Uganda

Wo der Rabbi Kaffee pflanzt

Die Treppe wirkt, als sei sie falsch herum gebaut worden. Viel zu hoch sind die Stufen, der Aufstieg ist schwieriger, als er sein müsste. So, als sollten Besucher daran gehindert werden, in den dritten Stock zu kommen.

Am Ende des dunklen Flurs schaut ein Kopf aus einem Türspalt. Es ist kurz nach halb sieben am Morgen, und Rabbinatsschüler Rachman Nachman wirkt noch nicht ganz wach. Er vertritt den Rabbiner, der sechs Busstunden weiter östlich in einem kleinen Dorf bei Mbale wohnt. Der kleine, drahtige Mann bittet um Entschuldigung. Es tue ihm leid, dass die Adresse so schwer zu finden ist. »Nach dem Anschlag auf das Einkaufszentrum in Nairobi sind hier ein paar seltsame Personen rumgeschlichen«, sagt er. »Da haben wir außen alle Schilder entfernt.«

Davidsterne In Ugandas Hauptstadt Kampala gibt es keine Straßenschilder. Man fragt sich durch. Aber die Synagoge kennt kaum jemand. Das Geschäftshaus, in dem sie sich befindet, sieht aus, als hätte jemand riesengroße Schuhkartons übereinander gestapelt. Im Betraum stehen ein großer Tisch und viele Stühle. Die Wände sind mit glänzenden Davidsternen und israelischen Flaggen geschmückt. Ein roter Samtvorhang verdeckt den Toraschrein. Alles scheint vorhanden zu sein, was eine Synagoge ausmacht. Aber: Ist es wirklich eine? Und ist Nachman wirklich Jude? Er gehört wie sein Rabbi zu den Abayudaya. Und das macht es schwierig, diese Fragen zu beantworten.

Einerseits lebt die kleine Gemeinde nach jüdischen Regeln: Man betet in Synagogen, kocht koscher, feiert Pessach und begeht Jom Kippur. Auch der Schabbat wird gehalten. Das fällt allerdings nicht schwer. Kaum jemand in den Dörfern der Abayudaya besitzt ein Auto, und nicht jedes Haus ist ans Stromnetz angeschlossen.

Andererseits handelt es sich bei der Gemeinde nicht um Nachfahren von Juden. Im Gegensatz zu den Igbo in Nigeria oder den Lemba im südlichen Afrika reichen die Wurzeln keine 100 Jahre zurück. Stattdessen gab es mit Semei Kakungulu einen Gründungsvater, der sich aktiv für das Judentum entschieden hatte.

Nachmans Blick bleibt fest, dennoch wird sein Gesicht bei diesen Fragen von einem Hauch Resignation durchweht. Er ist 28 Jahre alt. Kakungulu starb Jahrzehnte vor seiner Geburt. Nachman erzählt lieber von seinem Traum. »Ich hoffe, dass ich studieren kann. Ingenieurswesen, da verdient man gut.« Nachman möchte als reicher Mann zurückkommen in sein Dorf im Westen des Landes und eine Gemeinde aufbauen, »eine, die den Menschen etwas Gutes gibt, an das sie glauben können«.

Ein Chor aus Kinderstimmen beginnt zu singen. Von den Fenstern der Synagoge kann man direkt auf den verwinkelten Schulhof blicken. Dutzende Kinder sitzen eng gedrängt auf Holzbänken. Die Mädchen tragen Kopftücher. Etwas weiter entfernt stehen die bunt bemalten Minarette zweier Moscheen, daneben eine streng bewachte christliche Schule. Das Verhältnis zu den Nachbarn sei gut, sagt Nachman. »Nun ja, die meisten wissen nicht, dass es uns gibt. Und wir sind nicht viele.« In Kampala trifft man sich freitags nur nach vorheriger Verabredung zum Gebet. »Wir sind der Außenposten für Juden, die aus dem Ausland kommen.« Die Gemeinde im Osten sei viel lebendiger.

Kolonialherren Semei Kakungulu, der Gründer der Gemeinde, wurde 1869 geboren und im Kindesalter von den Briten missioniert. Als Krieger eroberte er große Gebiete des Landes für das Empire. Zum Dank machten sie ihn zum Gouverneur von Ostuganda – aber nicht zum König, wie er es erwartet hatte. Enttäuscht verkroch er sich hinter biblische Texte. Je mehr er sie studierte, desto größer wurde seine Verachtung für die Kolonialherren.

1913 kam es zum Bruch, als er sich den Abamalaki anschloss, einer christlichen Sekte, die scheinbar wahllos auch jüdische Bräuche praktizierte. Vier Jahre später, nach einem Streit über das Beschneidungsgebot, zog sich Kakungulu mit seinen Anhängern in die Berge zurück. Er beschnitt seine Söhne, gab ihnen neue Namen wie Israel oder Nimrod und lebte seine eigene Interpretation vom Judentum. Schließlich hatte bis dahin im ganzen Land noch nie jemand einen »echten« Juden gesehen.

Das änderte sich, als ein Siedler sechs Monate mit ihm verbrachte. Der Schabbat wurde eingeführt und man verzehrte nur noch Fleisch von Tieren, die geschächtet worden waren. Kakungulu hielt allerdings bis zuletzt an einer Regel der Abamalaki fest: Er lehnte westliche Medizin strikt ab. Am 20. November 1928 starb er an Wundstarrkrampf. Seine Nachfahren betreiben heute ein Krankenhaus in Mbale. Geblieben ist allerdings der Name Abayudaya, was auf Luganda »Kinder von Juda« heißt.

Holzhütten Aus Mbale kommend, führt der Weg immer weiter weg von der Zivilisation ins saftig grüne Hochland. Vorbei an Holzhütten, Bananenstauden, angebundenen Ziegen, Gemüsebeeten, Waldstücken. Kinder jagen barfuß flatternde Hühner durch den Matsch. Bis schließlich ein lebendiger Vorhang aus Blättern und Zweigen aufgeht und kleine Hütten zum Vorschein kommen.

Ein Schulhof wie ein kleiner englischer Park. Unter Laubbäumen sitzen Teenager auf großen Felsbrocken. Sie tragen Schuluniformen. Die Mädchen haben ihr Haar mit weißen Tüchern bedeckt. Einige tragen den Stoff auf typisch afrikanische Weise mit einem festen Knoten, viele andere als Hidschab. »Wir sind keine abgeschnittene Gemeinde«, sagt Schulleiter Satte Jaffar, »hier leben auch Christen und viele Muslime. Aber unsere Schule ist die beste hier.« Einige Schüler seien von Verwandten hierher geschickt worden, erzählt Jaffar.

Direkt hinter der Highschool steht die Grundschule. Sie besteht aus zwei großen, ockerfarbenen Steinhäusern mit dunklen Fenstern. In den Pausen flitzen hier Hunderte bunt angezogener Kinder lachend umher.

Hinter dem Bolzplatz befindet sich die kleine Moses‐Synagoge von Nabugoye: ein Flachbau mit weißer Fassade und drei blauen Toren. Auf einer Plakatwand neben dem Eingang wird die computergenerierte Vision einer neuen Synagoge präsentiert. Noch liegen nur ein paar große Feldsteine an dem Ort, wo sie einmal stehen soll.

Nach Kakungulus Tod lebten die Abayudaya jahrzehntelang zurückgezogen und unauffällig. Diktator Idi Amin putschte sich 1971 an die Macht. Im ganzen Land floss auf seinen Befehl hin Blut. Er ließ Intellektuelle ermorden, Richter oder konkurrierende Offiziere. Weil Israel die Lieferung von Waffen nach Uganda versagte, ließ Idi Amin auch die Abayudaya verfolgen. 3000 von ihnen soll es vor der Regierungszeit des Hitler‐Verehrers gegeben haben. Hunderte nahmen einen anderen Glauben an, um der Verfolgung zu entkommen. Nur noch 300 bis 400 soll es gegeben haben, als sich Amin im April 1979 nach Libyen absetzte.

Heute ist die Gemeinde wieder erstarkt. »Wir werden bald mehr als 2000 sein«, sagt Rabbi Gershom Sizomu (47). Mit seiner Familie wohnt er direkt hinter der Synagoge, einen Steinwurf entfernt von Kakungulus Grab. Auf einer grünblauen Plastikplane liegt die Kaffeeernte ausgebreitet. Ein tiefer Teppich aus blassen Bohnen, halb so groß wie ein Volleyballfeld. Die meisten Familien hier bestellen ein kleines Stück Land, leben von Kaffee‐ und Bananenanbau. So auch der Rabbi. Sein dritter Job liegt in der Verwaltung des Tobin Health Centers in Mbale, einem Krankenhaus, das die Gemeinde gegründet hat. Die Ärzte behandeln dort Malaria‐Infizierte und viele HIV‐Patienten.

Sizomu ist Rabbiner in dritter Generation – aber der erste in der Gemeinde mit Smicha. Gemeinsam mit etwa 400 weiteren Gemeindemitgliedern wurde er vor 13 Jahren vor einem konservativen Beit Din konvertiert. Danach ging er auf ein Rabbinerseminar in Los Angeles.

Konversion Vor drei Jahren besuchte Rabbi Shlomo Riskin, Gründer der israelischen Organisation Ohr Torah Stone, mit Kollegen das ugandische Dorf Puti und erklärte dort einige Mitglieder offiziell zu Juden. In einem Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen wählt er diplomatische Worte, um den Status der ugandischen Gemeinde in der jüdischen Welt zu beschreiben: »Die Abayudaya behaupten nicht, Juden zu sein, aber sie praktizieren seit fast 100 Jahren das Judentum.« Die einzelnen Mitglieder müssten natürlich erst konvertieren, um offiziell Juden zu sein, sagt Riskin. Er hofft, dass neben Nabugoye bald auch das orthodoxe Dorf Puti einen eigenen Rabbiner haben werde. »Sie sind eine wunderbare Gemeinde, die das Judentum sehr streng auslegt.«

Der Nachwuchs ist auch für Sizomu ein großes Thema. Neben Nachman unterrichtet er momentan sieben weitere Rabbinatsschüler. Viermal die Woche trifft er sich mit zweien von ihnen kurz nach Sonnenaufgang, um Hebräisch zu lernen. Seth und Aaron sind beide um die 40. Sie lesen noch etwas holprig. Der Rabbi wiederholt jeden Satz noch einmal und berichtigt die Aussprache. Anschließend wird über die Passage diskutiert. Wie die anderen Rabbinerschüler hoffen auch Seth und Aaron, irgendwann die Ausbildung in Israel beenden zu können. Doch wie den anderen fehlt auch ihnen das Geld dazu.

Während sie sich Wort für Wort durch den Text manövrieren, stehen die drei Flügeltüren der kleinen Moses‐Synagoge weit offen. Der Wind trägt das Kikeriki der Hähne heran. In den Hütten am Hügel erwacht ein neuer Tag.

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