Kanada

YidLife Crisis

Die Satiriker und Schauspieler Eli Batalion (l.) und Jamie Elman zeigen in ihren Shows das jüdische Leben in Montreal. Foto: pr

Wenn aus der »Midlife Crisis« eine »YidLife Crisis« wird, dann ahnt das Publikum, dass Wortspielereien und Wortneuschöpfungen ein wesentlicher Teil der Show sein werden. Wenn dann auch noch ein Mischmasch aus Englisch, Deutsch und Jiddisch hinzukommt, ist die Basis für ein unterhaltsames, aber auch nachdenklich stimmendes Kulturerlebnis gelegt.

Eli Batalion und Jamie Elman, zwei kanadische jüdische Satiriker und Schauspieler, wollen genau das mit ihren Shows erreichen und zudem das jüdische Leben in Montreal zeigen.

sprachengewirr Bei dem als Konferenzgespräch geschalteten Telefoninterview mit Eli in Montreal und Jamie in Los Angeles, der wegen Covid-bedingter Reisebeschränkungen derzeit nur in Ausnahmefällen nach Kanada reisen kann, muss man genau hinhören, um die subtilen Witze erkennen und das Sprachengewirr entschlüsseln zu können

»It’s a shande that we haven’t been in Germany and Berlin yet«, sprudelt es aus Eli heraus.

»It’s a shande that we haven’t been in Germany and Berlin yet«, sprudelt es aus Eli heraus. Sie bedauern es, dass sie bisher noch nicht in Deutschland und Berlin waren. Denn in Deutschland haben sie eine Fan-Basis, mit der sie online und per E-Mail verbunden sind.

Das Duo hatte fest geplant, nach Deutschland zu kommen. »Aber das war BC«, sagt Jamie. BC? Diese Abkürzung steht im englischen Sprachraum für »Before Christ«, also die christliche Zeitrechnung. »Before Covid«, sagt Jamie. »Wir hoffen, das in der Zeit nach Covid machen zu können.«

Jiddisch Eli Batalion und Jamie Elman wuchsen in Montreal auf, Kanadas zweitgrößter Stadt, die eine große jüdische Gemeinde hat. Beide besuchten die Bialik Highschool, in der Jiddisch eine der vier Sprachen war, die unterrichtet wurden. Aufgrund ihres Altersunterschieds von vier Jahren – beide Schauspieler sind in ihren 40ern – hatten sie an der Schule keinen Kontakt und gingen nach Schulabschluss auch eigene Wege.

Sie bedauern es, dass sie bisher noch nicht in Deutschland und Berlin waren.

Eli machte nach College- und Universitätsabschluss zunächst in Kanada Karriere mit Hip-Hop-Musicals. Jamie ging im Alter von 23 Jahren nach Los Angeles, um dort als Schauspieler zu arbeiten. 2005 trafen sie sich in Los Angeles, als Eli mit seiner Show in die Stadt kam.

Sie blieben in Kontakt und entwickelten die Idee, eine Comedyshow in Jiddisch zu schaffen, die sich um das jüdische Leben in Montreal drehen sollte. »Die Liebe zu Montreal ist Teil unserer DNA. Und Kultur, Essen und Sprache sind ein wichtiger Teil des Lebens im jüdischen Montreal«, sagt Jamie.

2014 veröffentlichten sie die ersten Episoden ihrer Web-Serie YidLife Crisis, in der sie als Jiddisch sprechende Freunde Leizer und Chaimie – essend und debattierend – durch Montreal ziehen.

Bagel Aus Osteuropa eingewanderte Juden hatten Anfang des 20. Jahrhunderts in Montreal die ersten Bagel-Bäckereien gegründet. Zwei von ihnen, die Fairmont-Bäckerei und die Bagel-Bäckerei in der St. Viateur-Straße, streiten sich darum, wer die besten Bagels macht.

In einer der Episoden führen Leizer und Chaimie, talmudischen Prinzipien folgend, eine tiefgehende Debatte über die Qualität der Bagels. »Eine talmudische Debatte ist eine tiefgehende Analyse von Gut und Böse, und jedes Wort wird interpretiert. Wir haben als Schüler dieses analytische Denken gelernt. Nun wenden wir es an, um jüdisches Leben zu analysieren«, sagt Eli.

Beide wurden in einem eher konservativen traditionellen Stil erzogen, sie lernten Hebräisch und Jiddisch.

Beide wurden in einem eher konservativen traditionellen Stil erzogen, sie lernten Hebräisch und Jiddisch. Sie ordnen sich aber »in der Mitte von Reform und Orthodoxie« ein. »Wir sind gegen die Ex­treme auf allen Seiten, wir wollen Brücken zu orthodoxen und zu Reformgemeinden bauen. Wir wollen durch unsere Comedy Menschen zusammenbringen, auch Juden und Nichtjuden«, sagt Jamie.

mischmasch Aus den vorsichtigen virtuellen Anfängen wurde eine Comedy-Serie, die als YidLife Crisis weltweit in jüdischen Gemeinden, auf Comedy- und jüdischen Kulturfestivals begeisterte Anhänger fand. Während ihre YidLife Crisis-Videos in Jiddisch mit englischen Untertiteln produziert wurden, sind die Bühnenauftritte in Englisch. Oder in »Mischmasch«, wie sie sagen.

Ein großer Erfolg war auch ihre Dokumentation Chewdaism, ein Wortspiel, das die englischen Begriffe »chew« (kauen) und »Judaism« (Judentum) zusammenfügt. In der einstündigen Doku mit dem Untertitel »A Taste of Jewish Montreal« essen sie sich durch jüdische Restaurants und Lebensmittelgeschäfte und erzählen die Geschichte der jüdischen Gemeinde Montreals in den vergangenen 100 Jahren.

Dabei legten beide Künstler mehrere Kilogramm zu. »Es war ein Opfer, aber wir brachten es aus Liebe zur Kunst«, meint Eli.

LiveShows »Wir hatten tolle Jahre mit unseren Liveshows. Es war großartig, jüdisches Leben zu präsentieren«, sagt Jamie. Dann kam Covid. »Es war deprimierend und verursachte eine Menge Kopfschmerzen. Wie konnten wir weitermachen?« Wie viele andere Künstler gingen sie online und entwarfen die Show Virtually Jewish. Das Publikum kann die Show nicht nur sehen, sondern auch kommentieren und die Künstler damit inspirieren.

»Wir hatten tolle Jahre mit unseren Liveshows. Es war großartig, jüdisches Leben zu präsentieren«, sagt Jamie.

»Wir haben jetzt die Möglichkeit, in kleinen Gemeinden virtuell aufzutreten.« Große und kleine jüdische Gemeinden können sich bei Jamie und Eli melden – und die Künstler stellen eine Show zusammen, die auch lokale Besonderheiten enthält. »Wir versuchen, die Gemeinde vorher kennenzulernen und dann einige Insider-Informationen einzubauen«, erzählt Jamie.

Zu ihrem digitalen Angebot zählt auch die Serie Global Shtetl, in der sie jüdisches Leben in großen Städten wie Toronto, Houston, Detroit, New York oder Tel Aviv erkunden. »Oft passen Religion und Comedy nicht sehr gut zusammen. Aber wir glauben, dass die jüdischen Gemeinden verstehen, dass unsere Shows auch eine Reverenz vor Religion und Kultur sind«, sagen sie. Und sie hoffen, mit ihrer Botschaft und ihrer Art, »Jiddischkayt« zu präsentieren, weitere Fans in Deutschland zu finden.

www.yidlifecrisis.com

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