Südafrika

»Wir werden euch töten«

Ihr Juden gehört nicht hierher«, »Geht zurück in euer Land«, »Wir werden euch töten.« Diese Rufe waren vor einigen Wochen auf den Straßen Johannesburgs zu hören. Südafrika erlebte einen Rückschritt in seine dunkelsten Tage. Eigentlich sollten bei der »Israeli Trade Expo« die Handelsbeziehungen zwischen Südafrika und Israel gestärkt werden. Für die anti‐israelische Gruppe »Boycott, Divestment and Sanctions« (BDS) war dies eine passende Gelegenheit, um Hass zu säen. Die 2005 gegründete pro‐palästinensische Initiative versucht, durch Boykottaufrufe Druck auf Israel auszuüben.

In Johannesburg demonstrierten Hunderte BDS‐Anhänger gegen die Israeli Trade Expo. Rasch verwandelte sich der Protest jedoch in eine Kampagne gegen Südafrikas Juden. »Es wurde schnell offensichtlich, dass die Demonstration nur als Fassade diente, den Hass gegen Juden zu schüren«, sagt Mary Kluk, die Vorsitzende des südafrikanischen Jewish Board of Deputies (SAJBD). So wie Kluk erkennen viele einen antisemitischen »Trend« in Südafrika – mit Hasstiraden, Hakenkreuzen und jüngst auch gewalttätigen Übergriffen.

Statistik Kaum 100.000 Juden leben heute in dem Land am Kap. Sie machen nur 0,2 Prozent der Bevölkerung aus, aber sie sind fester Bestandteil der südafrikanischen Regenbogennation. Einige Ikonen der Anti‐Apartheid‐Bewegung waren jüdisch, wie die Freiheitsaktivistin Helen Suzman oder der bekannte Bürgerrechtler Denis Goldberg.

Die meisten Juden kamen Ende des 19. Jahrhunderts und während des Zweiten Weltkriegs aus Europa. Ihre Nachfahren sind vollständig integriert. Vielen geht es gut mit ihren zwei Identitäten: einerseits als Bürger eines aufstrebenden afrikanischen Staats, andererseits als traditionelle Juden. Aus eigener Erfahrung weiß der Kapstädter Craig Nudelman: »Meine südafrikanische und meine jüdische Persönlichkeit werden im Alltag permanent miteinander vermischt. Meine jüdischen Ideale und meine jüdische Erziehung haben mich gelehrt, meinen Beitrag für ein fortschrittliches Südafrika zu leisten.«

Männer mit Kippa gehören heute in Südafrikas Großstädten zum gewohnten Anblick. Drei Jugendlichen wurde in Johannesburg ihre Kleidung kürzlich jedoch zum Verhängnis: In einem Einkaufszentrum verfolgte ein Mob die Teenager, beschimpfte sie als »dreckige Juden« und verprügelte sie. Der Vorfall ereignete sich just am südafrikanischen Menschenrechtstag, dem 21. März. Während die Polizei immer noch ermittelt, befürchtet Wendy Khan, Direktorin des SAJBD, eine neue Dimension antijüdischer Hetze: »Wir beobachten seit Längerem eine Eskalation antisemitischer Rhetorik. Aber jetzt wurde zum ersten Mal die Schwelle zur Gewalt überschritten.«

GEsetze Das SAJBD war die erste Institution, die bei den antijüdischen Übergriffen von »Antisemitismus« sprach. Die jüdische Bevölkerung selbst ist sich über die Definition noch uneins. »Die meisten Juden führen ein gutes Leben in Südafrika. Die Gesetze schützen uns, und wenn überhaupt, machen nur ganz wenige von uns Erfahrungen mit Antisemitismus«, sagt David Jacobson, der in Kapstadt als Berater im Erziehungswesen arbeitet. Seiner Meinung nach empfänden ausschließlich politisch aktive Juden ein »Gefühl der Bedrohung«.

Richard Freedman ist anderer Meinung. Der Direktor der Holocaust & Genocide Foundation sieht alle südafrikanischen Juden in Gefahr. »Aktionen, die gezielt jüdische Bräuche, die Religion oder Identität angreifen, hegen alle einen Grad von Antisemitismus. Deshalb sollte man ihn auch beim Namen nennen.«

Lindy Diamond, Chefredakteurin des Monatsmagazins »Cape Jewish Chronicle«, denkt ähnlich. Sie verweist auf einen schlagzeilenträchtigen Vorfall im vergangenen Oktober, bei dem ein pro‐palästinensischer Student in einem Supermarkt in Kapstadts jüdisch geprägtem Vorort Sea Point einen Schweinekopf platzierte. »Der Student hat niemals im Supermarkt einen Juden nach seiner politischen Haltung gefragt«, sagt Diamond. »Deshalb gehen wir davon aus, dass er Juden im Allgemeinen angriff und ihnen vermitteln wollte, nicht willkommen zu sein.«

Nach eigenen Angaben wollte der Student ein Zeichen gegen die Geschäftspolitik der Supermarktkette setzen, die bestimmte Produkte aus Israel verkauft. Der Congress of South African Students lobte den jungen Mann für seine Tat als »revolutionär«. Diamond zufolge entlarvte die Aktion nichts weiter als das Unwissen der pro‐palästinensischen Lobby: Der Student hatte den Schweinekopf versehentlich an der Halal‐ statt an der Koscher‐Theke platziert.

Politaktivismus
Auch bei den Protesten gegen die Israeli Trade Expo marschierten Demonstranten, denen die Hintergründe ihres Politaktivismus nicht bewusst waren. »Ich weiß nicht, weshalb wir hier sind, wen wir unterstützen oder gegen wen wir sind«, zitierte die Tageszeitung »The Star« eine Teilnehmerin. Am Vortag habe die 51‐jährige Township‐Bewohnerin einen Anruf erhalten, dass es in Johannesburg eine Veranstaltung gäbe und Busse für sie bereitstünden. David Jacobson bestätigt: »Viele Zwischenfälle werden von Menschen verübt, die rein gar nichts über die Streitfragen wissen.« Drahtzieher ist meist die pro‐palästinensische Lobby, allen voran BDS.

Bei den meisten Mitgliedern der Gruppe handelt es sich um Studenten. Doch auch Vertreter des mächtigen südafrikanischen Gewerkschaftsbunds COSATU und zahlreiche muslimische und christliche Organisationen unterstützen BDS. Jedes Jahr begehen sie die Israeli Apartheid Week, bei der sie mit Vorträgen, Protestmärschen und Filmvorführungen gegen Israel mobil machen. 45 südafrikanische Städte und Studenten von 20 Universitäten nahmen dieses Jahr daran teil.

Weitreichenden Einfluss besitzt zudem die National Coalition for Palestine (NC4P), bestehend aus 30 religiösen Gruppen, Gewerkschaften und Jugendvereinen. Vergangenen Sommer mobilisierte sie mehr als 30.000 Demonstranten, die Kapstadts Zentrum lahmlegten und von Südafrikas Parlament forderten, mit diplomatischen Mitteln gegen Israel vorzugehen.

Viele Juden beschuldigen BDS, den Nahostkonflikt nach Südafrika zu importieren. So etwa im Februar, als die Initiative die palästinensische Flugzeugentführerin Leila Khaled für eine Spendentour nach Südafrika holte. »Wir haben wiederholt betont, dass BDS durch seine Aktionen ein Klima des Antisemitismus schürt und zugleich jede vernünftige Debatte um den Nahostkonflikt zunichtemacht«, erklärte das SAJBD. Die von BDS mitveranstaltete Israeli Apartheid Week trage nicht dazu bei, den Frieden im Nahen Osten herzustellen. Vielmehr diene sie dazu, die Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus zu überschreiten. Unausweichlich gerieten dadurch auch unbeteiligte Juden in Gefahr. Inzwischen warnen Beobachter vor »zunehmender Militanz« in Südafrikas anti‐israelischen Kreisen.

Wutmob Gleichwohl sind auch die politischen Parteien des Landes nicht unschuldig. Die verwirrte Demonstrantin bei der Israeli Trade Expo gestand, von der South African Communist Party eingeladen worden zu sein. Laut »Star« hätten sich auch Anhänger des regierenden African National Congress (ANC) unter den Wutmob gemischt. Der ANC hatte sich schon früh mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO verbrüdert. ANC‐Chef Nelson Mandela sagte einst: Genauso wie der ANC habe auch der verstorbene PLO‐Führer Jassir Arafat »gegen eine einzigartige Form des Kolonialismus« gekämpft. Die Anführer sahen ein gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Feind, wenngleich in anderer Gestalt.

Heute trägt der ANC das Regelwerk von BDS in seiner offiziellen Parteiagenda und schürt regelmäßig die Stimmung gegen Israel. Erst im März verurteilte der Vize‐Präsidialminister Obed Bapela in einer Rede alle südafrikanische Juden, »die immer noch auf Israels Seite stehen«.

Laut Freedman von der Holocaust Foundation liege hier das eigentliche Problem. »Ein Großteil der judenfeindlichen Rhetorik resultiert aus einer Abneigung gegen Israel. Doch die Grenzen in Südafrika sind schon lange verschwommen. Deshalb schlägt der Aktionismus gegen Israel häufig in Antisemitismus über – ob absichtlich oder aus einem Bewusstseinsmangel.« Dem will Freedmans Verein entgegenwirken: In Kapstadt, Durban und Johannesburg versucht er, über die historische und moderne Verfolgung von Juden aufzuklären.

Auch das Jewish Board of Deputies hält Bildung, den Kontakt mit den Medien und notfalls gerichtliche Schritte für die probaten Mittel. So verklagte das SAJBD im vergangenen Jahr den Gewerkschaftsführer der Provinz Westkap, Tony Ehrenreich. Der hatte gefordert, für jedes getötete palästinensische Kind gewaltsam gegen Südafrikas Juden vorzugehen, und kündigte auf seiner Facebook‐Seite an: »Auge um Auge«. Das SAJBD brachte den Gewerkschaftsboss nicht nur vor Gericht, sondern auch vor die nationale Menschenrechtskommission.

Um direkt gegen militante Demonstranten vorzugehen, gründete das SAJBD in den 90er‐Jahren die Community Security Organisation. Diese landesweite Nachbarschaftswache soll jüdische Familien im Alltag schützen und für Sicherheit bei jüdischen Veranstaltungen sorgen.

Noch fühlen sich viele Juden sehr sicher in Südafrika. Lindy Diamond vom Cape Jewish Chronicle betrachtet die antisemitischen Unruhen als »Einzelfälle«. »Selbst wenn die Unterstützung für Israel oder Palästina häufig Grenzen überschreitet, respektiert man weithin unser Recht, das Judentum frei zu leben«, sagt sie.

Auch Heidi‐Jane Esakov sagt, sie habe sich in Südafrika aufgrund ihres Jüdischseins niemals bedroht gefühlt. Sie warnt davor, die antijüdischen Vorfälle der breiten Gesellschaft anzulasten. Im Vergleich mit anderen Ländern verzeichne Südafrika eine der »niedrigsten Raten von Antisemitismus weltweit«, betont sie. Ihre Freundin, Maya Schkolne, pflichtet ihr bei. »Es verändert sich gerade etwas in Südafrika: Die Zahl antisemitischer Vorfälle wächst, das muss man sehr genau beobachten«, sagt sie. »Man sollte dies aber nicht als Trend ansehen – oder gar als Vorboten einer modernen Kristallnacht.«

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