge für die älteren Gemeindemitglieder. Auch kümmert es sich um sozial Schwache und unterrichtet Kinder in der Sonntagsschule. Zudem betreibt es im vierten Stock des Jüdischen Hauses das Kulturzentrum »Schalom Alejchem«.

Für noch wichtiger als die Rückgabe der Immobilien hält Kalev die zahlenmäßige Konsolidierung der jüdischen Gemeinde. »Es werden Kinder geboren, aber nicht nur das. Manche Ausgewanderte kommen aus Israel zurück. Meist sind es ältere Menschen, aber in ihrem Gefolge kommen auch die Kinder und Enkel. Manche nur zu Besuch, andere aber auch, um sich in Plovdiv niederzulassen. Viele besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft.«

DIASPORA Vom Interesse der jüdischen Diaspora an ihrer alten Heimatstadt erzählt auch der Film Sledvaschtoto Pokolenie (Die nächste Generation) des bulgarischen Regisseurs Dimitar Gochev. Die anlässlich des Kulturhauptstadtjahres gedrehte Dokumentation zeigt unter anderem den früheren israelischen Generalstabschef Gabi Aschkenasi auf den Spuren seines Vaters. Sowohl das bulgarische als auch das israelische Fernsehen will den Film im Laufe des Kulturhauptstadtjahres ausstrahlen.

Als einzige der Plovdiver Synagogen hat die in den 1880er‐Jahren errichtete Zion‐Synagoge die Zeitläufte überdauert. Sie liegt versteckt in einer Art Hinterhof zwischen Wohnblöcken aus kommunistischer und postkommunistischer Zeit. Bei Bedarf schließt Albert A. Behar Besuchern die Tür auf.

Er sei der Gabbai, »der Mann für alles«, stellt er sich schmunzelnd vor. Mit der wesentlich größeren Sofioter Synagoge gehört die Plovdiver Zion‐Synagoge zu Bulgariens letzten jüdischen Bethäusern, in denen noch Gottesdienste abgehalten werden. Finanzielle Unterstützung aus den USA hat 1998 ihre Restaurierung ermöglicht. So präsentiert sich die Synagoge in gutem Zustand und beeindruckt Besucher mit ihren schönen Wandmalereien.

Etliche Plovdiver Juden und ihre Kinder kehren aus Israel zurück.

»Mein Bruder leitet die Schabbatgottesdienste«, aber der Zulauf sei nicht sehr groß, räumt Behar ein. Nur an den Feiertagen füllt sich die Synagoge. Behars Großvater war Plovdivs letzter Rabbiner, bevor die Kommunisten kamen. »Er war gut bekannt mit Metropolit Kyrill. Unsere Familie gehörte zu den Juden, die am 10. März 1943 auf dem Schulhof zur Deportation zusammengetrieben wurden.«

Lieder In dem kleinen Nebengebäude der Synagoge befand sich früher der jüdische Kindergarten. Behars Großmutter unterrichtete in ihm die Kinder in Hebräisch. Ihrem Enkel hat sie auch Ladino beigebracht. »Das wurde in der Regel von der Oma an die Enkel weitergegeben. Doch die Zäsur des Kommunismus hat diese Tradition leider unterbrochen. Meine Generation ist die letzte, die noch Ladino spricht, die Jüngeren können es nicht mehr«, bedauert Albert Behar.

Im Laufe des Kulturhauptstadtjahres werden auch Nichtjuden die Gelegenheit erhalten, Ladino zu hören. Die prominente Schauspielerin und Sängerin Eva Volitser führt in der Synagoge, im Jüdischen Haus und an anderen Veranstaltungsorten in der Stadt ihr multimediales Musiktheater‐Spektakel Ot Toledo do Plovdiv (Von Toledo nach Plovdiv) auf. Begleitet von einem Trio aus Flöte, Geige und Gitarre singt sie 20 authentische Lieder in Ladino.

»Es sind städtische Romanzen. Sie erzählen von der Liebe und der Jugend, den Verwirrungen der Seele und der Schönheit. Manche stammen aus dem 16. Jahrhundert. Über Generationen hinweg wurden sie von Mund zu Mund überliefert«, beschreibt Volitser ihr Programm. Das Publikum werde den Weg des sefardischen Liedguts nachvollziehen können und einen Eindruck von der traditionellen Kultur der sefardischen Juden Plovdivs erhalten, verspricht sie.

KÜCHE Wie aber schmeckt das jüdische Plovdiv? Jüdische Restaurants gibt es keine mehr in der Stadt. Doch im Mai werden die Kulturhauptstadtgäste die Möglichkeit bekommen, Plovdivs jüdische Küche zu kosten.

»Schalom beteiligt sich an dem Projekt der ›Ethno‐Küche auf Rädern‹«, erzählt Schalom‐Chef Kalev. »Dabei werden alle ansässigen Volksgruppen auf einem öffentlichen Platz im Stadtzentrum ihre Speisen servieren.«

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