Moldawien

»Wir wollen endlich Stabilität«

Kedem-Chefin Stella Harmelin Foto: Jutta Sommerbauer

Kein Schild deutet darauf hin, dass sich hinter dem weißen Gebäude das größte jüdische Zentrum Moldawiens verbirgt. Denn in der Lemnaria-Synagoge aus dem Jahr 1835 befindet sich etwas versteckt seit dem Jahr 2005 der »Kishinev Jacobs Jewish Campus«, auch bekannt als »Kedem-Campus«.

Hier schlägt das Herz der jüdischen Gemeinde von Chisinau. Im Konzertsaal musiziert gerade Efim Chorny. In diesen Tagen stattet der Klezmer-Star, der normalerweise durch die weite Welt tourt, seiner Geburtsstadt einen Besuch ab. Nun veranstaltet er eigens eine Jam-Session. So wird es ein ausgelassener Nachmittag – eher die Ausnahme für viele Juden in dem kleinen Land zwischen Rumänien und der Ukraine. Denn die soziale und politische Lage bleibt weiter angespannt.

Abwanderung Von den 3,5 Millionen Einwohnern lebt deshalb eine Million im Ausland. Hoffnungslosigkeit und Armut prägen den Alltag. Eine Realität, die auch Stella Harmelin, die Chefin von Kedem, nur allzu gut kennt. »Wir warten schon so viele Jahre auf Besserung«, sagt die 59-Jährige. »Die Stimmung ist daher schlecht.«

Von den 3,5 Millionen Einwohnern lebt deshalb eine Million im Ausland.

Am Sonntag wurde nun gewählt. Dabei gingen die Sozialisten als Sieger hervor. Der pro-europäische Block »Acum« landete auf Platz zwei. Galt Moldawien bei dem Thema Annäherung an die EU lange als ein Musterschüler, so beobachtete man jüngst eher eine Oligarchisierung. Verantwortlich dafür ist die Demokratische Partei, angeführt von dem Milliardär Vlad Plahotniuc. Sie kam am Sonntag auf Platz drei. Harmelin mag all das nicht direkt kommentieren. Einen Wunsch an die neue Regierung aber hat sie: »Wir wollen endlich mehr Stabilität im Land, damit niemand mehr auswandern muss.«

Zentrum Sich politisch nach allen Seiten offen zeigen – das scheint die Überlebensstrategie zu sein. Rund 17.000 Juden leben nach Schätzungen des Judaisten Jewgnij Brik im gesamten Land sowie dem abtrünnigen Gebiet Transnistrien. Von offizieller Seite wird die Zahl mit 5000 angegeben. Dabei war die Region einst ein wichtiges jüdisches Zentrum. Dann kamen die deutschen Truppen und mit ihnen ihre rumänischen Verbündeten. Die Rote Armee befreite zwar das Land. Was aber folgte, waren die Repressionen der stalinistischen Herrschaft. Und in den 70er-Jahren setzte die Auswanderung nach Israel ein.

 

Die Politik in Chisinau bemüht sich indes um ein gutes Verhältnis zur Gemeinde.

Trotzdem konnte man sich behaupten. Ein Indiz dafür ist die kürzlich wiedergegründete Gemeindezeitung »Unsere Stimme«, die es auf eine Auflage von immerhin 2000 Exemplaren bringt. Die einzige Partei, die im Wahlkampf eine Anzeige in dem Blatt geschaltet hatte, waren die Sozialisten.

Bildungsprojekte Die Politik in Chisinau bemüht sich indes um ein gutes Verhältnis zur Gemeinde. Es gibt gemeinsame Bildungsprojekte mit Kedem, weiß Harmelin zu berichten. Auch hat die Regierung die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) übernommen. In der jüdischen Gemeinde nahm man diesen Schritt mit Wohlwollen zur Kenntnis. Ansonsten hofft man, dass längst geplante Projekte endlich in Angriff genommen werden, wie etwa die Sanierung des jüdischen Friedhofs oder der Bau eines Museums.

Trotzdem bleibt Antisemitismus ein Thema. 2009 hatten christlich-orthodoxe Aktivisten eine im Zentrum Chisinaus aufgestellte Menora zerstört. Diese sei eine »Provokation« gewesen und wurde von ihnen durch ein Kreuz ersetzt. Die Strafe dafür: umgerechnet 50 Dollar. Früher sei der Antisemitismus spürbarer gewesen, so Stella Harmelin. In ihrer Kindheit hieß es oft: »Geht doch nach Israel!« Aber ganz so sicher fühlt sich die Kedem-Chefin auch nicht. »Man bleibt immer auf der Hut. Man weiß nie, was passiert.«

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